von Matthias Rebsch (Text) und Sascha Lotz (Fotos)

Er wird bedroht. Er wird beschimpft. Und manchmal sogar bespuckt. Dabei macht Stephan Grupp nur seinen Job: Autofahrer blitzen, die zu schnell sind.

Der Heppenheimer hat es nicht leicht, wenn er privat unterwegs ist. „Da sitzt er, der Idiot“, ist noch einer der harmloseren Sätze, die Stephan Grupp im Biergarten schon gehört hat. Dabei hat der 46-Jährige eigentlich niemandem etwas getan. Aber man kennt ihn. Auch ohne Uniform. Grupp arbeitet bei der Ordnungspolizei und blitzt im Stadtgebiet all jene, die sich nicht an die vorgegebene Geschwindigkeit halten. Dabei wird er beschimpft, bedroht und manchmal sogar bespuckt. Warum tut er sich das an?

Es ist ein kühler Wintermorgen, als der Stadtbedienstete seine Anlage aufbaut. Am Graben in der Innenstadt hat er sich einen Parkplatz gesucht, wo er den Minivan abstellt. Der silberne VW-Bus ist seit fünf Jahren im Einsatz und „das berühmteste Auto der Stadt“, sagt Grupp. 2014 hat die Stadt Heppenheim das gebrauchte Fahrzeug mit dem erforderlichen Umbau und der Messanlage für 110.000 Euro angeschafft.

Stephan Grupp

Ordnungs-Polizist

Grupp beginnt nun, sein Messprotokoll abzuarbeiten: Standort. Uhrzeit. Witterung. Sind alle Schilder noch da? „Es könnte ja sein, dass ein blauer Sack über das Verkehrszeichen gestülpt ist“, sagt der Beamte. Dann baut Grupp die Kamera sowie den Blitz auf und stellt die Anlage ein. Es dauert nicht lange, bis das erste Auto geblitzt wird. Sieben Kilometer pro Stunde sind am Graben erlaubt. Das steht in großen weißen Buchstaben auf dem Asphalt und ist quasi Schrittgeschwindigkeit. „Hier sind viele Familien mit kleinen Kindern und Hunden unterwegs“, rechtfertigt der Heppenheimer den gewählten Standort. Deshalb müssen die Autos hier schleichen. Machen auch die meisten. Manche übertrieben langsam. Aber eben nicht alle. Und die bekommen den roten Blitz zu sehen.

Im Video: "Heppenheim ist keine Raserhochburg!"

Wie genau gemessen wird, erklärt die Stadt Heppenheim so: „Ausgehend von einer zulässigen Geschwindigkeit von 10 km/h werden 3 km/h gerätebezogene Messfehlertoleranz sowie innerorts 5 km/h Geringfügigkeitstoleranz hinzugerechnet.“ Heißt im Klartext: Auf dem Graben löst der Blitzer ab 19 Stundenkilometern aus – und ein Bußgeld wird fällig.

„Die Leute regen sich aber schon auf, wenn sie mit nur einem km/h zu schnell geblitzt wurden“, sagt Marina Roggatz, bei der Stadt Heppenheim für Sicherheit, Ordnung und Gewerbe zuständig. „Da haben sie aber das Abgezogene noch nicht eingerechnet.“ Irgendwo müsse das Amt die Grenze ziehen.

So oder so: Immer wieder muss sich die Ordnungspolizei den Vorwurf der Abzocke gefallen lassen. „Ich sehe das nicht so“, sagt Stephan Grupp. Es gehe um Sicherheit: „Wenn eine Familie mit Kind und Hund unterwegs ist und Schrittgeschwindigkeit erlaubt ist, muss man sie schützen“, findet er. „Ich freue mich, wenn er da ist – denn hier wird gerast“, sagt Anwohner Michael Straub. Besonders schlimm sei es zu Schulbeginn oder wenn die Kinder von der Schule abgeholt werden.

Quelle: Ordnungsamt Heppenheim; Grafik: VRM/mv

Während sich Anwohner häufig auf die Seite der Ordnungsämter schlagen, sehen es die Erwischten oft anders. „Manche verstehen es nicht, dass sie geblitzt wurden. Den Fehler suchen sie nicht bei sich“, sagt Grupp. So auch ein Mann, der eben am Graben zu schnell unterwegs war. „Mein Golf kann gar nicht unter 20 fahren“, behauptet er. Beim Ortspolizisten kann er damit nicht punkten. Keine Ausrede, die er noch nicht gehört hat. Irgendwann akzeptiert der Mann, dass es nichts bringt, sich zu beschweren. Die Situation entspannt sich. Das ist aber nicht immer so.

