Geboren in Mainz, mit 250 Stundenkilometern unterwegs auf der ganzen Welt: Porsche-Werksfahrer Sven Müller fährt die spektakulärsten Langstreckenrennen der Welt. Sie stellen Mensch und Maschine auf eine harte Probe. In Daytona enden 24 Stunden nach wenigen Runden.

Eine Multimedia-Reportage von Nils Salecker

Foto: Nils Salecker

Dass Sven Müller genau zur falschen Zeit an Kurve drei vorbeikommt, ist reiner Zufall. Eigentlich will er nur kurz seine Brille holen. Später, beim Rennen im Dunkeln, hätte er sie vielleicht benötigt. Doch er braucht sie überhaupt nicht mehr. Auf dem Weg zum Teamtruck macht er Halt an Kurve drei. Eine der wenigen Kurven der Rennstrecke von Daytona. Müller, Porsche-Werksfahrer aus Bingen am Rhein, ist hier in Florida mit seinem Team beim Langstreckenrennen an den Start gegangen. 24 Stunden von Daytona hatten es werden sollen. Für Müllers Team werden es genau eine Stunde und 36 Minuten.

Der Mythos Daytona

Nur kurz will Müller am Zaun vor der Kurve innegehalten: Den Sound der Rennmaschinen aufsaugen, den Duft der benzindampfgetränkten Luft. Den Rauch der Barbecues auf dem Campingplatz. Die Massen an rennsportverrückten Amerikanern im Innenfeld der Strecke, auf den Tribünen und Dächern der XXL-Wohnmobile. Einen Moment lang spürt er ihn: den Mythos Daytona.

Sehen Sie hier ein 360-Grad-Video und fahren Sie mit Sven Müller im Golf-Kart über das Gelände. Starten Sie das Video mit dem Play-Button und nutzen Sie dann die Maus – oder Ihren Finger, wenn Sie ein Mobilgerät nutzen – um sich umzusehen.

Hier finden Sie auch die YouTube-Version.

Der nächste Moment ist unerbittlich: Direkt vor seinen Augen taucht der weiße, blau-rot gescheckte Porsche auf. Und: bleibt stehen. Motorschaden. Das vorzeitige Rennende. Ein Rennen zum Vergessen.

Zum Rennfahrer-Leben gehören solch bittere Momente dazu. Nicht immer sind Rennen Erfolgsgeschichten. Müller – Gesamtsieger des Porsche Carrera Cups 2016 und seit 2017 Profi-Rennfahrer – hat schon einige Langstreckenrennen mitgemacht.

Foto: Porsche / Juergen Tap

Persönliches

  • Geburtsdatum: 7. Februar 1992
  • Geburtsort: Mainz (D)
  • Wohnort: Bingen (D)
  • Größe/Gewicht: 1,81 m/68 kg
  • Hobbies: Motorsport, Ski, Angeln
  • Internet: www.sven-mueller-racing.de
  • Twitter: @Sven_Mueller14

Karriere

2018

  • 3. Platz VLN Langstreckenrennen Nürburgring
  • 2. Platz (gesamt) 24-Stundenrennen in Dubai
  • Erstmals Start bei 24-Stunden-Rennen in Le Mans

2017

  • seitdem Porsche-Werksfahrer
  • 9. Platz Japanische Super GT Series

2016

  • Gesamtsieger Porsche Mobil 1 Supercup
  • Gesamtsieger Porsche Carrera Cup Deutschland
  • 1. Platz 24h Dubai (Klasse 991)

2015

  • 2. Gesamtplatz Porsche Mobil 1 Supercup
  • 2 x 1. Platz bei Porsche Carrera Cup: Nürburgring (24h) und Nürburgring (Rennen 2).

