Test

Die Modau, einst Lebensader der Region, führt ein verstecktes Dasein. Dabei blüht entlang ihres Laufes das Leben, gibt es Menschen, die sich ganz auf den Fluss einlassen. Ein Rechercheteam ist der Modau deshalb ein Jahr lang gefolgt – für ein multimediales, persönliches Flussporträt voller Bilder, Geschichten und Fakten rund um Südhessens verkannten Wasserschatz.

Eine Reportage von einem Journalistenteam der Hochschule Darmstadt in Zusammenarbeit mit dem Darmstädter Echo

Wir recherchieren seit zwei Jahren zu Flüssen und Gewässern in Südhessen, vor allem zur Modau, dem Rheinzufluss aus dem Odenwald, deren Geschichten und Schicksal wir in dieser Reportage erzählen. Wir sind ein Team aus Onlinejournalismus-Studierenden der Hochschule Darmstadt und einem Professor. Alle recherchieren, fotografieren, filmen und schreiben diese Flussgeschichten gemeinsam, deshalb gibt es ein großes Wir, das durch die Wasserwelt der Modau, aber auch die wissenschaftlichen und politischen Hintergründe der Gewässer in ganz Deutschland führt. Denn die Modau steht und fließt stellvertretend für die 15.000 kleinen und mittleren Flüsse in Deutschland; vielen geht es gleich schlecht. Und viele sind ähnlich schön. Über beides schreiben wir: den Zustand und die Ästethik des Lebensraums „Fluss“, den viele Menschen vor der Haustür haben, ohne ihn aber näher zu beachten. Dabei waren Flüsse die Zentren des Lebens, siedelten an ihnen die ersten Menschen und gaben sie daher vielen Dörfern die Namen, die Arbeit, die Kultur und die Identität. Von alledem handeln unsere Geschichten, mit denen wir in die Historie abtauchen, meist aber im Hier und Jetzt umweltjournalistische Fragen stellen nach Verantwortung und nachhaltigem Handeln für Mensch und Umwelt.

Kapitel 1

Ganz oben: an der Quelle und im Modautal

Vom Parkplatz in Neunkirchen führen Wanderwege auf die Neunkirchner Höhe, wo die Modau in die Welt kommt. Aber nicht nur sie – auch die Lauter- und die Gersprenzquelle liegen hier. Und wer zuerst den Kaiserturm für eine Rast ansteuert, gelangt danach zunächst zur Gersprenzquelle, die zum Trinken einlädt: Ihr Wasser schmeckt voll und sanft mineralisch, allerdings nicht ganz so metallisch und kräftig wie das Quellwasser der Modau, die nur einen Kilometer weiter entspringt. Beide Quellen sind sich ähnlich: Ein dünnes Rinnsal kommt aus einer Höhle zwischen Ufersteinen hervor, sodass man nur aus einer Lache trinken kann. Die wird zur Pfütze, danach zum Bächlein, Bach und irgendwann zum Fluss.

Modau und Gersprenz haben Manches gemein: Beide haben meist nur eine mäßige Gewässergüteklasse, drei von fünf Stufen. Und beide Flüsse münden in Stockstadt – am Main und am Rhein. Sie sind Flussschwestern, die von der gleichen Höhe kommen und an den gleichen Plätzen wieder verschwinden, zumindest dem Ortsnamen nach. Doch an der Mündung könnten sie dann unterschiedlicher nicht sein: die Gersprenz fließt in eine regulierte, träge Staustufe des Main hinein. Gute 50 Kilometer südwestlich davon nimmt der flirrende Auen-Urwald des Kühkopf mit seinen Wasserpflanzenwäldern die Modau in sich auf. Dahin wollen wir. Dorthin führt uns der Weg durch das Modautal und am Oberlauf des Flusses entlang, bis kurz vor Ober-Ramstadt – die Bilder der ersten Etappe.

Hindernisse im Wasser

Flüsse wie Modau und Gersprenz erscheinen den meisten Menschen, die man an ihren Ufern trifft, gesund. „Dem Fluss geht es gut“, ist die Antwort, die uns in eineinhalb Jahren Recherche am häufigsten begegnet. Sie ist manchmal richtig und häufiger falsch, dennoch aber verständlich. Denn beide Flüsse fließen außerhalb der Orte meist ruhig und klar dahin. Oft mit einer Menge Fisch  und mitten durch romantische Wälder und Tallagen des Odenwaldes. Sie erscheinen oft wie ein intaktes Stück ursprünglicher Natur. Doch kein Eindruck ist falscher als dieser.

Denn Modau und Gersprenz sind, wie viele andere Flüsse dieser Art, mit der Kultur- und Industriegeschichte in ihrem Lauf und Aussehen stark verändert worden. Auch dort, wo man es nicht sieht: Zwischen 80 und 100 Prozent der Modau-Ufer und der ihrer Zuflüsse sind vom Menschen verbaut, erklärt ein Bericht der Hessischen Landesagentur für Natur und Umwelt.  Die Flussbetten sind daher voller Hindernisse, die Fische auf dem Weg zu Laichplätzen flussauf kaum oder gar nicht überwinden können – 107 in der Modau und ihren Zuflüssen. Im Lauf der Geschichte wurden Mühlenkanäle abgezweigt, Steinufer aufgeschüttet, Mauern hochgezogen, Wehre errichtet, Inseln geschliffen, Felsen entnommen, Drainagen zugeführt, Einleiter eingelassen. Und das alles wegen des Hochwasserschutzes und dem besseren Zugang zum Wasser, auf den Müller, Färber, Gerber, Brauer, Fischzüchter, Elektrizitätsfachleute oder Klärwerker angewiesen waren. Und noch immer sind.

Unsichtbare Gifte

Flüsse wie die Modau sind nicht nur „verbaut“, wie Forscher sagen. Sie sind auch bis heute fließende Müllkörbe, in die zwar keine Lacke und Farben mehr ohne Scham eingeleitet werden wie in den 1960er und 1970er Jahren. Aber auch heute noch fließen Flaschen, Plastik, Kleider und Styropor die Modau hinab, massenhaft. „Beim Müll hat sich leider viel weniger getan als gedacht; beim nächsten Hochwasser landet immer noch der Dreck aus dem Garten oder Schuppen im Fluss“, sagt Gewässerbiologe Rainer Hennings, der die Modau schon lange kennt und untersucht.

Gewässerbiologe Rainer Hennings kennt und untersucht die Modau schon sehr lange.

Dabei fordert die Europäische Wasserrahmenrichtlinie von den EU-Staaten, bis 2027 alle ihre Gewässer in einen „guten Zustand“ zu bringen. Was eines der größten Gesetzeswerke der EU damit genau meint, erklärt ein Experte des Umweltbundesamtes hier im Interview (siehe Box am Kapitelende). Ein Blick ins Internet reicht, um weitere Probleme zu entdecken. Denn mit der frei zugänglichen Software zur Europäischen Wasserrahmenrichtlinie kann jeder Schadstoff in jedem hessischen Gewässer betrachtet werden, mit verschiedenen Farben.

Wer nur Rot sehen will, nimmt etwa die „ubiquitären Stoffe“ in seine Kartenansicht auf, also die Spurenstoffe, die immer und überall da sind. Vor allem Quecksilber, das Fachleute aber in der normalen Kartenschau wieder ausblenden, weil sie sonst die Farbschemen der anderen Belastungen nicht sähen. Quecksilber ist in allen Gewässern, weil es über Müllverbrennungsanlagen und den Reifenabrieb in die Luft gelangt. Und damit in den Wasserkreislauf mit Niederschlag, der die Oberflächengewässer speist. Deshalb ist in Hessen und in ganz Deutschland die chemische Wasserqualität schlecht. Andere Stoffe wie Pflanzenschutzmittel tragen ebenfalls dazu bei.

Der ökologische Gesamtzustand der Modau ist „ungenügend“, ihr chemischer „schlecht“, wie das Hessische Landesamt für Umwelt in Gewässersteckbriefen zusammenfasst.  „Die Modau ist in einem üblen Zustand“,  sagt auch Modaukenner Karl Schwebel vom Verband Hessischer Fischer.

Gibt es keine Verbesserungen? Ideen hatte das Hessische Umweltministerium viele, etwa vor zehn Jahren, 2009: Knapp 74 Hektar Flächen sollten im Gebiet des „Wasserverbands Modau“ für knapp 7,5  Millionen Euro angekauft werden. Gleichzeitig plante das Land, 21 Kilometer Ufer- und Auen wieder in einen natürlicheren Zustand zu bringen, für 8,6 Millionen Euro. Rund drei Millionen sollte es kosten, 86 Hindernisse für Wanderfische wie Wehre und Staustufen zu beseitigen. Vergleicht man diese Zahlen mit dem aktuellsten Datensatz, dann wird klar, dass es entlang der Modau kaum Fortschritte gab. Und die Umsetzung der Richtlinie stockt. Denn die neuen Planungen für Auen, bessere Ufer, den Kauf von Flächen und die Beseitigung der Hindernisse im Wasser sind von den Zielgrößen her weitestgehend die alten.

Fortschritte gibt es nur im Detail: Die Strecken mit nur befriedigender Gewässergüte haben leicht abgenommen; die Parameter bei Sauerstoff, Chlorid und den Ammonium-Stickstoffen haben sich etwas verbessert. Auch gibt es 15 Prozent weniger schlechter Uferpartien – also bringen manche Renaturierungen doch etwas. Am Hauptergebnis ändert sich nichts: ökologischer Zustand „ungenügend“, chemischer: „schlecht.“ Das liegt auch an der dichten Besiedlung im Rhein-Main-Gebiet: Der Wasserverband Modau kümmert sich um Gewässer in einer Gegend mit 575 Einwohnern pro Quadratkilometer. Der Bundesdurchschnitt liegt bei weniger als der Hälfte, 240 Quadratkilometern.

Keine Verbesserung in Sicht. Oder doch?

„Es zeigt sich keine reale Verbesserung oder Verschlechterung in der Modau und in der Gersprenz“, erklärte Eugen Thielen, Abteilungsleiter Wasser im Landesamt, im April 2018 eine Anfrage des ECHO.  Auch für 2021 seien keine „deutlichen Fortschritte“ für den „Wasserkörper“ zu erwarten – also für die Gewässersysteme von Gersprenz und Modau, den Flüssen mit ihren Nebenbächen und Gräben.

Der Zustand der Modau passt ins Bild: Bundesweit waren 2018 nur 6,6 Prozent der bewerteten Fließgewässer-Abschnitte nach EU-Kriterien ökologisch in „gutem Zustand“, gerade mal 0,1 Prozent in „sehr gutem Zustand.“ Diese Bewertungen gehen von der natürlichen Flora und Fauna, aber auch dem Uferverlauf eines Flusses und der Chemie seines Wassers aus – von den ursprünglichen Lebensbedingungen, wie es sie ohne menschliche Einflüsse gäbe (mehr dazu unter www.flussgebiete.hessen.de.) Der Grad der Abweichung davon, die aufwändige Untersuchungen zu Artenvielfalt, Umweltgiften im Wasser und veränderten Ufern ergeben, bestimmen dann die Note: „gut“, „sehr gut“. Oder eben schlechter, wie an der Modau.

Doch bei der Misere soll es nicht bleiben. Das fordert das EU-Recht. Und es muss auch nicht dabei bleiben, denn das Umweltbewusstsein hat sich stark entwickelt, gerade für Flüsse: „Fließgewässer werden heute nicht mehr mit der gleichen Selbstverständlichkeit ausgebaut und begradigt wie zuvor“, schrieb schon an der TU Berlin der Autor der Diplomarbeit „Ökologische Fließgewässersanierung am Beispiel der Modau“ 1987. Das war ein Jahr nach Tschernobyl und der Explosion in der Baseler Chemiefabrik Sandoz, die den Rhein flussab vergiftete. Und danach ein Umdenken in der Gewässerpolitik auslöste, mit vielen neuen Kläranlagen und Schritten für mehr Sauberkeit und Umweltschutz.

Ein Chemieunfall bei der Firma Sandoz vergiftete den Rhein 1986.

Kleine Erfolge im Landkreis

Sandoz wirkte nach, in Brüssel und an der Modau: Über die Jahre haben Kreis und Gemeinden zusammen mit den Wasserverbänden schon an einigen Stellen die Ufer im Landkreis Darmstadt-Dieburg wieder in einen natürlicheren Zustand gebracht. „Renaturiert“, wie die Fachleute sagen. Sei es entlang der Gesprenz bei Reinheim, Otzberg, Groß-Zimmern, Dieburg, Münster oder Babenhausen. Oder am Richer Bach und entlang der Semme bei Groß-Umstadt, am Landbach bei Bickenbach, an den Ufern des Sandbach bei Eschollbrücken sowie am Beerbach in Mühltal. Und an der Modau in Nieder-Modau und oberhalb von Ernsthofen.

