Um die Mobilität in ländlichen Regionen zu verbessern, gehen immer mehr Kommunen und lokale Initiativen neue Wege. Digitale Mitfahrbänke, Bürgerbusse und mehr sollen die Lücken schließen, die durch ausgedünnte Fahrpläne entstanden sind.

Von Harun Atmaca (Text), Ingo Berghöfer (Text)
und Manuela Falk (Fotos und Videos)

Das Problem

Verwaiste Bushaltestellen, stillgelegte Bahnstrecken, ausgedünnte Fahrpläne: Ohne eigenes Auto ist eine selbstbestimmte Mobilität im ländlichen Raum kaum möglich. Der demografische Wandel und der Trend, dass immer mehr Menschen in die Städte ziehen, haben Spuren in den Dörfern hinterlassen. Es gibt Forderungen nach einem besseren Öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV). Und es gibt lokale Initiativen, die an kleineren Lösungen arbeiten. In der Wetterau setzen sich Schüler für einen besseren Nahverkehr ein, bisher wurden sie aber noch nicht von der Politik gehört.

Klicken Sie auf das Video, um zu hören, was die beiden Schülerinnen Lena Jüngling (links) und Vanessa Paci (rechts) zu sagen haben und was sie bereits unternommen haben.

Momentan ist der ländliche Raum abgehängt und verliert mit dem  Run auf die Ballungsräume immer mehr den Anschluss. Das Problem ist altbekannt, und überall im Land entwickeln kreative und engagierte Köpfe Lösungsansätze.

Es gibt einige Lösungsansätze, die sich mit dem Problem Mobilität auf dem Land beschäftigen. Manche von ihnen funktionieren gut, andere werden nicht angenommen und wieder andere müssen erst noch umgesetzt werden. Ein paar Lösungen stellen wir Ihnen im Folgenden vor.

Lösung 1: Bürgerbusse

Das Fachzentrum für Mobilität im ländlichen Raum unterstützt bestehende Mobilitätsprojekte und deren Weiterentwicklung. Prominentestes Beispiel ist das Förderprogramm für Bürgerbusse des Landes Hessen, das 2018 ins Leben gerufen wurde. Inzwischen wird es in vielen ländlichen Kommunen genutzt. Auch in Laubach im Landkreis Gießen gibt es Bürgerbusse. Seitdem die Zahl der Haltestellen deutlich ausgebaut worden ist und ältere Bürger auch an der Haustür abgeholt werden, hat sich das Angebot in Laubach nach anfänglichen Startschwierigkeiten etabliert. In Feldatal im Vogelsbergkreis ist das Projekt erst gestartet.

Erst seit Januar 2019 gibt es einen Bürgerbus in Feldatal. Klicken Sie auf das Video, um zu erfahren, wie er angenommen wird. 

2017 erst wurde gemeinsam mit dem Rhein-Main-Verkehrsverbundes (RMV) und dem Nordhessischen Verkehrsverbund (NVV) das Fachzentrum für Mobilität im ländlichen Raum gegründet. Das Konzept der Bürgerbusse ist einfach: Die Kleinbusse werden von Ehrenamtlichen organisiert und auf Strecken gefahren, die sonst nicht regelmäßig bedient werden können. Um kostengünstige Alternativen zu finden, setzen inzwischen viele Kommunen auf Angebote, die klassische öffentliche Verkehrsmittel ergänzen. Etwa die Gemeinde Heuchelheim im Landkreis Gießen: Ein Kleintransporter, mit dem  Kinder zum Kindergarten gebracht werden, wird jetzt auch genutzt, um Bürger zu lokalen Geschäften zu fahren. Und in den Städten Lich, Hungen, Laubach und Grünberg ermöglicht ein Theaterbus den Menschen die Teilhabe am kulturellen Leben in Gießen.

Die Attraktivität des ländlichen Raums steht und fällt mit den Möglichkeiten, von einem Ort zum anderen zu kommen

Vanessa RehermannSprecherin des Rhein-Main-Verkehrsbundes (RMV)

Alternative 2: Kundenfahrservices

Doch nicht immer müssen die Kommunen die Initiative ergreifen. Andersorts ergreifen lokale Unternehmen die Initiative, so wie nordöstlich von Gießen, in der 4000-Seelen-Stadt Allendorf/Lumda. Dort bietet ein Lebensmittelmarkt einen Fahrdienst an.

Klicken Sie auf das Video, welchen Service ein Kundenfahrservice bieten kann.

Friedhelm Sames, Sprecher des Fahrgastbeirates im Landkreis Gießen, begrüßt solche Angebote wie den Kundenfahrservice, aber die große Masse spreche man damit nicht an. Sie könnten daher neben der Schiene und dem Bus nur als zusätzliche, dritte Säule fungieren.

Lösung 3: Mit-Fahr-Bänke

Aber nicht immer werden die Ideen auch angenommen, wie ein Beispiel aus Laubach zeigt: Neben dem Bürgerbus gibt es seit einem Jahr auch 35 Mitfahrbänke. Die Idee dahinter: Wer auf solch einer Bank Platz nimmt, signalisiert Autofahrern, dass er mitgenommen werden will.  Die Neugierde war am Anfang groß, ein Jahr später die Ernüchterung ebenso. Andreas Schöneborn, Ortsvorsteher des Laubacher Stadtteils Altenhains erläutert das Problem.

