Windeln, Quetschie-Tüten, Feuchttücher: Kinder produzieren jede Menge Abfall. Nicht bei Familie Klaus aus Wiesbaden: Sie wirft fast nichts weg.

456
Kilogramm Müll produziert jeder Deutsche im Jahr
213
Kilogramm Verpackungen wirft jeder Deutsche im Jahr weg
50
Prozent des Kunststoffmülls in Deutschland wird verbrannt

Der Abfallbehälter ist klein, er fasst vielleicht fünf Liter und ist nicht mal halb voll. Verena Klaus breitet den Inhalt vor sich auf der Arbeitsplatte in ihrer Küche aus: ein paar Stofffetzen, eine fleckige Jutetüte, ein kaputter Luftballon mit Schnur. Mehr Restmüll ist bei Familie Klaus aus Wiesbaden nicht angefallen – innerhalb einer ganzen Woche. Familie Klaus, dazu gehören neben der 35 Jahre alten Mutter die beiden Söhne Hugo (5) und Kasimir (3) sowie Vater Orlando (33). Die Familie betreibt Müllvermeidung oder neudeutsch „Zero Waste“ (engl. für „null Müll“): Sie versucht, so gut wie möglich nichts wegzuwerfen und auf Plastik zu verzichten.

Windeln, Feuchttücher, Quetschie-Trinktüten: Normalerweise wächst der Müllberg mit kleinen Kindern im Haushalt. Verena und Orlando Klaus schaffen es, ihn beeindruckend klein zu halten. Wie machen sie das? Viele Dinge, die in anderen Haushalten Standard sind, sucht man in ihrer Dachgeschosswohnung im Nerobergviertel vergeblich: Getränke in PET-Flaschen, Milchkartons, Käseverpackungen. In den Küchenschränken stehen Weckgläser, gefüllt mit Müsli, Mehl und anderen Lebensmitteln. „Vorräte wie Reis kaufen wir in 50-Liter-Säcken, die wir einem extra Raum im Dachboden lagern“, erklärt Verena Klaus. Wenn die Säcke leer sind, dienen sie als Müllbeutel.

Statt Tempos schnäuzt sich die Familie in Stofftaschentücher. Das halten sie sogar in Erkältungszeiten durch, versichert Verena Klaus. „Seitdem haben wir keine roten Nasen mehr.“ Klebrige Kinderfinger werden mit einem feuchten Baumwolltuch gesäubert. Beim Essen liegen Servietten aus Stoff neben den Tellern. Die Familie putzt sich die Zähne mit Zahnputztabs und Bürsten aus Bambus. Vater Orlando benutzt einen Rasierhobel aus Edelstahl. Verena Klaus verwendet statt Hautcreme Arganöl aus einer Flasche. Plastik, sonst allgegenwärtig, ist hier Mangelware.

Verena und Orlando Klaus begannen 20012 – damals noch als kinderloses Paar – , sich mit dem Thema Müll zu beschäftigen. Auslöser war eine Rucksackreise durch Indien. „Dort lag überall Plastik herum: auf der Straße, am Strand, in Feldern“, erinnert sich die ausgebildete Kostümbildnerin, die heute Mobilitätsmanagement studiert. Dabei kauften viele Inder ihre Lebensmittel frisch, ohne Verpackungen. So mit Abfallbergen einer anderen Gesellschaft konfrontiert, ging Verena Klaus nach ihrer Rückkehr ein Gedanke nicht aus dem Kopf: „Wenn es dort schon so viel Müll gibt, wie viel gibt es dann erst bei uns – ohne, dass wir ihn sehen?“

18
Millionen Tonnen Verpackungsmüll fielen 2016 in Deutschland an
400
Millionen Tonnen Kunststoff wird jedes Jahr weltweit produziert
7
Millionen Tonnen Plastik landen jedes Jahr im Meer

456 Kilogramm Müll produziert jeder Deutsche im Schnitt im Jahr, davon sind 212,5 Kilogramm Verpackungsmüll. Etwa zwei Drittel davon wiederum entfallen laut Bundesumweltministerium auf Verpackungen von Lebensmitteln und Getränken: Käsepackungen, Mandarinennetze, Kaffeepäckchen, die zuhause häufig direkt nach dem Einkaufen in den Müll wandern. Damit ist Deutschland Abfallspitzenreiter in Europa. Kein Land in der EU produziert mehr Verpackungsabfälle als die Bundesrepublik. Und obwohl wir Deutsche stolz sind auf „unseren“ Grünen Punkt: Mülltrennung heißt nicht, dass die Wertstoffe, die wir in den dafür vorgesehenen Sack oder die Tonne sortieren, auch tatsächlich recycelt werden.