Oft rücken für den ökologischen Umbau Bagger an, die Beton und Steinufer einreißen, damit das Bachbett breiter wird. Tote Bäume und Äste kommen hinein, an denen sich Kies bildet. Und Wasserpflanzen zu wachsen beginnen. Kies bringen die Umweltplaner auch direkt ins Wasser, damit Forellen und andere Arten laichen können. Flüsse wie die Modau brauchen kaum etwas so sehr wie Sauerstoff, Strömung und Kies – diese drei Zutaten benötigen viele Arten in den kalten Oberläufen. Und müssten noch viel öfter wieder hineingelangen, wenn die Ziele der EU erfüllt werden sollen.

Vorbilder: Nidda und Weschnitz

Es geht um die Frage, wie man renaturiert: Im Rahmen der „Gewässerunterhaltung“, also im laufenden Betrieb ohne allzu große Bürokratie. Oder mit der Plangenehmigung, das heißt genauen Prüfungen der Umweltverträglichkeit, höheren Kosten. Meistens ist klar, welcher der beiden Wege möglich ist. Bei kleinen Veränderungen der Flüsse der erste, bei größeren der zweite. Und dennoch gibt es dazwischen Spielraum, ist die Haltung einer Behörde über den formellen Rahmen hinaus ein Faktor, der mitbestimmt, wie viel an Flüssen geschieht – oder nicht.

In Südhessen gelten die Behörden, wie wir in Gesprächen erfahren, als vorsichtig. Sie setzen eher auf die größeren Genehmigungsverfahren, wohingegen in nahen Regionen wie der Wetterau viele Renaturierungen, etwa an der Nidda, im Unterhalt gewagt werden. Die Veränderungen an der Nidda gelten in der Fachwelt als vorbildlich und sind auch wissenschaftlich begleitet worden. Ein weiteres, nahes Vorbild ist die Weschnitz, die vom Odenwald in den Main fließt. Hier sind große Renaturierungen geschehen, teils über zwei Kilometer Strecke, was auch an einem Führungswechsel im zuständigen Wasserverband liegt, der jetzt die Wasserrahmenrichtlinie mutiger umsetzt als früher.

Personalnot bremst fast alles

Entlang der Modau sind bislang nur kleine Schritte geschehen. „Und wir werden die Ziele der Rahmenrichtlinie auch nicht erfüllen, so wie wir aufgestellt sind“, sagt Georg Möhrle vom „Wasserverband Modau“, der vor allem für den Hochwasserschutz, aber auch Umweltprojekte am Fluss und vier weitere Grabensysteme von 13 Gemeinden in der Region zuständig ist. „Die Gewässer gehören den Kommunen, und das Land baut auf deren Freiwilligkeit, wenn es um die Wasserrahmenrichtlinie geht“, sagt Uwe Avemarie von der Unteren Naturschutzbehörde des Landkreises Darmstadt-Dieburg. „Wir bräuchten schnellere Instrumente, um voranzukommen.“ Denn nach 15 Jahren der Umsetzung sei „kaum etwas erreicht.“ Und die Frist für die Ziele wurde ja schon verlängert – von 2015 auf 2027. „Wir würden gerne mehr machen, können aber nicht – am Geld hängt es nicht“, sagt Avemarie weiter. Es gebe vor allem zu wenig Personal in den Behörden, auch in seiner.

Dieses Steilufer in Nieder-Ramstadt ist Ergebnis einer vorbildlichen Renaturierung; so sah die Modau früher viel öfter aus.

Die Behörden kommen nicht hinterher, weil sie viel zu wenige sind. Das ist eines der Ergebnisse unserer Recherchen und Gespräche. Dieses Ergebnis bestätigt auch die Kritik des hessischen Naturschutzbund (Nabu) vom Juli 2019. Er beklagte gegenüber der dpa, dass die hessischen Umwelt- und Naturschutzbehörden überfordert seien: Die Aufgaben seien stark gewachsen, ohne dass dafür aber ausreichend Personal eingestellt worden sei. Eine Koalition deutscher Umweltverbände mahnt in einer Mitteilung zur Wasserrahmenrichtlinie ebenfalls diesen Punkt an: Ohne ausreichende „finanzielle und personelle Ressourcen für die Wasserwirtschaftsverwaltungen“ könnten diese die Aufgaben nicht erfüllen.

Ein weiteres Problem bei der Umsetzung der EU-Ziele sind die komplizierten Zuständigkeiten für den Gewässerschutz. Die sind auch nach einigen Recherchen kaum zu überschauen. Das zeigt sich etwa daran, dass bei den Fischsterben oder Verschmutzungen einmal die Staatsanwaltschaft zuständig ist, dann wieder das Regierungspräsidium. Die Beschwerden landen aber im Umwelt- oder Gewässerreferat des Landkreises oder bei den Umweltbeauftragten der Gemeinden, die oft mit noch viel mehr Themen betraut sind. Zuständig ist dann auch noch der Wasserverband Modau. Und das Amt für Bodenmanagement in Heppenheim, auf das es ankommt, wenn Uferstrecken für Naturschutzprojekte gekauft werden müssen. Und so verweist bei den Recherchen immer wieder eine Stelle auf die andere, gibt es Beschwerden über Abläufe und unterschiedliche Auffassungen. Etwa darüber, wo der kaputte Fluss Modau am besten zu reparieren sei: am Oberlauf, wo die Behörden einfacher Flächen kaufen können, es der Modau aber noch halbwegs gut geht. Oder im Ried, wo die eigentlichen großen Aufgaben warten, weil die Modau nach Pfungstadt einem drögen Kanal gleicht, der großen Teilen seines Lebens beraubt ist.

Die Modau fließt oft unter hohen Mauen durch Dörfer und Städte

Die Kritik der Umweltverbände an der deutschen Wasserpolitik zielt auch weg von der Region – nach Brüssel und zur EU-Agrarpolitik. Die müsse „verbindlich“ an die Ziele der Wasserpolitik angepasst werden, sonst werde es für die ganz schwer. Mit der Landwirtschaft gäbe es auch entlang der Modau die größten Konflikte, wenn der Fluss so renaturiert würde, wie es sich Gewässerökologen wünschen. Doch auch die Politik will nicht immer, was EU-Recht, Behörden oder Ökologen sich wünschen. Denn Renaturierungen an der Modau scheitern auch oft in den Gremien der Gemeinden. Dort kommt das Argument auf, dass die Modau nach einem Umweltprojekt, das Mauern einreißt, „unordentlich“ aussehe.

Und so scheitert die Naturnähe der Modau auch am ästhetischen Empfinden der Dorfgesellschaft. Aufgeräumt muss der Fluss sein, mit gemähten Ufern und wenig Bäumen und Holz darin – auf diesen Wunsch sind wir bei Gesprächen am Ufer immer wieder gestoßen. Der Wunsch ist Ausdruck der langen Gewöhnung an ein begradigtes, ordentliches Stück Natur, das nur aus anderer Perspektive genau das Gegenteil ist: ein verbauter Industriefluss, der fern seiner Natur ist. Am Pfungstädter Büchnerpark etwa sind Steine, die der Modau etwas Abwechslung und Leben bringen sollten, wieder herausgenommen worden, weil es der Nachbarschaft zu laut war. Auch Sträucher und Bäume kamen weg, wegen der schlechten Aussicht.

„Wir brauchen mehr Akzeptanz und Verständnis in der Öffentlichkeit“, sagt Uwe Avemarie. „Sonst bleibt es schwer.“ Das heißt eventuell auch, einen anderen Ausgleich für Anwohner, wenn etwa für Renaturierungen Grundstücke am Ufer gebraucht und dafür gekauft werden müssen. Oder enteignet, was beim derzeitigen Stand der Umsetzung nicht ganz undenkbar erscheint. Ein Ausgleich wäre Geld, oder aber ein interessantes Grundstück anderswo. So weit gehen die Fragen, die das riesige Wassergesetz stellt.

„Wir sind vom guten Zustand weit entfernt“: Interview mit Gewässerexperte Falk Hilliges

Falk Hilliges arbeitet in der Abteilung „Wasser und Boden“ des Umweltbundesamtes in Dessau. Er ist Experte für die Umsetzung der EU-Wasserrahmenrichtlinie in Deutschland und erklärt im Interview, wo der Bund und die Länder hier derzeit stehen.

Interview: Natalie Radulescu

Falk Hilliges

Natalie Radulescu: Herr Hilliges, was bedeutet denn für die EU-Gesetzgebung der „gute Zustand“ eines Gewässers?

Falk Hilliges: Bei Oberflächengewässern, also den Seen und Flüssen, unterscheidet man zwischen einem guten ökologischen Zustand und einem guten chemischen Zustand. Der gute chemische Zustand eines Gewässers bedeutet, dass es nur wenig oder gar nicht mit Schadstoffen belastet ist. Ein guter ökologischer Zustand heißt, dass in diesem Gewässer die dafür typischen Lebewesen vorkommen. Die Einstufung des Zustands erfolgt dann anhand der genauen Bewertungskriterien der EU-Wasserrahmenrichtlinie.

Radulescu: Die EU-Wasserrahmenrichtlinie sieht einen ökologisch und chemisch guten Zustand der Gewässer bis 2027 vor. Wie nahe sind wir da 2019 dran?

Hilliges: Bei den Oberflächengewässern sind nur 8,2 Prozent der Wasserkörper in einem guten ökologischen Zustand. Die Wasserkörper, die nur noch eine Stufe vom Ziel entfernt, also in einem „mäßigen Zustand“ sind, haben mit 36,1 Prozent den größten Anteil in der Bewertung. Als „unbefriedigend“ oder „schlecht“ werden noch 19,2 Prozent der Wasserkörper eingestuft. 2,7 Prozent der Wasserkörper sind abschließend noch nicht bewertet. Das bedeutet: Die  Gewässer sind tatsächlich weit davon entfernt, in einem guten Zustand zu sein.  Insgesamt ist nicht davon auszugehen, dass wir alle Gewässer bis 2027 in einen guten Zustand bekommen.

Radulescu: Ist das in ganz Deutschland der Fall, oder kann man zwischen den Bundesländern unterscheiden?

Hilliges: Der Zustand der Gewässer hängt nicht vom Bundesland ab, sondern eher von Faktoren wie der Landnutzung im Einzugsgebiet des Gewässers. Und den dann damit verbundenen Stoffeinträgen – zum Beispiel aus der Landwirtschaft. Es geht um die Nutzung des Gewässers selbst und die Gewässermorphologie, also die Strukturen und Formen des Gewässers. Grundsätzlich müssen sich aber alle Bundesländer an die Bewertungsmaßstäbe der Wasserrahmenrichtlinie halten und die Gewässer nach Vorgabe der Richtlinie bewerten.

Radulescu: Was planen die Länder denn gegen die Verschmutzung genau?

Hilliges: Die Bundesländer müssen, sofern sie die Vorgaben der EU nicht erreichen, sogenannte Maßnahmenprogramme auflegen. Die können ganz unterschiedlich aussehen: Zum Beispiel werden Landwirte beraten, wie sie düngen sollen; Gewässer werden durchgängig gemacht für wandernde Arten. Oder es gibt neue Gewässerrandstreifen, die die Ufer schützen. Seen werden entschlammt oder Kläranlagen gebaut oder saniert.

Radulescu: Gibt es denn Unterschiede zwischen dem Zustand von Flüssen und Seen?

Hilliges: Ich habe vorhin grundsätzlich von allen Wasserkörpern gesprochen. Wenn man nur die Seen davon herausnimmt, sind bereits 26,4 Prozent in einem guten oder sehr guten ökologischen Zustand. Seen sind auch noch nicht da, wo sie sein sollen, aber im Vergleich zu Fließgewässern stehen sie deutlich besser da. Ein Großteil der Schwierigkeiten bei den Seen ist durch die Landwirtschaft bedingt. Vor allem die sogenannten Nährstoffeinträge, etwa über Dünger, können zur Eutrophierung eines Gewässers führen – mit allen damit verbundenen Folgen wie zum Beispiel einem hohen Algenwachstum und Sauerstoffverlust.

Radulescu: Wie gut kann man denn in deutschen Seen baden?

Hilliges: Es gibt neben der EU-Wasserrahmenrichtlinie noch die sogenannte EU-Badegewässerrichtlinie. Und nach dieser kann man in fast allen deutschen Seen ohne gesundheitliche Bedenken baden. 98 Prozent der deutschen Badegewässer erfüllen die Vorgaben der Richtlinie. Man muss das aber trennen: Selbst wenn ein See in einem schlechten ökologischen Zustand ist, kann er trotzdem gut zum Baden geeignet sein. Denn bei der Badegewässerrichtlinie wird bei der Bewertung vorrangig die Keimbelastung betrachtet und nicht die Ökologie des Gewässers.

Radulescu: Wann denken Sie, wann werden die deutschen Gewässer in einem guten Zustand sein?