Klicken Sie auf das Video, um zu hören, welche Gründe der Ortsvorsteher vorbringt, weshalb die Mit-Fahr-Bänke nicht angenommen werden. 

Lösung 4: Mit-Fahr-Bänke mit App

Viele haben also scheinbar Hemmungen, sich zu Fremden ins Auto zu setzen. In der Stadt Romrod im Vogelsbergkreis ist man deshalb einen Schritt weitergegangen und hat die Mitfahrbänke mit einer Handy-App gekoppelt. Die derzeit registrierten 150 Fahrer erhalten eine Push-Nachricht, wenn jemand an einer Mitfahrbank auf den dort installierten, solarbetriebenen Terminals seinen gewünschten Zielort eingibt. Besonderer Clou bei „Fairfahrt“: Eltern von minderjährigen Teilnehmern werden über den jeweiligen Standort ihrer Sprösslinge informiert.

Trotz der „europaweiten positiven Resonanz“ für das Projekt „Fairfahrt“ ist Bürgermeisterin Dr. Birgit Richtberg von der Akzeptanz in der Kommune doch „ein bisschen enttäuscht“. Auch hier die Gründe: Viele Ältere scheuen die Fahrt mit Fremden. Sterben lassen will Richtberg „Fairfahrt“ aber auf keinen Fall, weil sie in solchen Projekten vielleicht nicht die Gegenwart, in jedem Fall aber die Zukunft sieht.

Foto: Falk

Im ersten Schritt ist die App nun unter Schülern beworben worden, die sie mittlerweile nutzen, um per Handy die Heimfahrt zu organisieren. Die Romröder Bürgermeisterin kann sich auch ein Belohnungssystem als Anreiz für Fahrer vorstellen: Wer sich beteiligt, erhält Bonuspunkte, die er in der Gemeinde gegen eine andere Dienstleistung eintauschen kann.

Da es über die Akzeptanz und Nutzung von Mitfahrbänken bislang keinerlei verlässlichen Studien gibt, hat das Fachzentrum der hessischen Verkehrsverbünde eine Untersuchung zur Nutzung der Mitfahrbänke in Taunusstein bei der Hochschule Rhein-Main und der Frankfurt University of Applied Sciences in Auftrag gegeben.

Lösung 5: On-Demand-Verkehr

Mehr als eine Ergänzung zum ÖPNV sieht das Fachzentrum für Mobilität im ländlichen Raum in Mitfahrbänken aber nicht. Dort lenkt man das Hauptaugenmerk unter anderem auf die Digitalisierung. Sie ermögliche On-Demand-Verkehre, trage aber auch zu einer wachsenden Verbreitung von Carsharing bei. Noch spielt Carsharing im ländlichen Raum kaum eine Rolle. Dabei besitzen insbesondere auf dem Land viele Menschen ein Auto.

6,5
Autos kommen auf 100 Einwohner im Vogelsberg
80
Autos kommen auf 100 Einwohner im Main-Taunus-Kreis
45
Autos kommen auf 100 Einwohner in Städten wie Frankfurt und Darmstadt
59
Autos kommen durchschnittlich auf 100 Einwohner in Hessen

Neue Ansätze versuchen, den Fuhrpark von Kommunen oder Firmen auf Carsharing umzustellen. Im Landkreis Marburg-Biedenkopf im Cölber Ortsteil Schönstadt hat es sogar eine private, nichtkommerzielle Initiative geschafft, sich zu etablieren. Das dort seit 2014 bestehende Carsharing-Projekt „schöner-mobil“ schreibt schwarze Zahlen.

Lösung 6: Vorhandene Ressourcen nutzen

Doch das Grundgerüst für den ÖPNV müssen nach wie vor Bus und Bahn bilden. „Wichtig sind direkte Fahrtwege und kurze Fahrzeiten, mindestens im Stundentakt“, ist man beim Fachzentrum überzeugt. „Die Bürger sagen, sie würden mehr Bus fahren, wenn mehr Busse fahren würden. Die Betreiber sagen, sie würden gerne mehr Busse einsetzen, aber es nutzen nicht genug Fahrgäste das Angebot“, sagt Friedhelm Sames vom Fahrgastbeirat im Landkreis Gießen. Ein „Henne-Ei-Problem“, für das noch keine Lösung gefunden sei. In der Stadt wird der ÖPNV ganz gut genutzt und dank der eher kurzen Distanzen sind auch Radfahren oder der Fußweg eine Option. Auf dem Dorf ist man jedoch auf das Auto angewiesen, möchte man flexibel bleiben.

Daten: Statistik Personenverkehr 2017 / Verband Deutscher Verkehrsunternehmen
Daten: Statistik Personenverkehr 2017 / Verband Deutscher Verkehrsunternehmen

Das zurzeit größte Potenzial, die Mobilität für viele Menschen zu verbessern, schreibt Sames indes einer stillgelegten Bahnschiene zu. Im Zuge der Bahnreform waren ab 1994 über 80 Nebenstrecken stillgelegt worden. Nun arbeitet die hessische Landesregierung daran, einige dieser Strecken zu reaktivieren – unter anderem auch die Horlofftalbahn. Sie soll künftig wieder zwischen Wölfersheim in der Wetterau und Hungen

Klicken Sie auf das Video, um zu sehen, wie die stillgelegte Strecke mittlerweile aussieht und welche Anstrengungen unternommen werden.