2014

  • 1. Platz Porsche Mobil 1 Supercup in Monza
  • 1. Platz Porsche Carrera Cup Deutschland Rookiewertung

2013

  • 9. Platz Formel-3-Europameisterschaft

2012

  • 6. Platz Formel 3 Euro Series
  • 8. Platz Formel-3-Europameisterschaft

2011

  • 3. Platz ADAC Formel Masters

2010

  • 9. Platz ADAC Formel Masters

2004-2009

  • Kart fahren

Sven Müllers Rennkalender 2019

200 Tage pro Jahr ist der 27-Jährige im Schnitt unterwegs.

26.-27. Januar: 24-Stunden-Rennen in Daytona (Florida, USA)
1. -3. Februar: 12-Stunden-Rennen in Bathurst (Australien)
22-23.März: VLN1 Westfalen-Fahrt auf dem Nürburgring 20-23. Juni: 24-Stunden-Rennen auf dem Nürburgring
28.-30. März: 8-Stunden-Rennen in Laguna Seca (Kalifornien, USA)
25.-28. Juli: 24-Stunden-Rennen in Spa (Belgien)
23.-25. August: 10-Stunden-Rennen in Suzuka (Japan)
13.-14 April: Monza (Italien)
11.-12. Mai Silverstone (Groß-Britannien)
31. Mai – 1. Juni: Circuit Paul Richard (Frankreich) 15.-16. Juni: 24-Stunden-Rennen in Le Mans (Frankreich)
28.-29.8.: Barcelona (Spanien)
21-23. November: 9-Stunden-Rennen in Kyalami (Südafrika)

Bereits an den spektakulärsten Rennorten der Welt ist Müller gefahren. Darunter Klassiker wie Le Mans (Frankreich), die 24 Stunden auf dem Nürburgring und bis dato dreimal Daytona. Langstreckenrennen sind die Königsdisziplin des Motorsports. 24 Stunden lang glühender Asphalt, 24 Stunden Dezibel beladene Luft, 24 Stunden Adrenalin im Cockpit.

Sehen Sie hier ein 360-Grad-Video und fahren Sie mit dem Porsche über den Speedway von Daytona. Starten Sie das Video mit dem Play-Button und nutzen Sie dann die Maus – oder Ihren Finger, wenn Sie ein Mobilgerät nutzen – um sich umzusehen.

Die 360-Grad-Video gibt es auch in der YouTube-Version.

Vier bis acht Stunden sitzt jeder Fahrer in der Summe im Auto. Das ist Marathon und Staffel, beides in einem. Und Ankommen das primäre Ziel. Dafür muss die Energie wohl dosiert sein. „Immer etwas Restpulver lassen“, sagt Müller. „24 Stunden 110 Prozent: das geht nicht.“ Flieh- und G-Kräfte verlangen jedem von ihnen alles ab: Konzentration, Kraft und Ausdauer. Alle ein bis zwei Stunden tauschen sie hinterm Steuer durch. Etwas Schlaf gibt es für die Fahrer zwar auch. Wirklich tief ist er nicht. Weil das Adrenalin fortlaufend durch die Adern pocht, nur wenige Meter entfernt das Rennen trommelfellzerberstend weiter jault und auch das Teamfunkgerät neben dem Bett in der Regel keine Ruhe gibt. Immerhin etwas Pause ist drin. Das Auto hingegen durchweg wach. „Eine harte Probe für Mensch und Maschine“, sagt Müller.

„Sekundenschlaf gibt es beim Rennen nicht. Das ist wie beim Joggen, da schläfst du ja auch nicht ein."

Sven MüllerPorsche-Werksfahrer

Nicht immer halten sie dieser stand. Mittlerweile weiß der Binger das nur zu gut. Vor zwei Jahren noch – 2017 – war das Gefühl für ihn neu, Tränen flossen: Sein zweites Mal in Daytona war nach zwei Stunden vorbei. Beim dritten Mal, 2018, war nach 22 Stunden erneut vorzeitig Schluss. Diesmal, 2019, beim Aus in Kurve drei, bleiben die Augen trocken.
Eine intensive Woche Vorbereitung mündet im Motorschaden. Eine Woche, in der aus mehr als 20 Mechanikern, Ingenieuren und Fahrern eine Einheit wurde. Wie so oft, wenn Müller egal wo auf der Welt zu Rennen aufschlägt, kannte er bei Ankunft in Daytona viele Teammitglieder nicht. Das Kennenlernen muss schnell gehen, Abläufe schnell eingespielt, Vertrauen geschafft werden. Denn im Rennen zählt jeder Handgriff, jede Sekunde. „Das ist extremer Teamsport“, sagt Müller, „da entwickelt man sich zur Familie.“

Sehen Sie hier ein 360-Grad-Video und blicken Sie mit Rennfahrer Sven Müller hinter die Kulissen eines Rennteams. Starten Sie das Video mit dem Play-Button und nutzen Sie dann die Maus – oder Ihren Finger, wenn Sie ein Mobilgerät nutzen – um sich umzusehen.