Hilliges: Spekulativ kann man das nicht sagen. Es wird aber sicher noch eine ganze Weile dauern. Es hängt davon ab, wie und in welchem Zeitraum die Maßnahmen wirken. Wichtig ist vor allem, dass wir die Gewässer, die sich bereits in einem guten Zustand befinden, in diesem Zustand halten. Denn nach der Wasserrahmenrichtlinie gibt es ein sogenanntes „Verschlechterungsverbot“. Das heißt: Durch menschliche Aktivitäten darf der gute Zustand eines Gewässers nicht verschlechtert werden.

Videobeitrag zu Wanderhindernissen im Fluss

Kapitel 2

Bei Ober-Ramstadt: von Beton, Wildnis und einem schwierigen See

Wir sind zwar schon auf Ober-Ramstädter Gebiet, aber geografisch noch im Modautal, wenn wir am Ende von Ober-Modau nach Nieder-Modau wandern, teils an der Straße entlang, dann durch ein Wohnviertel, dann bleiben wir an einem Supermarkt stehen. Denn hierzu haben wir vorher recherchiert. Es sah einmal ganz anders aus: eine Wiese als Flussaue zwischen den beiden Modau-Dörfern, selten sonst gibt es das noch entlang des Flusses. Doch dann kam in der lokalen Politik die Idee auf, hier in der Aue Geschäfte anzusiedeln, trotz des Ziels der Wasserrahmenrichtlinie, das Ökosystem Fluss nicht mehr zu verschlechtern.

Die Untere Naturschutzbehörde hatte ihre Bedenken angemerkt und sich gegen die Baupläne ausgesprochen. Dafür sprach aber der neue Supermarkt, der Bedarf an Geschäften für den Ortsteil, die Wirtschaft. Die Entscheidung der Ober-Ramstädter Abgeordneten fiel dann für den Supermarkt und gegen die Modau-Aue aus. Doch es lief nicht gut, das Geschäft schloss 2018. Nun ist hier ein Netto-Discounter eingezogen. „Der Siedlungsdruck entlang der Modau ist groß“, sagt Gewässerexperin Christiane Saurenhaus vom Regierungspräsidium Darmstadt, die den Fall kennt. „Ob neue Wohngebäude oder Supermärkte, es gibt viele Interessen, die hier zusammenkommen.“

Nach Nieder-Modau zeigt der Fluss ein wilderes Gesicht, schlägt Kurven und rauscht unter umgefallenen Bäumen hindurch.

Wilder Schatz

Nach Nieder-Modau fließt der Fluss an der Bundesstraße entlang und dann unter ihr hindurch. Dort liegt die Schloßmühle, die immer noch mahlt, allerdings ohne Modauwasser. Sie macht „Schloßkorn“ für Abnehmer in Südhessen, doch leider wollte der letzte Kornmüller an der Modau nicht mit uns sprechen. Dafür geht es von hier aus spannend weiter: in die Wiesen und querfeldein, denn kein Weg führt mehr am Ufer entlang. Nur Wildschweinpfade bringen Uferwanderer zum Fluss. Geduckt muss man gehen, um den Schatz zu sehen, der hier fließt. Denn hier mäandert die Modau, fließt unter umgefallenen Bäumen hindurch, schlägt Kurven im dichten Erlenwald, hat Kolke und ausgewaschene Ufer.

Wir schlängeln uns durch den Auenwald, steigen über Bäume und bewundern den Fluss. Dann geht es wieder auf einen Weg, auf Ober-Ramstadt und den Modau-Stauseee zu. Am Wegesrand steht jedoch plötzlich ein Schild des Geoparks Bergstraße-Odenwald. Wir lesen und staunen: Ober-Ramstadt hatte Silberminen, deren Wasserräder und Pumpen mit Modauwasser liefen. Es wurde von dort, wo wir gerade stehen, abgezweigt und in die Stollen geleitet (mehr dazu in der Box am Kapitelende).

Nur Ortskundige und Eingeweihte dürften von der Vergangenheit der Modau als Bergwerksfluss wissen. Immerhin, dieses Schild informiert darüber und ist somit einer der seltenen Zeugen für historisches und kulturelles Interesse an der Modau. Und da steigt langsam der Zweifel auf: Warum gibt es seit der Quelle nur dieses eine Schild? Wir haben keine Tafeln zum Fluss gefunden, Karten mit  ökologischen Erklärungen oder geschichtlichen Exkursen.

Die Antwort finden wir selbst, hören sie aber auch von den Modauexperten. Fischereiwart Karl Schwebel bezeichnete sie einmal als „den vergessenen Bach.“ Und für den Ober-Ramstädter Heimatforscher Gernot Scior ist es so, „als ginge die Modau niemanden etwas an, sie fließt eben so hindurch. Nur wenn Schlimmes passiert, merkt man, dass man sich um den Fluss kümmern müsste.“

Unterspülte Baumwurzeln sind ein Versteck für viele Tierarten und geben dem Fluss eine vielfältige

Was könnte man stolz sein auf die Modau, die vielen Orten nicht nur Namen, Wasser, Arbeit gegeben hat. Ja, die eine ganze Region prägte, die Lebensader des nordwestlichen Odenwalds war. Und was könnte man an den Ufern des Flusses alles veranstalten; sein Wasser könnte ein Medium des Stolzes und der regionalen Identität sein, ein verbindendes Band zwischen den Dörfern oben im Odenwald und den Orten unten im Ried.

Doch fast nichts ist zu sehen von Stolz oder Dankbarkeit, die die Gemeinden ihrem Fluss entgegen brächten. Und das in einer Zeit, in der man an vielen Orten die Region mit ihrer Natur betont, sich ökologischer Tourismus entwickelt. Hier aber fließt der Fluss nur nebenher. Muss sich verstecken, sind seine Ufer mit Ausnahme von Eberstadt so gemacht, dass man kaum eine nähere Beziehung aufnehmen kann. Es drängt sich der Verdacht auf, dass solch kleine Flüsse nicht nur hier aus dem öffentlichen Blick geraten sind. Trotz allem, was sie ökonomisch und kulturell waren. Und ökologisch wie ästhetisch sind, ja auch spirituell sein können. Denn am Modau-Stausee tauft die baptistische Gemeinde aus Nieder-Ramstadt ihre neuen Kirchenmitglieder.

An der Gersprenz sieht es besser aus. Hier gibt es einen Radweg von der Quelle bis zur Mündung, der zum Vorbild geworden ist. Denn jetzt soll es auch entlang der Modau einen Radweg geben. Er wird allerdings öfter nicht direkt am Fluss entlang führen, weil es dort nicht immer Wege gibt. Deshalb müssen wir als Wanderer, die immer strikt dem Ufer folgen, auch Umwege in Kauf nehmen oder querfeldein gehen. Im Frühjahr 2020 weihen die Flussgemeinden und der Unesco-Geo-Park Bergstraße-Odenwald den Radweg ein, den zuerst das Mühltaler Gemeindeparlament ins Spiel brachte. Noch müssen Schilder aufgestellt werden.

Wir haben mit dem Sprecher der Stadt Ober-Ramstadt, Wolfgang Reinig, über den Radweg gesprochen. Die Route sei, so erklärt er, ein Kompromiss. Hätten die Gemeinden dafür Grundstücke an den Ufern kaufen müssen, wäre es nie zum Radweg gekommen. Gelder dafür seien einfach nicht da, in keiner Gemeinde. „Was nicht geht, geht nicht“.

Der Modau in Ober-Ramstadt gehe es bis zum Stausee gut, sagt Reinig und verweist dabei auf die Karte der Gewässergüte von 2010. Danach ist die Qualität nur noch „befriedigend“, was nicht überrascht. Denn oft sind Flüsse im Stadtgebiet, in dem Müll und Einleitungen dazukommen, weniger sauber. Ein Wehr will die Stadtverwaltung im Zentrum umbauen – auch mit einer Fischtreppe, „für die aber erstmal die Gelder bewilligt werden müssen.“

Der schwierige See

Der Modau-Stausee in Ober-Ramstadt hat einen hohen Freizeitwert, ist aber für das Ökosystem des Flusses ein großes Problem.

Bei der Frage nach dem 1993 gebauten „Hochwasser-Rückhaltebecken“, wie der Modau-Stausee offiziell heißt, verweist der Stadtsprecher zunächst an den zuständigen Wasserverband Modaugebiet. Und auf die Vergangenheit: „Als das Becken gebaut wurde, hat an Fischtreppen noch keiner gedacht“. Der Freizeitwert des Beckens sei groß für Modellbootbauer, den Modauer Angelverein, der das Gewässer gepachtet hat. Und natürlich für  Spaziergänge: „Die Leute gehen da gerne ihre Runde“. Dennoch hält Reinig grundlegend – auch der Wasserverband sei dafür – eine Alternative für denkbar: ein Hochwasser-Polder, wie er etwa im Fischbachtal entstanden ist. Und zuletzt 2015 in Ernsthofen. Solch ein trockenes Becken läuft nur voll, wenn es stark regnet. Sonst kann ein Fluss hier in seinem Lauf weiter fließen, ohne Hindernisse und Staumauern.

„Das Ober-Ramstädter Becken zerstört die Gewässerdynamik der Modau“, sagt Fischereibiologe Thomas Bobbe, der die Modau schon lange untersucht. „Es ist eines der letzten Becken der alten Schule, gebaut ohne Rücksicht auf die Umwelt.“ Der See versperrt nicht nur wandernden Arten wie den Bachforellen den Weg in Laichgründe oder neue Reviere. Auch nimmt der Stausee dem Fluss Geschwindigkeit und den nötigen Kies aus dem Odenwald, der über die Erosion in den Oberlauf der Modau gelangt und ihren Charakter eigentlich bestimmt. Doch die Sedimente fängt ein „Vorfluter“ am Stausee auf. Der Rest sinkt dort hinab, wird zu Schlamm – und muss dann irgendwann mit Baggern herausgeholt werden, was heute rund eine Million  Euro kostet. Ein Beitrag der ProSieben-Sendung Galileo zeigt, wie das im Jahr 2005 zum letzten Mal geschehen ist.

Ein Tag, eine Katastrophe

Die Wasserexperten machten damals bei der Aktion einen Fehler: Der „Sedimentfang“, eine Art großes Sieb für den Schlamm, riss, und in einer Nacht lief fast der ganze See leer – mit Folgen bis heute. Denn der Schlamm des Beckens verklebt die Kiesbänke der Modau. „Unter der Schlammfracht von 2005 leidet der Fluss bis heute; das wirkt bis Eberstadt nach. Das sieht nur niemand“, sagt Karl Schwebel. „Eigentlich müsste man per Hand, mit Rechen und Sieb, die Kiesbänke säubern“. Es gab einen weiteren Schlammunfall: Als 2007 die Brücke B 426 „Am Kühlen Grund“ zwischen Mühltal und Eberstadt neu gemacht wurde, holzten die Bauarbeiter das Ufer ab. Danach brachen Teile des Steilufers in die Modau und verschlammten sie. „Das war ein weiteres Desaster mit Folgen bis heute für die Kiesbänke und die Artenwelt“, sagt Schwebel.

Das Staubecken trocken zu legen und daraus einen Polder zu machen, das ist das große Ziel für die Ökologen. Es gibt dafür in einem Planungsbüro ein ausgearbeitetes Konzept. Doch dieser Schritt sei wegen der zu erwartenden Proteste „ein ganz heißes Eisen“, sagt eine der Experten im Gespräch. Realistisch erscheint das Ende des Sees derzeit nicht. Doch es gibt ein zweites Ziel für Umweltschützer und Wissenschaftler: Die Modau durchgängig zu machen bis zur Mündung des Beerbachs, einem ihrer intakten Zuflüsse. „Dann könnten die Forellen aus dem Rhein herauf- und wieder zurückwandern, um dort zu laichen. Das wäre ein Teilerfolg“, sagt Thomas Bobbe.

Die alte Angst

Der See war gewollt: In Ober-Ramstadt gab es in den 1990er Jahren eine Bewegung unter Bürgern und Politikern, die für eine „Stadt am Wasser“ stritten. Wortführer war der ehemalige Bürgermeister Bernd Hartmann, weshalb der Modau-Stausee im Volksmund auch „Hartmann-Weiher“ heißt. Die öffentliche Meinung war eindeutig für den Bau – vor allem auch wegen der Hochwasser, die über die Jahrhunderte Ober-Ramstadt und Nieder-Ramstadt schwere Schäden zugefügt hatten. „Das hat die Menschen hier auch geprägt, auch ihr Verhältnis zum Fluss“, sagt der Ober-Ramstädter Lokalhistoriker Gernot Scior, der zu Hochwassern in beiden Gemeinden forscht. Die Bilder, die er gesammelt hat, zeigen, wie groß die Schäden waren.