Ursachen und Folgen

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Hersteller

Der weltweit größte Hersteller von Plastik ist China. Nach Angaben des Verbands der Kunststofferzeuger in Deutschland stammten im Jahr 2015 27,8 Prozent des weltweiten Plastiks aus der Volksrepublik, gefolgt von Europa und Nordamerika mit einem Anteil von jeweils 18,5 Prozent.

Recycling

Im Gegensatz zu anderen Materialien wie Papier lässt sich Plastik nur schwer wiederverwerten. Das liegt daran, dass die verschiedenen Kunststoffarten aufwendig voneinander getrennt und recycelt werden müssen.

Die Vorstellung, dass aus einem Joghurtbecher, der im gelben Sack entsorgt wird, wieder ein neuer Joghurtbecher wird, ist falsch. Denn Plastik lässt sich nicht verlustfrei wiederverwerten. Beim Recycling muss dem Plastik wieder neues Kunststoffgranulat beigemischt werden. Die Qualität des Plastiks leidet, was vor allem bei Lebensmittelverpackungen ein Problem ist. Aus einem alten Joghurtbecher wird deswegen wohl eher ein Blumenkübel.

Am höchsten war die Recyclingquote im Jahr 2016 bei Papier und Karton mit 88,7 Prozent sowie bei Glas (85,5 Prozent). Bei Kunststoffen lag die Quote bei rund 50 Prozent. Die andere Hälfte des Kunststoffmülls wird überwiegend „thermisch verwertet“, das heißt, verbrannt.

Abfall

Deutschland ist Wegwerfspitzenreiter in der EU: In keinem anderen Mitgliedsstaat fällt mehr Verpackungsmüll an.

Laut Umweltverbänden landen bis zu 7,5 Millionen Tonnen Plastikmüll jährlich in den Weltmeeren und verursachen dort den Tod von bis zu einer Million Meeressäugern und
-vögeln.

Gesundheit

Viele Inhaltsstoffe von Plastik stehen in Verdacht, den Hormonhaushalt zu stören und Erkrankungen wie Krebs auszulösen. Zu den erwiesenermaßen gesundheitsschädlichen Weichmachern zählen etwa Bisphenol A (BPA), das im Thermopapier von Kassenbons oder der Beschichtung von Konservendosen steckt, und Diethylhexylphthalat (DEHP), das sich zum Beispiel in PVC-Bodenbelägen oder Duschvorhängen findet.

Gesetze

Die EU verbietet ab 2021 Wegwerfprodukte aus Plastik wie Einweggeschirr oder Trinkhalme.

In Deutschland gilt seit dem 1. Januar 2019 das neue Verpackungsgesetz, das Hersteller und Händler dazu bringen soll, mehr Mehrwegplastik in Umlauf zu bringen und so die Recyclingquote zu erhöhen.

Nach der Rückkehr aus Indien änderten Verena und Orlando ihre Einkaufsgewohnheiten: keine abendlichen Abstecher in den Supermarkt mehr, um kurz vor Ladenschluss die Zutaten für die nächsten Mahlzeiten aus den Regalen zusammenzuklauben. „Wir haben angefangen, frisch zu kochen und auf den Markt zu gehen“, fasst Verena Klaus zusammen. Eine Angewohnheit, die sie sich auch für die junge Familie bewährt. Die samstäglichen Besuche auf dem Wiesbadener Wochenmarkt sind ein Erlebnis für die beiden Söhne Kasimir und Hugo: „Sie haben ihre eigenen kleinen Taschen dabei und können an vielen Ständen was probieren“, berichtet ihre Mutter. Ohne gelangweilte Kinder und ohne Quengelzone an der Kasse sei der Großeinkauf auch für Eltern entspannter. Auf den Markt wie auch in Bäckereien und andere Geschäfte bringt Verena Klaus Behälter und Tüten mit, die sie sich befüllen lässt. „Damit hatte ich so gut wie nirgends ein Problem“, meint sie.