Als Werksfahrer trägt er mit die größte Verantwortung. Als Profi ist er das Aushängeschild des Teams, dafür haben ihn die Teambesitzer einkauft. Er ist Mentor für Amateurfahrer in der Gruppe, Coach und Fahrlehrer, alles zugleich. Manchen bringt er die Basics bei, macht seinen Kollegen unter anderem klar: Es geht nicht nur um die perfekte Performance auf der Strecke. „Man kann solche Rennen auch in der Box gewinnen.“ Die Fahrerwechsel müssen sitzen, auch hier geht es um Sekunden.

Man kann solche Rennen auch in der Box gewinnen."

Sven MüllerPorsche-Werksfahrer

Sehen Sie hier ein 360-Grad-Video: Rennfahrer Sven Müller gibt Einblick in ein Fahrerwechseltraining. Starten Sie das Video mit dem Play-Button und nutzen Sie dann die Maus – oder Ihren Finger, wenn Sie ein Mobilgerät nutzen – um sich umzusehen.

Sollte das Video im Player nicht laufen, nutzen Sie am besten die YouTube-Version.

Als Profi-Rennfahrer ist Müller zudem der Hoffnungsträger seines Teams für die 24 Stunden Rennen. Auch in Daytona ist vor Rennstart klar: Am Ende hängt es an ihm, Plätze gut zu machen. Dass es soweit nicht kommt, kann vor Beginn keiner ahnen. Und er nichts dafür. Vor dem Start ist alles ausgerichtet auf einen ganzen Tag und eine lange Nacht: Die Schüsseln im Teamzelt mit Snacks bestückt, die Tanks mit Sprit gefüllt, die Ersatzreifensätze stehen parat. Und auch das Boxspringbett für die Fahrer im XXL-Camper ist längst bereitet.

5,73

Kilometer ist der Speedway Daytona lang
47
Rennwagen starteten beim 24-h-Rennen 2019 in Daytona
31
Grad Neigung der Steilkurven

„Das schönste Gefühl ist kurz davor“, sagt Müller, während ringsum die Motoren aufheulen, „das Kribbeln, wenn das Adrenalin kommt.“ Als das Rennen startet, sitzt er im Kommandostand, das Headset auf den Ohren, den Blick starr auf den Bildschirm vor ihm gerichtet: Das Rennen beginnt nicht gut. Der Frontsplitter – ein Teil am Boden des Boliden – ist kaputt, muss früh ausgetauscht werden. Beim Boxenstopp gehen Sekunden verloren. Noch macht das nichts, 24 Stunden sind lang. Nach dem ersten Fahrerwechsel allerdings hat Müllers Team schon vier Runden Rückstand. Nur wenig später dann der GAU in Kurve drei.

 

Das abrupte Ende

Dass etwas nicht stimmt, ist für Müller am Zaun nur unschwer zu erkennen. Der Bolide qualmt, stoppt auf der Wiese. Schnell ist dem Werksfahrer klar: Das wird nichts mehr. Der Motor ist kaputt. Getauscht werden darf er nicht.

Für das Team mit der Startnummer 99 ist das Rennen vorbei, ehe es richtig begonnen hat. Nach nicht einmal zwei statt 24 Stunden. Zurück im Kommandostand herrscht blankes Entsetzen. Leere Blicke bei Fahrern, Mechanikern, Ingenieuren – der ganze Aufwand war umsonst.

„Ich könnte kotzen“, bricht es auch aus Müller heraus. „Mega bitter für alle“, kommentiert er dann etwas nüchterner. Nur eine halbe Stunde später wäre er selbst zum ersten Mal hinter das Steuer des Porsche gesprungen. Es ist eines jener Negativerlebnisse, die zum Rennfahrerleben dazugehören. Aber auch eines jener Rennen, die der 27-Jährige irgendwann nach dem Ende seiner Rennfahrerlaufbahn längst vergessen haben wird.

Ich könnte kotzen!"

Sven MüllerPorsche-Werksfahrer