Lokalhistoriker Gernot Scior

Die Angst vor dem Hochwasser geht zurück auf historische, existentielle Erfahrungen, aus denen über die Jahrhunderte eine kollektive Furcht entlang des Flusses geworden ist. Ihr Ausdruck sind heute die vielen Betonufer, Steilwände und Steinpackungen, in die die Modau gezwängt ist. Und gegen die Biologen wie Thomas Bobbe und Rainer Hennings ankämpfen. Im Zentrum Ober-Ramstadts wird die Modau, die kurz vorher noch ihren schönen, wilden Lauf hatte, erstmals zum Beton-Fluss. Unter einer solchen Ufermauer stehen wir, als Karl Schwebel vom Hessischen Verband der Fischer Proben vom Modauwasser nimmt. Er will seine Qualität prüfen, um die Werte mit den Daten von 1999 zu vergleichen, als er schon einmal Proben von der Quelle bis zur Mündung zog.

Trotz der Ufermauern ist der Ober-Ramstädter Ortskern schön und auch belebt, als wir hindurchlaufen. Das liegt auch an der Hammermühle. Ihr Mühlrad läuft noch immer – als eines der wenigen entlang der Modau. Das Restaurant liegt nicht nur direkt am Fluss, sondern nimmt ihn auch in sich auf: Küchenchef  Peter Hofmann  will mit seiner Mühle Botschafter für eine tiefere Beziehung zur Modau schaffen.

Als wir ihn nachmittags treffen, steht er schon seit 5 Uhr morgens in der Küche. Hofmann ist etwas müde, aber dennoch voller Energie, wenn es um die Modau geht. Er lebe an und mit ihr sagt der Koch. Und er mache sich Sorgen: „Der Modau geht es sehr schlecht. Schon seit der ersten Dürre im Jahr 2003. Jetzt kommt im Sommer die Dürre zurück, und es wird noch schlimmer.“ Hofmann erzählt weiter von seinem Restaurant am Fluss, den er bewusst mit seinem Mühlrad in die Öffentlichkeit bringen will.

Peter Hofmann, Hammermühle

Denn „über die Modau und solche kleinen Gewässer spricht kaum jemand. Da sind Kleinigkeiten für die Leute, die aus dem Blick geraten“, sagt Hoffmann nachdenklich, lehnt sich zurück und schweigt. Hier ist eine Pause angesagt, um dann weiter flussabwärts zu wandern – auf Mühltal zu. Dorthin, wo die Modau einst am stärksten genutzt wurde. Und wo es dennoch an ihren Ufern eine versteckte Wildnis gibt, die nicht einmal die Einheimischen kennen.

Die Silberminen von Ober-Ramstadt

In den Amphibolith-Gesteinen um Ober-Ramstadt gibt es Silber, das der umtriebige Darmstädter Landgraf Georg I., dessen Baudrang wir entlang der Modau immer wieder begegnen, ab 1582 im großen Stil abbauen wollte. Vermutlich gab es vorher schon Silberabbau am  heutigen Silberberg selbst, der zuletzt wegen dort geplanter Windkraftanlagen in den Schlagzeilen stand. Georg I. ließ mit Hilfe zweier kundiger Baumeisters aus Sachsen und Tirol Kupfer- und Silbererz fördern. Ein weiterer wichtiger  Helfer war die Modau, deren Wasser abgeleitet wurde und oberirdische Wasserräder in Gang brachte, die das sogenannte Pochwerk der Miene antrieben, die das Erz zerkleinerte – wie ebenso die Blasebälge der Erzschmelze und die Röhrenpumpen, die das Wasser aus dem Minenschacht nach oben holten, das dort immer wieder hineinfloss. Das alles war teuer, brachte dem Landgrafen aber teils schon Gewinne. Doch dann starb der Tiroler Bergmeister überraschend, was für den komplizierten Förderprozess das Ende bedeutete. Plötzlicher Fachkräftemangel, würde man heute sagen. Südhessen war noch nie eine Gegend mit großer Tradition im Bergbau, weshalb der Landgraf keinen Ersatz für den Tiroler Experten zur Hand hatte. Es gab dann 1854 und 1906 noch einmal weitere Erkundungen der Erzvorkommen, aber ohne Abbau als Folge. Der Versuch, den Stollen in den 1990er Jahren begehbar zu machen, scheiterte. Er stürzte dann ein, und dient heute Fledermäusen als Winterhöhle.

Ein Blick zurück: Hochwasser an der Modau

Von Sven-Sebastian Sajak

Im Laufe der Zeit sind Nieder- und Ober-Ramstadt mehrere Male von Hochwassern heimgesucht worden. Ein Blick auf die zerstörerische Seite des Flusses

Die Flut kam in Bruchteilen von Sekunden. Straße um Straße kämpften sich die Wassermassen durch die engen Gassen, rissen alles mit, was nicht niet- und nagelfest war. Brücken brachen zusammen und wurden weggespült. Menschen verloren ihr Hab und Gut, mussten sich in höher gelegene Stockwerke retten und dort ausharren. Die Jahrhundertflut vom 8. Juli 1919 hat die Region geprägt.

Es sind beeindruckende und bedrückende Aufnahmen die Heimatforscher Gernot Scior zusammengestellt hat, zeigen sie doch die zwei Gesichter der Modau. Einerseits war der Fluss Wirtschaftsgrundlage für das florierende Müllerhandwerk. Andererseits jedoch auch eine versteckte Gefahr. Zum Thema „Hochwasser an der Modau“ kam er, der seit rund 10 Jahren jedes Jahr zur Kerb einen Vortrag zu heimatkundlichen Themen hält, eher durch Zufall: „Ich bin Mitglied im Arbeitskreis Heimatgeschichte Mühltal und in dessen Archiv habe ich einen merkwürdigen Fund gemacht“, erzählt der Heimatforscher, „ein Bilderalbum dass die Folgen des dramatischen Hochwassers von 1919 im Modautal, speziell in Nieder-Ramstadt, zeigt.“ Dadurch wurde sein Entdeckergeist geweckt. Es folgten stundenlange Recherchen in Archiven, bei Heimatvereinen und Bekannten. Da er selbst mehrere Hochwasser an der Modau erlebt habe, sei dies auch ein persönliches Thema gewesen. Eines davon sei das Hochwasser am 20. Juli 1965 gewesen. In den Nachmittagsstunden des sommerlichen Tages hatte sich der Himmel schlagartig verdunkelt und kurz darauf Starkregen und Hagel eingesetzt. Die Folge war ein verheerendes Hochwasser, das zugleich das bis heute Letzte seiner Art gewesen war. Wassermassen waren aus Richtung Traisa nach Nieder-Ramstadt und Ober-Ramstadt geschossen. Die reißenden Fluten zerstörten Wege, Straßen und Brücken und überfluteten zahllose Wohnungen. Auf rund eine Million Deutsche Mark war der Schaden damals beziffert worden.

Auch zu diesem Ereignis fand er beeindruckendes Bildmaterial, das er mit weiteren Materialen zu einem ausführlichen Vortrag zusammenstellen konnte. Das Interesse für den folgenden Themenabend in der Nieder-Ramstädter Kirche sei riesig gewesen, versichert der pensionierte Lehrer. Und fügt, mit einem verschmitzten Grinsen im Gesicht, hinzu: „Der Pfarrer war fast schon neidisch darauf, dass es jemandem mit einem nicht kirchlichen Thema gelingt, das Gotteshaus bis auf den letzten Platz zu füllen.“ Und dennoch konnte der Gottesdiener dem etwas besonders Positives abgewinnen. Die Veranstaltung über die Katastrophe hatte Kerb und Kirche wieder enger zusammengeführt. Denn auch Krisen schweißen schließlich zusammen.

Kapitel 3

Tal der Mühlen

Der Weg von Ober-Ramstadt führt oberhalb der Bundesstraße entlang, weil hier viel Ufer in Privatbesitz ist. Es geht vorbei an früheren Industriebetrieben wie der Fabrik Wacker + Dörr, die Abwässer in die Modau leiteten. Dann kommt, kurz vor dem Sportplatz des TSV Nieder-Ramstadt, und direkt an der Bundesstraße, etwas versteckt ein Vorzeigebeispiel des Naturschutzes an der Modau in den Blick: die neue Fischtreppe.

Die Odenwälder Hartstein Industrie musste sie 2014 für 350.000 Euro bauen, weil sie ihren Steinbruch in Nieder-Beerbach vergrößerte und dafür knapp sechs Hektar Buchenwald gefällt hatte. Das Gesetz schreibt vor, dass die Firma dafür zum Ausgleich anderswo etwas für den Umweltschutz tun muss. Nicht immer ersetzen diese „Ausgleichsmaßnahmen“ den ökologischen Schaden, der zuerst entstanden ist. Denn ein neuer Wald irgendwo, vielleicht sogar als Monokultur angelegter Forst, kann den Wert eines alten, gefällten Auwaldes nur schwer ausgleichen.

In diesem Fall ist es aber gelungen: Vorher ragte eine hässliche Betonplatte des alten Stauwehres in die Modau, die kein Fisch überwinden konnte. Jetzt stehen wir hier zusammen mit Frauke Reimers, der Mühltaler Umweltbeauftragten. Und staunen doch, wie schön diese Wassertreppe im Fluss mit ihren vielen kleinen Becken doch aussieht. Und wie sie klingt, denn hier rauscht und sprudelt die Modau wie sonst nirgendwo. Im Fachjargon ist die Treppe eine „Riegelrampe“. Und in jeder Treppenstufe, also den Riegeln, gibt es ein vierzig Zentimeter breites Schlupfloch, durch das Bachforellen unter Wasser nach oben schwimmen können.

Die Rampe ist einer der wenigen Plätze, an denen wir Kinder finden. Sie spielen am Ufer. Andere picknicken oder schwimmen sogar in der Modau. Denn in den kleinen Pools der Treppe liegt Kies, der die Füße massiert. Den Kies brauchen die Forellen zum Laichen. Und die Fischrampe sollte ja vor allem ihnen helfen, wieder die Modau aufzusteigen. „Niemand weiß aber, ob das wirklich funktioniert“, sagt Frau Reimers. Doch das wollten wir wissen. Deshalb überzeugten wir den Hessischen Verband der Fischer und den Nieder-Ramstädter Angelverein, zum ersten Mal an der Fischrampe ein wissenschaftliches Elektrofischen zu machen. Damit kann man den Fischbestand an einer Stelle im Fluss ziemlich genau bestimmen.

Wir waren gespannt, als Karl Schwebel im Juni ins Wasser an der Fischrampe stieg. Das Elektrofischen war eine Überraschung, wie die Fotoreportage zeigt. Nicht nur, weil Karl Schwebel ein wenig wie ein Astronaut aussah, der gerade in Mühltal zwischengelandet war.

Wir gehen weiter durchs Dorf am Ufer entlang und sehen immer wieder Rohre, die in die Modau ragen – offenkundig, um Wasser abzupumpen. Wir fragen beim Landratsamt nach und werden bestätigt: Erlaubt ist vom Gesetz nur das Abschöpfen per Hand für den Eigenzweck, nicht aber solche Pumpen, mit denen die Leute ihre Gärten wässern. Eine Ordnungswidrigkeit, die bestraft wird, so sie denn nachzuweisen ist. Und dafür müsste man zur rechten Zeit beim Pumpen dabei sein. „Sonst macht da kein Gericht mehr mit“, sagt Horst Avemarie von der Unteren Wasserbehörde. Deswegen gibt es hier kaum Strafen. Obwohl in Zeiten des Klimawandels und größer werdender Trockenheit die Modau teils sehr niedrige Wasserstände hat und alles gebrauchen kann, was in ihr bleibt.

Protest der „Kanäler“

Wir bleiben im Ortszentrum stehen, an der Brückenmühle; früher war sie eine Getreidemühle, dann ein Elektrizitätswerk. Wir blicken über die Brücke an der Dornwegshöhstraße hinüber zur  „Bachgasse“ mit ihren Betonmauern. Ein Versuch von Frau Reimers, die zubetonierte Flusssohle mit ein paar Hölzern etwas naturnäher zu machen, scheiterte in den 1990er Jahren furios: Auf einer Bürgerversammlung zeigte der Ortsvorsteher Bilder der Hochwasser, die gerade hier früher gewütet hatten. Danach kippte die Stimmung. Außerdem hatten manche der „Kanäler“, wie die Bachgassenbewohner im Dorfjargon heißen, Angst vor Lärm – dem möglichen Rauschen einer anderen Modau, die sonst flach und still hier dahin zieht. Die Hochwasserangst, sie taucht immer wieder auf, gerade in Nieder-Ramstadt, wo 1919 das schlimmste Hochwasser alle Brücken eingerissen, den Ortskern überschwemmt und viele Hühner, Gänse, Schweine und Ziegen in den Ställen ertränkt hatte, wie Gernot Scior in seinen Recherchen zusammengetragen hat.