Erledigt wird der Einkauf umweltschonend mit dem Lastenfahrrad. Ein Auto besitzt die Familie zwar noch ­– Verena Klaus wirkt schuldbewusst, als sie davon erzählt –, benutzt wird es aber nicht täglich. Meistens für Besuche bei Verena Klaus’ Eltern, die in Darmstadt leben. Mann Orlando ist als Regisseur bundesweit unterwegs – wie gerade in Nordrhein-Westfalen –, reist aber mit der Bahn. Ressourcenschonend leben muss nicht anstrengend sein – das will Verena Klaus zeigen. „Wir sind keine Hardcore-Ökos. Ich verstehe, wenn andere sagen: ,Unverpackte Lebensmittel kaufen haut für mich nicht hin‘“, sagt sie. Um andere zu motivieren, hat sie ein Buch über ihr fast müllfreies Leben geschrieben: „Müllkommanix – ohne Abfall lebt‘s sich leichter“ ist 2018 erschienen.

So gelangt das Plastik ins Meer

Verbissen wirkt Verena Klaus nicht. Sie macht Ausnahmen: Wenn ihre Kinder beim Fastnachtsumzug Bonbons einsammeln wollen, dürfen sie das. Und wenn jemand ihren Söhnen etwas schenkt und es in quietschbunte Folie einpackt, dann ist das eben so.

Foto: Rene Vigneron

Ein Blick unter die Spüle zeigt: Im Behälter für die gelbe Tonne haben sich in der vergangene Woche Kleinteile von einer kaputten Schublade, Verpackung von einer Bärchenwurst für Kinder und zwei Tetrapacks angesammelt. „Hafermilch – die bekommen wir leider nicht in der Flasche“, sagt Verena Klaus und betrachtet den Plastikmüll reuig. „Das ist echt viel für uns“, fügt sie hinzu. Für sie mag das eine schlechte Woche sein. Für andere wäre so wenig Abfall ein Erfolg.

Welche Plastikarten gibt es?

Das Wort Plastik ist der umgangssprachliche Überbegriff für eine Vielzahl von Kunststoffen. Kunststoffe werden entweder synthetisch – durch Destillation von Erdöl – oder halbsynthetisch, etwa aus Kautschuk oder Cellulosefasern hergestellt.

Klicken Sie auf die Infos in der Grafik und erfahren Sie mehr über die verschiedenen Plastikarten:

Mehr Infos

Zum Thema Plastik sind viele Filme und Bücher erschienen. Hier eine kleine Auswahl:

„Plastic Planet“

Deutsch-österreichischer Dokumentarfilm von 2009 über die Gefahren von Plastik und die Verbreitung von Kunststoffen weltweit, erhältlich auf DVD oder bei Streamingdiensten wie Amazon Prime

„A Plastic Ocean“

Australischer Doku-Kinofilm aus dem Jahr 2013 über Müll in den Weltmeeren, erhältlich auf DVD und bei Streaminganbietern wie Netflix

„Besser leben ohne Plastik“

Ratgeber-Buch von Anneliese Bunk und Nadine Schubert für alle, die sich mit Nachhaltigkeit im Alltag beschäftigen und Müll reduzieren wollen, mit Tipps und Rezepten, etwa für Kartoffelchips und andere Produkte, die sonst nur in Plastik verpackt erhältlich sind, erschienen 2016 (Oekom Verlag, 13 Euro)

„Müllkommanix“

Sachbuch von Verena Klaus über ihr „Zero Waste“-Familienleben, erschienen 2018 im Lübbe-Verlag (12,90 Euro)

„Müll – alles über die lästigste Sache der Welt“

Kinderbuch von Gerda Raitz, das erklärt, wo unser Abfall landet, wenn ihn die Müllabfuhr mitnimmt, das weltweite Plastikproblem kindgerecht aufzeigt – und die kleinen Leser zum Handeln ermutigt  (ab sieben Jahren, Beltz-Verlag 2019, 14,95 Euro)