Der Job, das ist klar, ist kein Zuckerschlecken. „Es passieren Dinge, die unter die Gürtellinie gehen“, erzählt Grupp. Er werde geduzt, obwohl er die Menschen gar nicht kenne. „Man wird bedroht, und man hat mich schon zweimal an der Jacke gepackt.“ Auch bespuckt wurde er schon. Genauso wie der Van. Das kommt häufiger vor. „Erst heute Morgen habe ich erst wieder Speichelreste weggewischt.“ Grupp versucht, gelassen zu bleiben. „Ich weiß, dass es gegen die Uniform, nicht gegen den Menschen geht.“ Wenn er den Job nicht mache, mache ihn ein anderer.

Foto: Sascha Lotz

Die beiden Ordnungspolizisten sind dazu angehalten, in Ton und Gestik deeskalierend zu reagieren. „Zur Not liegen aber Pfefferspray und Handschellen im Auto bereit“, so Grupp. Früher habe der ehemalige Gerätewart der Feuerwehr gesagt, dass er diesen Job niemals machen würde. Doch weil ihm die Bandscheiben Probleme bereiten, schult er um. Seit drei Jahren arbeitet er in dem Job. In seinem Verein, dem Schützenverein Kirschhausen, trägt er schon den Spitznamen „Zeuge Grupp“. Denn auf Strafzetteln wird er als Zeuge angegeben. Bei seinem Verein sieht man es locker. Und auch wenn es nicht sein Traumjob ist, sagt der 46-Jährige: „Es gibt Schlimmeres. Man ist viel unterwegs und lernt Leute kennen.“ Die negative Seite dürfe man nicht zu sehr an sich ran lassen. „Man wächst mit seinen Aufgaben“, sagt Grupp.

Foto: Sascha Lotz

Die meiste Zeit besteht aus Warten und Überwachen. Im Winter ist das nicht immer angenehm – die Standheizung hilft nur sporadisch. Wärmender Tee oder Kaffee drücken zu sehr auf die Blase. Zwei Stunden bleibt Grupp an einem Standort. „Dann hat es sich herumgesprochen“, meint er. Nicht die Blitzer-Apps sind es, die es den Behörden schwerer machen. Sondern WhatsApp-Gruppen – die Heppenheimer sind über ihre Smartphones gut vernetzt und warnen sich gegenseitig. „Ich habe noch nicht fertig aufgebaut und lese schon, dass ich entdeckt wurde.“ Es kommt auch vor, dass sich Bürger am Blitzer positionieren und mit Gesten andere Autofahrer warnen. „Behinderung im Amt“, klärt Stephan Grupp auf. Und spricht einen Platzverweis aus.

Foto: Sascha Lotz

Nach 2,5 Stunden haben an diesem Morgen 165 Fahrzeuge die Messstelle am Graben passiert. Zwölf Überschreitungen hat „Zeuge Grupp“ festgestellt. Nichts Dramatisches, wie einmal, als er in der lang gezogenen Kurve aus Richtung Kirschhausen einen Raser mit 102 Sachen bei erlaubten 50 erwischt hat. Keiner muss an dem Tag mehr als 25 Euro zahlen.  Auch wenn sich die Ertappten ärgern, alleine sind sie nicht. 2017 wurden in Heppenheim etwa 10000 Fahrzeuge geblitzt, so Roggatz. „Das Gesamtaufkommen an Verwarnungs- und Bußgeldern betrug im Jahr 2017 rund 420000 Euro“, erzählt sie. Darin seien aber alle Verstöße enthalten. 2018 waren es nur 7331 Geblitzte.

2015 bis 2018: So viele Autofahrer wurden in Heppenheim geblitzt

12190
2015
10769
2016
10362
2017
7331
2018

Stephan Grupp kennt übrigens auch die andere Perspektive. Auch er hat schon in den roten Blitz geblickt – in Heppenheim, der Stadt, in der er wohnt und arbeitet. Da musste er sich auf dem Flur des Ordnungsamtes auch schon den ein oder anderen Spruch anhören. „Klar habe ich mich geärgert“, versichert er, „aber nur über mich selbst.“