Der damalige Pfarrer Weigel hielt das Unglück fest: „Der diesseits der Modau gelegene Ortsteil war nun von dem jenseitigen vollkommen abgeschnitten, zwischen beiden ein breiter, rasender Strom.  Jammernde Menschen standen hüben und drüben. Leute, die im Feld vom Unwetter überrascht worden waren, liefen nach den Ihrigen, die in den tiefer liegenden Ortsteilen, namentlich in der Bachgasse wohnten.“ Todesopfer gab es keine, doch ein Jahr nach dem ersten Weltkrieg herrschte Armut. Die Ernte war dahin genauso wie das Viehfutter. 93 Familien mit 680 Menschen waren in Existenznot, sodass Hessens Ministerpräsident kam und Nothilfen versprach. Es gab einen Opfertag mit Sammlung für die Armen. Und zwei Monate Tanzverbot im Dorf, das trauerte.

Heute steht hier das Mühltaler Rathaus, ist die Modau friedlich, zahm und kontrolliert. Wir stoßen auf eine der seltenen Informationstafeln – zu den Mühlen, die Bäcker und Müller zu den wichtigsten Berufen machten. Und so ziert die Brezel und das Mühlrad das Wappen der Gemeinde, für die 1303 die ersten Mühlen belegt sind. In Pfungstadt trieb die Modau gar schon 804 Mühlräder an, wie der Arbeitskreis Heimatgeschichte auf seiner Website muehltal-odenwald.de dargelegt. Mühltal war weit über die Region hinaus bekannt für die Backwaren, die bis ins lothringische Metz und ins elsässische Straßburg ausgeliefert wurden. Es ist belegt, dass Mühltaler Brötchen serviert wurden, als Martin Luther 1521 vor dem Wormers Reichstag stand und den berühmten Satz sprach: „Hier stehe ich und kann nicht anders!“

Wappen der Gemeinde Mühltal

Zu Hochzeiten gab es 18 Mühlen allein in Nieder-Ramstadt. Für 1623 ist eine Zunft mit 58 Bäckern und Müllern in Nieder-Ramstadt belegt. Beide Stände waren reich und betätigten sich auch als Bankiers; die reichsten Müller waren die „Bachprinzen“. Ihre  Mühlen mahlten keineswegs nur Korn. Sie mahlten Saaten zu Öl, zermahlten Schießpulver, schliffen Glas und waren für die Papierherstellung nötig, wie manche Straßennahmen in Nieder-Ramstadt heute zeigen. Dennoch bestimmten die Getreidemühlen das Bild – und 100 Öfen in Nieder-Ramstadt Anfang des 17. Jahrhunderts die Luft, bei 500 Einwohnern. „Wie mag es in Nieder-Ramstadt an einem Backtag nach Brot geduftet haben!“, schreibt der Heimatforscher Karl-Heinrich Schanz.

Der Mühlen-Mann

Keiner kennt die Mühlen so genau wie er. Schanz ist 1934 in Traisa geboren und lebt immer noch in seinem Elternhaus. Schanz war Vorsitzender des Hessischen Landesvereins zur Erhaltung und Nutzung von Mühlen. Er hat viele Vorträge und Texte verfasst, zu Mühlen in ganz Hessen. Der Traisaer kämpfte mit Mühlenbesitzern für den Erhalt ihrer Wasserrechte und half, Mühlen zu renovieren. Er will wegen seines Alters nicht mehr in der Öffentlichkeit stehen, dennoch hat der frühere Kunststofftechniker eine klare Botschaft: „Den Mühlenbesitzern wird das Leben schwer gemacht bei den Wasserrechten und der Erlaubnis, Mühlräder laufen zu lassen – auch mit zu viel Bürokratie. Da wir müssen aufpassen“. Schanz bedauert, dass die Mühlen mit ihrer Historie aus der Erinnerung. „In vielen befinden sich heute nur noch Wohnungen.“ Obwohl der Geo-Naturpark einen Wanderpfad in Mühltal eingerichtet hat, seien selbst hier die Mühlen in Vergessenheit geraten, bedauert Schanz.

Wir wandern weiter und gelangen aus dem Dorf heraus, auf die letzte Aue dort zu, die gerade verschwindet, Felder, die bei Gewitter Kanäle werden, die Pulvermühle mit ihren Geschichten und der Papierfabrik am Fluss. Die Fotoreportage zeigt den Weg durch dieses spannende Modaurevier in Nieder-Ramstadt.

Ein Erfolgsmoment ist der Sieg über einen Misthaufen. Denn bei einem anderen Ufergang in Nieder-Ramstadt entdecken wir in der Verlängerung einer Ponyweide einen Misthaufen direkt an der Modau, was verboten ist. Denn von hier kommt Nitrat und Phosphat in den Fluss, vor allem bei Regen, wenn mit einem Guss der ganze Dreck im Fluss landet. Eine „Nährstoffracht“, wie die Biologen sagen, die dann Algenblüten, Sauerstoffzehrung und anderes Ungemach anrichtet. Ein Anruf bei Frauke Reimers, der kommunalen Umweltbeauftragten reichte, die dann selbst zum Hörer griff. Eine Woche später war der Misthaufen weg.

Am Ortsausgang sind wir dann länger an der Modau geblieben. Und einige sind auch wieder dorthin zurückgekehrt, für ein Porträt über die Pulvermühle, deren Besitzer Karl-Heinz Hechler regelmäßig seine Mühle für die Öffentlichkeit öffnet, etwa am Deutschen Mühltentag im Juni. Direkt davor liegt flussauf die Illigsch’e Papierfabrik, der älteste Industriebetrieb im Darmstädter Raum. Er ist immer noch in Betrieb, saniert sich aber gerade selbst nach angemeldeter Insolvenz. Die Fabrik hat eine eigene Kläranlage und leitet Abwasser in die Modau. Darüber haben wir mit  Friedrich Hechler gesprochen, der Technischer Leiter der Fabrik ist (siehe Box am Kapitelende).

Hier, am Ende des Mühltals, gibt es auch einen versteckten Wasserfall. Er liegt zwischen einem Gewerbegebiet und der stark befahrenen Bundesstraße 426, oberhalb der Pulvermühle. Es ist ein Ort, den kaum jemand kennt, auch nicht viele Nieder-Ramstädter. Der Wasserfall scheint wie ein seltenes Stück Wildnis an diesem Industriefluss und ist doch nicht natürlich. Es ist ein altes Wehr, von dem die Modau eineinhalb oder zwei Meter laut tosend hinab schießt, eingerahmt von Ästen, Gestrüpp und den hohen Wänden der Bäume. Hier landet auch viel Müll, gerade nach den Hochwassern: Plastiktüten, Kleiderfetzen, die kleinen Schnapsflaschen, die manche noch schnell leer trinken und in die Modau werfen, bevor sie die Haustür öffnen.

Videobeitrag zur Pulvermühle

Wanderung mit Hindernissen: Fischtreppen in Deutschland

Von Niklas Diemer

Als Fisch hat man in fließenden Gewässern einen sehr eingegrenzten Lebensraum. Viele Abschnitte sind durch Hindernisse voneinander getrennt. Rund 200.000 Querbauwerke erschweren die Wanderung der Fische in Deutschland, oder machen sie unmöglich.

Fischtreppen, Fischrampen oder Fischlifte sind Vorrichtungen, die oberirdische Gewässer durchgängig und passierbar machen. Im Behördendeutsch werden sie als „Wasserbauliche Einrichtungen in Fließgewässern zur Hilfe bei der Überquerung von Hindernissen bei der Fischwanderung“ beschrieben. Die Bauten sind also besonders für Fische wichtig. In heimischen Gewässern sind das vor allem Lachse, Meerforellen und Aale. Sie wandern die Flüsse auf der Suche nach Nahrung, zum Laichen und für verschiedene Lebensräume mit unterschiedlichen Temperaturen auf und ab. Ein perfektes Laichgebiet ist beispielsweise möglichst flach und mit Kies unterlegt. Für die Nahrungssuche bevorzugen sie jedoch tiefere Gewässer. Die lebensnotwendige Wanderung der Fische wird durch Hindernisse beeinträchtigt, an vielen Stellen sogar unmöglich gemacht. Dabei sind die häufigsten Hindernisse sind Wehre, glatte Rampen oder Kraftwerke mit ihren Staumauern.

Durch die sogenannte EU-Wasserrahmenrichtlinie soll der Zustand der Gewässer verbessert werden. Sie wird häufig mit Bezeichnung „WRRL“ abgekürzt. Die Richtlinie wurde im Jahr 2000 durch das Europaparlament verabschiedet. Ihr erklärtes Ziel: Ein „Guter Zustand“ der europäischen Gewässer bis 2028. Aus dem Gesetzesentwurf sind Maßnahmen-Kataloge entstanden, die vorsehen, dass Wanderhilfen eingesetzt werden.

Wie funktionieren die Auf- und Abstiegshilfen?

Es gibt verschiedenste Arten der Wanderhilfen. Die neuesten gleichen in ihrer Funktionsweise modernen, elektrischen Personenaufzügen. Der erste dieser Art wurde an einem fünf Meter hohen Stauwehr im Allgäu in Betrieb genommen. In regelmäßigen Abständen wird den Fischen die Möglichkeit gegeben, mittels eines Liftes vom Unterwasser ins Oberwasser zu gelangen. Dafür durchschwimmen sie ein Rohr, das die Tiere in den eigentlichen Lift bringt. Sobald die Luke der Transportkammer geschlossen ist, befördert sie die Flussbewohner zum Auslassrohr im Oberwasser. Dieses Verfahren wird vor allem bei großen Höhenunterschieden genutzt.

Technisch weniger anspruchsvoll und damit auch öfter anzutreffen sind Fischtreppen aus Gestein. Sie werden wie eine Treppe stufenweise angeordnet. Die Bauten können bis zu mehreren hundert Meter lang sein. So können die Fische nach dem Aufstieg einer Stufe in den Zwischenbecken pausieren und sich erholen. Diese Technik hilft allerdings nur, um geringere Höhenunterschiede zu überwinden. Denn über lange Strecken wäre der Aufstieg für die Tiere zu anstrengend. Das kostet pro Treppe zwischen einem fünf-, bis sechsstelligem Betrag.

Fischtreppe an der Modau

Auch in Nieder-Ramstadt, am Dreieck B449-B426, können die Fische seit 2015 ungehindert aufsteigen. Dort versperrte eine Wehrplatte den Weg flussaufwärts. Dieser Schritt reicht aber noch nicht aus. Denn wenige Kilometer weiter versperrt das Kaisermühlenwehr in Eberstadt jegliche Wanderversuche. Mit diesem Negativbeispiel wird die Dichte an Querbauwerken sichtbar. Und das sogar in einem vergleichsweise kleinen Fluss wie der Modau. Betrachtet man die bisher umgesetzten Maßnahmen, für eine bessere Durchgängigkeit in den Flüssen, fällt schnell auf, dass es noch viel zu tun gibt. Für den Zeitraum 2016-2018 wurden 18.013 Maßnahmen als geplant angegeben, davon wurden bislang rund 25 Prozent fertiggestellt. Das geht aus der Zwischenbilanz der Bund/Länder-Arbeitsgemeinschaft „Wasser“ hervor. Die Zahlen wurden Ende 2018 erhoben und basieren auf den Angaben der Länder. Zudem wird festgestellt, dass auch bis zum Ende des zweiten Bewirtschaftungszeitraumes (2027) nicht alle erforderlichen Maßnahmen umgesetzt werden können. Diese Einschätzung wurde anhand von Erfahrungswerten aus dem ersten Bewirtschaftungszeitraum getroffen. Das Hessische Umweltministerium gibt dazu an, dass die Gründe dafür „natürlicher, sowohl technischer Art“ sind. Zudem geht man im Fazit des Berichts davon aus, dass die gesetzten Ziele „mitunter auch aufgrund von unverhältnismäßig hohem Aufwand nicht erreicht werden können.“

Interview mit Friedrich Hechler von der Illig'schen Papierfabrik

Von Gabriel Wolenik

Die Illig’sche Papierfabrik liegt in Mühltal direkt an der Modau. Sie gehört heute zur Cordier Spezialpapier GmbH.

Wann genau die Illigsche Papierfabrik gegründet wurde, ist nicht ganz klar. Denn 1846 zerstörte ein Feuer auch die Hausurkunden. Im Dreißigjährigen Krieg gingen dann auch noch die wichtigen Kirchen- und Gemeindebücher verloren, die sonst solche Gründungen belegen können. In Urkunden erwähnt wird die Papiermühle zum ersten Mal 1695, weil sie der Papiermachermeister Valentin Schreyer von der Landgrafschaft pachtete, wie der Mühltaler Arbeitskreis Heimatforschung schreibt. Auftrag auch der folgenden Pächter und Papiermüller war es, die Kanzlei des Landgrafen für deren Schriftverkehr mit Papier zu versorgen, das vor allem aus Lumpen und eben Wassern gewonnen wurde. Dafür hatte die Papiermühle einen „Lumpenbann“ – nur sie alleine durfte im Umkreis Lumpen kaufen.

Zurück in die Neuzeit: Industriebetriebe haben über die Jahrhunderte an Flüssen ihre Abwässer ungeklärt eingeleitet. Doch seit den 1980er Jahren hat sich viel verändert: schärfere Gesetze verlangten nach Kläranlagen; die Industrieproduktion verbesserte sich. Heute hat die Papierfabrik eine zweistufige Kläranlage mit mechanischer und biologischer Klärung. Ihre Papiere tragen teils den „Blauen Engel“, das Umweltzeichen der Bundesregierung oder das FSC-Siegel (Forest Stewardship Council) für nachhaltige Holzwirtschaft. Im Interview erklärt Friedrich Hechler, Technischer Leiter und Besitzer der benachbarten Pulvermühle, wo immer noch die Herausforderungen für eine umweltschonende Papierherstellung liegen.

Gabriel Wolenik: Welche Bedeutung hat die Modau für die Illig’sche Papierfabrik? 

Friedrich Hechler: Mühlen waren die ersten Industriebetriebe. Die Mühlen brauchten damals Wasserkraft, um die Papiermaschine anzutreiben. Außerdem benötigt man zur Papierproduktion einfach Wasser. Deshalb sind auch alle Papierfabriken auf der Erde an einem Fluss. Sonst hat es für alle Betriebe an der Modau noch einen anderen Zweck gehabt: Wasser zu bekommen, um die Maschinen anzutreiben. Das ist eine reine Zweckbeziehung.

Wolenik: Dabei entsteht Abwasser, wie reinigen Sie es? 

Hechler: Außerhalb der Ortschaft hat kein Betrieb einen Kanalanschluss, deshalb brauchen wir eine Einleitgenehmigung. Für unsere Papierfabrik haben wir vier davon. Darin stehen alle Werte vorgeschrieben. Das muss man regelmäßig von einem autorisierten Unternehmen überprüfen lassen. Die Messungen werden täglich vorgenommen. Man ermittelt natürlich auch selbst Werte. Auch dafür haben wir einen festangestellten amtlichen Wasserwart.

Wolenik: Wie läuft das Klären bei Ihnen ab, wie versuchen Sie, denn Einfluss auf die Modau gering zu halten?

Hechler: 1990 haben wir einen Förderpreis bekommen, das wurde auch vom HR-Fernsehen übertragen. Zu dieser Zeit haben wir die modernste biologische Kläranlage eingeweiht. Der Papierfangschlamm wird vorher schon herausgefiltert. Der Schwerschlamm, der nicht durch die Kläranlage läuft, wird von den Entsorgungsbetrieben ZAW oder EAD mit Saugwagen abgesaugt. Eine Vorgrube ist Pflicht, darüber hinaus muss das Abwasser durch einen Fettabscheider laufen. Das ist unumgänglich, für die Kläranlage ist Fett eine Katastrophe! Und es gibt natürlich viele Chemikalien, die wir während der Papierproduktion bewusst einsetzen, die uns hinterher aber auch wieder schaden. Deswegen müssen wir sie regulieren.

Wolenik: Welche Chemikalien sind das, ein Beispiel?

Hechler: Wenn man etwa schneller reinigen will, weil mit anderen Farbsorten produziert werden soll, benutzt man sehr aggressive Chemikalien, beispielsweise sogenannte Systemreiniger. Die sind Wassergefährdungsklasse 3 – die höchste Stufe, die es in Deutschland gibt. Damit spült man die Systeme, um die gesamte Farbe zu entfernen. Das muss man heute natürlich lückenlos abbauen.

Wolenik: Mühlenforscher Karl-Heinrich Schanz erzählte eine Anekdote, wonach sich das Wasser färbte, wenn die „Papiermühle“ in der Produktion das Sortiment wechselte. Ist da was dran?

Hechler: Wir sind noch bis heute gesetzlich nicht an die Farbe unseres Abwassers gebunden. Aber ja: Vor der Einführung der Kläranlage sah man genau, welche Farbe unser produziertes Papier hatte.

Wolenik: War die Lage damals an der Modau generell?

Hechler: Früher war das eine Katastrophe, da hat es keinen Fisch in der Modau gegeben. Einfach, weil hier viele Firmen ansässig sind. Man hat sich schon fast den Arm verätzt beim Hineinhalten, jeder Stein war wie blank poliert. Abwasser wurde direkt ungeklärt eingeleitet. Und es gab sogenannte „Öko-Beete“: Löcher oder Äcker, in die das Wasser hineingelaufen und versickert ist, und anschließend wuchsen die Brennnesseln zwei Meter hoch wegen der ganzen Nährstoffe, die mit dem Wasser in den Boden kamen. Da hatte jeder ein ruhiges Gewissen.

Wolenik: Welche Herausforderungen stellen sich in der Zukunft für Industriebetriebe an der Modau?

Hechler: Die Betriebe sind bei der Abführung von Abwasser immer besser geworden. Das Regierungspräsidium Darmstadt hat die Unternehmen im Blick. Aber man will ja selbst sparen, deshalb versuchen wir ohnehin, den Wasserverbrauch zu verringern; derzeit liegt unser Durchschnittsverbrauch bei 22 Kubikmeter Wasser pro produzierter Tonne Papier. Und wir stellen drei Tonnen Papier in einer Stunde her. Wir sind dabei aber immer auf der Suche nach dem größtmöglichen geschlossenen Wasserkreislauf. Größere Firmen fahren in einem völlig geschlossenen Kreislauf. Das ist bei uns nicht möglich, wir brauchen immer ein gewisses Maß an Frischwasser.

Wolenik: Wo sehen sie die größten Probleme heute, auch als Modau-Anwohner?

Hechler: Das eigentliche Problem für mich sind heute die Privatpersonen. Was die teilweise reinkippen! Vor meiner Mühle finde ich manchmal Berge von toten Fischen. Dann weiß ich, da hat wieder jemand Altöl oder Benzin ins Wasser gekippt.

Videobeitrag zur Wasserrahmenrichtlinie

Kapitel 4

Eberstadt

„So richtig haben die Darmstädter die Modau nie als ihren Fluss angesehen; die denken bei der Modau an den Odenwald“, sagt Thomas Deuster im Gespräch. „Eberstadt besaß schon immer eine große Eigenständigkeit“, sagt der Ur-Darmstädter, der inzwischen in Karlsruhe wohnt. Er hat ein Buch über Darmstadts Gewässer geschrieben und kennt auch die Modau sehr gut. Auch sie kommt als Stadtfluss in Deusters Buch vor, das der Gewässerliebhaber 2008 erstmals veröffentlichte. Darin beschreibt er renaturierte Stellen entlang der Modaupromenade, dem Uferweg durch die Stadt entlang am Fluss.

Auf dem Uferpfad fühlen sich die Menschen wohl. Hier stoßen wir auf zwei Leiter der Eberstädter „Arbeitsgruppe für Achtsamkeit“, die Plätze am Ufer suchen, an denen sie am Wochenende mit Seminargästen meditieren können. Die Modau als Meditationsort, damit hatten wir nicht gerechnet. Und kommen so wieder ins Grübeln, wie man den Fluss mit Umweltbildung, Ökotourismus und regionalem Stolz verbinden könnte. Deshalb treffen wir uns schließlich in den kommenden Wochen mit Jutta Weber vom Geopark Bergstraße-Odenwald, um mit ihr über die Flüsse der Region, den geplanten Radweg und Tourismus zu sprechen (siehe Box am Ende des Kapitels).

Ins Gespräch kommen wir am Uferweg auch wieder schnell. Denn da sitzt plötzlich eine entspannte Spaziergängerin samt Hund, die uns am „Rastplatz am Rauschenden Bach“ förmlich erwartet und dabei etwas Edles, fast Altenglisches ausstrahlt: Mühlenbewohnerin Gertrude Kothe, die uns spontan ein Video-Interview gibt.

Für einen weiteren Darmstädter Modaukenner ist Eberstadt „eigentlich das Herz der Modau“. Denn hier begänne theoretisch die „Äschenregion“, sagt der Gewässerbiologe Thomas Bobbe. Im Biologielehrbuch folgt auf die Forellenregion die Region der Äsche, eines edlen Verwandten der Forelle mit einer großen, fahnenartigen Rückenflosse. Sie stellt hohe Ansprüche an das Wasser und reagiert empfindlich bei Schmutz, Giften und fehlenden Kiesbetten zum Laichen. Daher fehlt sie in der Modau wie in vielen anderen Flüssen auch. Versuche, die Äsche in der Modau anzusiedeln, scheiterten. Denn sie sind aufwendig, wie das Projekt an der Mümling im Odenwald zeigt, wie das ECHO berichtete.

Ein Biologe träumt

Der sonst eher nüchterne Forscher Bobbe gerät bei der Äsche aber ins Schwärmen: „Mit ihr könnten wir die Modau in Eberstadt zum Leben erwecken, sie wäre breiter, kurviger, wilder.“ Wolle man die Äschenregion entwickeln, so Bobbe, müsse aus dem Staubecken in Ober-Ramstadt ein Trockenbecken werden. Dann käme der Kies, käme die Strömung. Hier, wo die Modau das Mittelgebirge verlässt, kommen schon heute neue Fischarten dazu, wie etwa der Döbel, ein kluger Allesfresser, der in kleinen Schwärmen umherzieht. Er würde mit den wandernden Arten vorkommen, die zur Modau gehören, jetzt aber fehlen – ganz oder fast überall, weil der Fluss zu dreckig und zu stark verändert ist: Äsche, Bachneunauge, aber auch kleinere Fische wie die Elritze oder die geschützte Groppe.

Die Artenvielfalt des Flusses

Die anklickbaren Bilder zeigen zehn Steckbriefe von Tierarten, die es in der Modau durchgängig oder zumindest an manchen Stellen gibt oder die es eigentlich geben müsste, wenn das Ökosystem des Flusses intakt und sein Wasser sauberer wäre.

Nase

Chondrostoma nasus

Ordnung: Karpfenartige
Größe: maximal 50-60 cm und 2 kg; durchschnittlich 25-30 cm
Alter: 15-20 Jahre
Lebensraum: Barben- und Äschen-Fischregion
typische Schwarmfische in schnell fließenden Gewässern Mittel- und Osteuropas, Sand- und Kiesgrund
Fortpflanzung: Laichzeit von März bis Mai; legen ihre Eier in flache überströmte Stellen mit kiesigen Untergründen
Nahrung: Algen, die sie mit ihrem harten Unterkiefer und der scharfen Unterlippe abweiden können
Vorkommen in der Modau: Die Nase gehört zu den Arten, die natürlicherweise in der Äschenregion der Modau vorkommen würde - jedoch fehlt sie ganz. Sie legt ihre Eier in die Kiessschicht am Boden ab. Dazu muss der Kies aber gut “durchlüftet” sein, also locker genug, damit sauerstoffreiches Wasser in die Lücken zwischen die Kiessteinchen fließen kann. In der Modau aber ist der Kiesgrund der Äschenregion verschlammt, der Nase fehlt der passende Untergrund zum Leichen. Sie könnte wieder angesiedelt werden, denn auch wenn die Modaunase ausgestorben ist: Die Art, die im Rhein vorkommt, würde auch in die Modau ziehen, wenn die Kiesböden weniger verschlammt wären.
Foto: Rostislav - stock.adobe

Bachforelle

Salmo trutta fario

Ordnung: Lachsartige
Größe: maximal ca. 110 cm mit 18 kg; durchschnittlich 20-35 cm, mit 200-500 g
Alter: maximal 18 Jahre
Lebensraum: Forellenregion
Bachforellen leben standorttreu – am liebsten in überhängenden und unterspülten Ufern mit kiesigen, steinigen und sandigen Boden in kaltem, sauerstoffreichen Wasser
Fortpflanzung: Von Oktober bis Januar, sie ziehen sich zum ablaichen in flache Nebengewässer mit schnell fließendem Wasser zurück
Nahrung: Kleintiere z.B. Krebstiere und Insektenlarven, teilweise auch kleinere Fische wie Groppen
Vorkommen in der Modau: Die Forelle fühlt sich in der Modau noch wohl, ihr Bestand ist, verglichen mit anderen Fischarten, relativ hoch. Die Modauforelle wandert auch in den Rhein und kommt dann, gut genährt, wieder zurück in die Modau. Einige Exemplare werden über 60 Zentimeter groß.

Bachneunauge

Lampetra planeri

Ordnung: Neunaugenartige
Größe: maximal 21 cm; durchschnittlich 10-16 cm mit 5-6 g
Alter: 5 Jahre
Lebensraum: Forellen- & Äschenregion
Bachneunaugen sind stationäre Bewohner kleiner Bäche und Flüsse und meiden steinige und schnell fließende Gewässerabschnitte, sowie die Unterläufe großer Flüsse
Fortpflanzung: Von März bis Juni, sie legen die Eier in sandig, kiesigen Stellen ab. Nach dem Ablaichen sterben die erwachsenen Tiere
Nahrung: Nach der Metamorphose zum Erwachsenentier nimmt das Bachneunauge keine Nahrung mehr aus, da der Darm in dem Prozess verkümmert. Vorher ernähren sie sich von Detritus (feinem, organischem Material) und Kieselalgen
Vorkommen in der Modau: Das Bachneunauge ist ein echtes Relikt der Urzeit: Die Art, die in der Modau vorkommt, stammt noch aus der letzten Eiszeit und ist genetisch einzigartig - ein echter Ureinwohner der Modau.

Barbe

Barbus barbus

Ordnung: Karpfenartige
Größe: maximal 100 cm mit 10 kg; durchschnittlich 30-40 cm
Alter: 12-15 Jahre
Lebensraum: Barbenregion
Die Barbe lebt als Grundfisch in sauerstoffreichen Fließgewässern mit stärkerer Strömung und sandigen oder kiesigen Untergründen
Fortpflanzung: Von Mai bis Juli, in dieser Zeit ziehen die Fische in Schwärmen die Flüsse hinauf und suchen flache, kiesige Laichgründe auf
Nahrung: Wasserinsekten, Würmer, Schnecken und gelegentlich Fischbrut
Vorkommen in der Modau: Die Barbe gibt es nicht mehr in der Modau. Wie auch die Nase würde sie natürlicherweise eigentlich vorkommen, wie auch die Nase kann aber auch sie ihre Eier nicht in den verschlammten Böden ablegen. Früher sind Barbe, Nase und Schneider bis nach Eberstadt geschwommen, heute sind sie in der Modau praktisch ausgestorben.

Äsche

Thymallus thymallus

Ordnung: Lachsartige
Größe: maximal 60cm mit 3kg; durchschnittlich 35 cm bis 40 cm
Alter: 14 Jahre
Lebensraum: Äschenregion
Sie gehört eigentlich in die Modau. Durch die anhaltende Gewässerverbauung und -verschmutzung wird die Europäische Äsche aber immer seltener und fehlt heute im Fluss.
Fortpflanzung: Von März bis April, in relativ starker Wasserströmung, Wassertemperaturen bis max. 24 °C und kiesigen Untergründen
Nahrung: Wasserinsekten, Würmer, Schnecken und gelegentlich Fischbrut

Groppe

Cottus gobio

Ordnung: Barschartige
Größe: max. 18cm bei 50gramm, durchschnittlich 8-10cm bei 15gramm
Alter: ungefähr 8 Jahre
Lebensraum: Groppen bewohnen flache, schnell fließende Bäche der Forellenregion
Fortpflanzung: Zwischen Februar und Mai bereiten die Männchen unter Steinen oder Holz Laichgruben vor
Nahrung: Groppen leben dicht am Gewässerboden und ernähren sich von Kleintieren des Baches, wie Bachflohkrebsen, Insektenlarven oder Schnecken
Vorkommen in der Modau: Die natürlich vorkommende Modaugroppe ist ausgestorben, die Groppe aus dem Rhein wandert allerdings in die Modau ein

Eisvogel

Alcedo atthis

Ordnung: Rackenvögel
Größe: bis 16 cm mit 26cm Flügelspannweite und ca. 40gramm
Alter: max. 10 Jahre, durchschnittlich eher 1-5 Jahre
Lebensraum: Die Eisvögel bevorzugen klares ruhiges Gewässer mit vielen kleinen Fischen
Fortpflanzung: Der Eisvogel baut sein Nest als Nisthöhlen an Steilufern von Gewässern. Frühestens Anfang März legt das Weibchen 6 bis 7 Eier
Nahrung: Fische, Insekten, Frösche, Schnecken
Vorkommen in der Modau: Der Eisvogel braucht seine Nisthöhlen am Ufer. In den renaturierten Abschnitten der Modau kann er sich die graben - in den Gebieten, in denen der Flusslauf von Beton bestimmt wird, hat er keine Chance.

Biber

Castor fiber

Ordnung: Nagetiere
Größe: bis zu 1,40 Meter bei bis zu 32kg
Alter: bis 10-12 Jahre (ausnahmsweise auch bis zu 25 Jahren)
Lebensraum: Gewässerreiche Landschaften und naturnahe Flussabschnitte, auch siedlungsnahe Gräben oder Fischteiche werden besiedelt
Fortpflanzung: Biber bleiben ihr Leben lang bei ihrem Partner. Für gewöhnlich pflanzen sich die Biber zwischen Januar und April fort - und zwar unter Wasser. Sie haben in der Regel etwa zwei bis drei Jungen
Nahrung: rein vegetarisch; im Sommer vor allem Kräuter, Gräser und Wasserpflanzen, im Winter Rinden und Zweige weicher Hölzer wie Pappeln oder Weiden und vieler anderer Baum- und Straucharten

Königslibelle

Anax imperator

Ordnung: Libellen
Größe: 9,5 - 11cm (Flügelspannweite)
Alter: ca. 12 Monate
Lebensraum: In der Nähe von Süßwasser
Fortpflanzung: Zwischen Juli und Oktober
Nahrung: Mückenlarven und andere Insekten

Feuersalamander

Salamandra salamandra

Ordnung: Schwanzlurche
Größe: ca. 20cm mit 50gramm
Alter: In der Natur bis zu 20 Jahren, in Gefangenschaft bis zu 50 Jahre
Lebensraum: Bevorzugter Lebensraum sind Laub- und Mischwälder in der Nähe von Gewässern
Fortpflanzung: Feuersalamander paaren sich an Land. Die entwickelten Larven werden zwischen Februar und Mai in kühle Quellbäche, Quelltümpel oder Brunne abgesetzt.
Nahrung: Asseln, Schnecken, Würmer und Käfer, aber auch von anderen Amphibien wie kleinen Fröschen und Molchen

Dazu kämen eigentlich Wasserinsekten wie die Steinfliegenlarven, die sehr sauberes Wasser mit viel Sauerstoff brauchen. Insgesamt, so schreibt Thomas Deuster in seinem Buch, könne der Nachweis schöner Forellen und anderer Arten nicht über den Zustand des Flusses hinwegtäuschen. „Trotz dieser guten Nachrichten hat die Modau weiterhin große Probleme.“ Diesen Problemen sind wir weiter auf der Spur, werden hier in Eberstadt aber nicht die letzten Antworten finden. Im Ried zeigt sich die Modau nochmal ganz anders, und hier sitzt der Wasserverband „Modau“, von dem wir uns finale Antworten auf unsere Fragen erhoffen.

Nötige Flurbereinigung

Der Wasserverband sei etwas überfordert, die Reformideen für den Fluss umzusetzen, meint Thomas Bobbe. „Wir brauchen für Vieles Randstreifen an den Ufern, also Flächen, da müssen die Behörden einfach aktiver werden.“ Es ginge nur über Flurbereinigungen, die das Regierungspräsidium und das Amt für Bodenmanagement planen, mit dem Kauf und dem Tausch von privaten gegen öffentliche Grundstücke. „Wenn eine Straße oder Autobahn gebaut wird, geht so etwas ganz schnell“, sagt Bobbe. „Bei unseren Flüssen geht es dagegen offenbar nur sehr schwer; das ist eine Sache des Willens.“

Im Netz ist generell wenig über die Modau zu finden. Auch von der Pressestelle der Stadt Darmstadt erfahren wir nicht viel über den Fluss im Stadtgebiet, dafür aber wiederum auf Schautafeln und in den Berichten und Bildern der Heimatforschung oder der Naturfreunde, die in die Fotoreportage vom Eberstädter Uferweg eingeflossen sind.

Der Uferweg führt vorbei an den Brücken über die Modau, die aber in keinem guten Zustand sind. Anwohner beschwerten sich, das ECHO berichtete hierüber schon im Januar 2019. Noch immer hat sich nicht viel getan. Allerdings seien Beschlüsse für die Reparaturen schon erfolgt, teilt die Stadt auf Anfrage mit. Die besonders marode Brücken an der Blumenstraße soll im Herbst 2020 abgerissen werden.

Wenig tut sich auch bei dem Versuch, die Schuldigen von großen Verschmutzungen samt Fischsterben festzumachen, auf die wir bei den Recherchen entlang der Modau erstaunlicherweise stoßen. Gerade Eberstadt ist dabei ein Thema, denn am 15. September 2012 sammelte die Feuerwehr hier zentnerweise tote Bachforellen aus dem Fluss. Ein Fischsterben, offenkundig durch eingeleitete Gifte. Der Fischereiverband stellte Strafanzeige, die Staatsanwaltschaft begann zu arbeiten, ein Betrieb wurde durchsucht, die Forellen zur Obduktion an das Gießener Veterinäramt geschickt. Es gab eine Durchsuchung, das LKA analysierte die Wasserproben, aber letztlich blieb alles ohne Ergebnisse, obwohl nach einem Elektrofischen alles darauf hindeutete, dass die Schuldigen flussauf im Mühltaler Gewerbegebiet zu suchen waren. Fest stand nur, dass fast 400 Forellen starben, teils mit grün verfärbten Kiemen. Das Labor wies einen Duftstoff im Wasser nach, der auch in Wasch- und Reinigungsmitteln vorkommt.

Fischsterben sind keine Ausnahme

Das war keine Ausnahme: Fünfmal hat jemand in den vergangenen zehn Jahren die Modau mit roter und grauer Farbe, Gülle und anderen Stoffen verseucht. Zuletzt 2015, wie die Statistik zeigt, die uns der Landkreis schickte. Massenhaftes Fischsterben, Abwässer, die alles vergiften, das lässt an die 1970er und 80er Jahre denken, als Fäkalien oft ungeklärt in die Flüsse gelangten und Fischsterben normal waren. Ganz vorbei sind diese Zeiten offenbar immer noch nicht, trotz vieler Kläranlagen, die überall nach dem Chemie-Unglück in der Baseler Fabrik „Sandoz“ 1986 gebaut wurden. Die Firma, die heute zum Pharmakonzern Novartis gehört, zahlte zwar 27 Millionen Euro Schadenersatz, dingfest gemacht wurde aber persönlich niemand außer zwei Feurwehrleute.

Die heutigen Sünder entlang der Modau bleiben auch unbestraft, weil die Suche nach ihnen im Flusssand verläuft. Oder in Verwaltungszimmern, worauf die Antwort der Darmstädter Staatsanwaltschaft auf unsere Anfrage zeigt: „Die Fälle sind – auch unter Angabe der mitgeteilten Aktenzeichen – im System nicht zu recherchieren.“ In zwei Fällen sind die Namen der Firmen oder Personen dem Landkreis bekannt, ob es Strafen gab, ist nicht zu klären. Und dreimal blieben die Ermittlungen ohne jegliches Ergebnis.

Die Dunkelziffer der Unfälle liegt aber sicher höher. Denn es gibt nur sehr wenige Menschen, die in ihrer Freizeit oder von Berufswegen aufmerksam nach der Modau schauen, das ist eines der Hauptergebnisse unserer Recherchen. Außerdem sind die Kontrollen an ihren Ufern schlechter geworden. Denn gelangt Gift in den Fluss, müssen die Gewässerproben möglichst schnell genommen und dann möglichst frisch von einer Fachkraft im Labor untersucht werden. Vor rund zehn Jahren war das entlang der Modau gewährleistet, wie Horst Avemarie vom Landkreis Darmstadt-Dieburg erklärt. Damals habe es klare Zuständigkeiten bei Polizei, Staatsanwaltschaft und Regierungspräsidium gegeben, sodass bei einer Meldung „schnell jemand am Fluss war“. Dann gab es Umstrukturierungen, so Avemarie. „Heute sind wir oft zu langsam, das muss wieder besser werden, zum Wohl der Modau.“

„Große touristische Chancen“: Interview mit Jutta Weber, Geo-Naturpark Bergstraße-Odenwald

Die elf Gemeinden entlang der Modau eröffnen 2020 einen Radweg, um den Fluss auch für Touristen interessanter zu machen. Der Themenradweg an der Gersprenz zeigt bereits, was möglich ist.

Von David Pérez

Der Geo-Naturpark Bergstraße-Odenwald, der seit 2015 von der Unesco getragen wird, empfängt jährlich acht Millionen Besucher. Laut Jutta Weber, stellvertretende Geschäftsführerin und verantwortlich für die Öffentlichkeitsarbeit, ist die Tendenz steigend: „Immer mehr Menschen wollen wandern und die Natur genießen.“ Dennoch betont sie, dass der Geo-Park selbst keine touristischen Angebote macht. Er arbeitet mit Tourismusagenturen in den Gemeinden und Städten zusammen und versucht, dort Projekte anzuregen und zu begleiten.

Derzeit beschäftigt sich Jutta Weber mit der Modau, die durch elf Gemeinden im Geo-Park-Revier fließt. Bisher wird der Fluss touristisch kaum vermarktet; ein zwölf Kilometer langer, leichter Uferweg von der Quelle nach Ernsthofen wird im Internet von der Odenwälder Tourismus-Agentur bisher beworben. Doch nun soll entlang der Modau mehr passieren, wie Weber im Gespräch berichtet.

Entlang des Flusses ist ein Radweg geplant, bei dem die elf Modau-Gemeinden zusammenarbeiten. „Wir planen eine touristische Karte“, berichtet Weber. „Jede Gemeinde hat die Möglichkeit, ihre eigenen Orte und Plätze darin zu bewerben.“ Auf diese Art und Weise solle die Modau auch ein Bindeglied zwischen den Kommunen werden. „Der Pfad befindet sich im Aufbau. Die Modau hat großes Potential. Jetzt ist es wichtig, dass wir Angebote entwickeln, die mit dem Fluss zu tun haben.“

Start mit den Osterferien 2020

Für den Radweg werden keine neuen Strecken erschlossen, sondern vorhandene Wege und Straßen genutzt. Der Route soll 2020 zu Beginn der Osterferien eröffnet werden. Jutta Weber: „Ich bin mir sehr sicher, dass hier Angebote aus dem Gemeinden entstehen werden, sobald der Pfad eröffnet ist. Dieser Fahrradweg wäre die Infrastruktur für großer touristische Chancen.“ Im Zuge des Radwegeplans steigt in den einzelnen Gemeinden schon jetzt das Interesse, der Modau mehr Aufmerksamkeit zu schenken. Es gebe Pläne für zukünftige Angebote, sagt Weber: „In Pfungstadt sind sie interessiert daran, sogenannte „Geopunkte“ einzurichten. Das sind Informationstafeln, auf denen der Fluss und wichtige Punkte in der Stadt aufgeführt sind.“

Für Darmstadt hat Jutta Weber auch schon Ideen. Hier hat sie vor allem das Internationale Waldkunstzentrum im Blick, mit dem der Geo-Park schon zusammenarbeitet – etwa beim Global Nomadic Art Project (GNAP), das 2019 wieder internationale Künstler nach Darmstadt einlädt. „Man könnte hier am Waldunstpfad Workshops geben und sehen, wie sich Künstler mit dem Fluss auseinandersetzen, man könnte eine Ausstellung machen“, sagt Weber. „Das ist aber alles spontan, wir haben noch nichts entwickelt.“

Es geht der promovierten Geologin auch um einen gewissen pädagogischen Anspruch, „sodass Menschen etwas über die biologische Vielfalt der Modau lernen können.“ Dennoch könne dies nicht der alleinige Anspruch sein. „Es gibt auch Menschen, die einfach nur ein Bier am Fluss trinken möchten.“ Nachhaltig müssen alle Projekte für Jutta Weber sein, da sich der Geo-Park explizit den UN-Zielen für eine nachhaltige Entwicklung verpflichtet hat.

Vorbild Gesprenz-Radweg

Ideen für die neue Reiseroute auf den alten Modauwegen kann die Gersprenz liefern, an deren 54 Kilometer bereits dem ausgeschilderten Themenradweg „Wassererlebnisband Gersprenz“ entlangführt. Er beginnt an der Mündung im bayerischen Stockstadt am Main und führt flussauf bis nach Reichelsheim. Der Geo-Park hat einen Audioguide für den Radweg entwickelt. Auf Informationstafeln und Wegweisern entlang der Strecke finden Radfahrer QR-Codes, über die sie die Audiodateien zum Gersprenztal von der Geo-Park-Homepage herunterladen können. In den Hörbeiträgen geht es um Mühlen, Lebensräume und Rohstoffe entlang der Gersprenz. „Lernen Sie 45 Orte näher kennen  und gewinnen ein breit angelegtes Bild zur Landschafts-, Kultur-, und Nutzungsgeschichte eines Flusslaufes, der unsere Region prägt“, schreibt der Geo-Park auf seiner Website. Eine Broschüre mit Routenbeschreibung und Kartenausschnitten gibt es online beim Landkreis Darmstadt-Dieburg. Und auf Papier in allen Stadt- oder Gemeindeverwaltungen entlang der Radroute.

Kapitel 5

Ein Kanal im Ried

In Pfungstadt nehmen wir die letzte große Etappe der Modauwanderung auf und steigen kurz hinter der Brauerei, an der Mühlstraße, wieder auf den Weg zur Mündung ein. Gleich steht dort in der Kaplaneigasse Wilhelm Huxhorn, ein Pfungstädter Urgestein, Rentner, Angler und Modau-Anwohner, der im Fluss Schwimmen gelernt hat, mit selbstgebauten Floßen darin fuhr. „Weil damals noch viel mehr Wasser drin war“, sagt der Mann mit dem Schnauzbart und der Glatze schon etwas erbost. Dabei füttert er die riesigen Fische, die sich in Massen unter uns in der schmalen, höchstens armtiefen Modau aufgetürmt haben, die hier wieder aus der Versenkung an die Oberfläche kommen: Döbel, dutzende große Barben und  sogar Karpfen formieren sich zu einem dichten Schwarm. Die Barbenregion, ein neuer Flussabschnitt hat begonnen, soviel ist klar.

Huxhorn ist schon einen Gedanken weiter: Dreckig sei das Ufer, der Fluss, zu viel Holz läge darin, aber auch Flaschen und alles andere. Und dann die überhängenden Bäume und Sträucher überall. „Keiner kümmert sich drum“, sagt er und spricht von der Verantwortung der Stadt und des Angelvereins, der Modau-Pächter ist. Und wieder ist dieser Drang nach sauberer, aufgeräumter Natur da, von einem, der sich tief mit der Modau verbunden fühlt. An ihren Ufern aufgewachsen ist.

Seltene Einblicke in die Modau-Tiefen

Wie es in der Modau aussieht, können nur Taucher sagen. Und die sind nicht so oft dort, mangels Interesse und Tiefe. Wir haben aber Bilder von einer der seltenen Tauchgänge am Sandbachwehr bekommen, das wir auch passiert haben.

Der Weg führt uns durch Pfungstadt, ans Rathaus und zu Schautafeln mit den Mühlen, die  für die Stadt wichtig waren, wie Wolfgang Roth, Vorsitzender des Eschollbrücker Vereins für Heimatgeschichte, bei einem Vortrag 2019 erklärte (das ECHO berichtete). 18 Mühlen gab es laut Roth im Mittelalter und der frühen Neuzeit. Um sie noch besser mit Wasser zu versorgen und die Stadt vor den häufigen Modau-Hochwassern zu sichern, ließen die Regenten Zu- und Abflüsse anlegen wie etwa den Sandbach im 15. Jahrhundert, der nun renaturiert werden soll. Etwas später taucht wieder der Landgraf Georg I. auf: Er wollte das feuchte Ried entwässern und ließ weitere Gewässer anlegen wie den Landgraben, über den auch der Torf aus dem Pfungstädter Moor verschifft wurde. Und in der Modau begann er eine Karpfenzucht für den Hof in Darmstadt.

Die Modau in Pfungstadt

Ratten gefährden die Ufermauer

Die Karpfen sind wieder da, obwohl sie wahrscheinlich jemand eingesetzt hat. Beobachten kann man sie im Stadtzentrum an den tieferen Stellen, wie bis zum Sommer an dem Absturz in der Kirchstraße. Hier aber musste die Ufermauer mit Baggern für 300.000 Euro aufgerissen und saniert werden; Betonstäbe geben nun zusätzlichen Halt (das ECHO berichtete). Denn fast wäre hier die Mauer gebrochen, weil Ratten vom Fluss in die Modau-Mauer krochen und sie mit ihren Gängen von innen ausgehöhlt hatten. Eine Gefahr, gerade bei Hochwassern. Die Stadt rief den Fischereibiologen Rainer Hennings dazu, um die Fische zu fangen, die am Absturz ihren Standplatz hatten.

„Eine gerade Rennstrecke“

„Der Modau in Pfungstadt geht es besser als vor 25 Jahren. Die Wasserqualität ist besser geworden“, sagt Hennings. Bei den Strukturen der Ufer müsse aber noch mehr geschehen, etwa mit sogenannten „Störsteininseln“. Das sind für die Wasserbauer und Ökologen große Steine, die Verstecke bieten, an denen sich dann das Wasser bricht und Kies anlagert.

Sonst könne man in der Stadt wenig tun. Ganz anders außerhalb der Ortskerne: „Es besteht für die Modau dringender Handlungsbedarf zwischen Eberstadt und der Mündung. Im Ried ist sie eine grade Rennstrecke.“  Das zeigt auch unsere Bildstrecke zur letzten Etappe der Wanderung, die uns die Dämme entlang über Pfungstadt-Hahn bis nach Stockstadt führt, mit Station in der Kläranlage Pfungstadt.

Doch es gibt nicht nur die Ratten, die die Modau verändern. Eine andere Art wird den Fluss künftig wohl noch stärker beeinflussen: der Kalikokrebs. Er kommt aus Nordamerika und ist im Rheinsystem zu einem „sehr effizienten Allesfresser geworden“, wie der Krebsforscher Alexander Herrmann in der „Zeit“ erklärte. Womöglich setzten bei Baden-Baden kanadische Soldaten, die die Krebse von zu Hause als Angelköder mitgebracht hatten, im Rhein aus. Hier frisst er alles um sich herum: Amphibien und ihren Laich, Kaulquappen und auch Wasserpflanzen, was ein besonderes Problem ist. Denn mit ihnen fressen die Kalikokrebse auch Arten wie Wasserschnecken, Käfer und Libellen samt deren Eiern weg. Und auch den Lebensraum an sich, den Wasserpflanzen für Flussinsekten und die Fische bedeuten.

Kalikokrebs Männchen

Ein Krebsweibchen gebiert im Jahr 500 Junge. Und die Krebse laufen auch über Land, um neue Reviere zu erobern. Im Hessischen Ried und den Erfelder Altrhein ist er schon angekommen, wie Rainer Hennings berichtet. „Er wird die Modau erreichen. Und das kann große Probleme verursachen“, sagt der Biologe, der gerade mit Reusen im Erfelder Altrhein nach dem Krebs fischt.

Ein Neubürger, auf den viele warten

Dann gibt es noch die Geschichte von einem Tier, auf das wir erst zum Schluss unserer Reise und der Recherchen stoßen, ganz überraschend in der Amtsstube im Ried. Und, ganz unverhofft, doch noch in der Modau. Die Rede ist vom Biber, dem die Hoffnungen gelten und der die Dinge am Fluss verändern wird. Doch der Reihe nach: Wir fahren zunächst zum Wasserverband Modaugebiet nach Groß-Gerau, um Fragen zu klären mit denen, die namentlich für den Fluss und seine Zuflüsse zuständig sind.

Am Tisch sitzen mit Georg Möhrle und Volker Dingeldein zwei erfahrene, aufgeschlossene Wasserplaner, die sich offen für die Rückkehr der Natur zeigen, wenn es nicht dem Hochwasserschutz entgegensteht. Und wenn der Naturschutz an der Modau bezahlbar bleibt und nicht harsche Konflikte bereitet, gerade mit Landwirten, von denen man im Ried Flächen kaufen müsste. „Und an die Spargeläcker da kommen wir einfach nicht“, sagt Georg Möhrle. Pragmatismus scheint im Interview durch, der seine Gründe hat: erstens zu wenig Geld, um die großen Aufgaben der Wasserrahmen-Richtlinie anzugehen. Eine Million Euro hat der Wasserverband als Jahresbudget. „So viel, wie es kostet, das Rückhaltebecken in  Ober-Ramstadt abzulassen und zu entschlammen“, sagt Georg Möhrle.

Und dann sind da die Erfahrungen mit den Mühen der Ebene: Bis der Landbach bei Bickenbach wieder natürlicher instand gesetzt wurde, vergingen 20 Jahre. Für die ganze Pfungstädter Modau lag lange ein Papier zur Renaturierung in den Schubladen, nur Geld gab es dafür nie. Deswegen hält es Geschäftsführer Georg Möhrle auch „für realistischer, die Modau im Oberlauf zu renaturieren, wo man noch leichter Flächen aufkaufen kann“.

Im Ried, so sagt er, sei das kaum realisierbar. Hier müssten die Dämme der Modau auf langer Strecke eingerissen werden, befindet Möhrle in einer Stellungnahme an das Land. Auch gelte es zu bedenken, dass der Fluss dann tiefer gelegt werden müsste, was aus Sicht des Hochwasserschutzes nicht möglich sei.

Wo renaturieren? Dissens bei den Experten

Modau-Ökologen wie Karl Schwebel und Rainer Hennings sind anderer Meinung: Sie wollen, dass der Unterlauf renaturiert wird, egal, wie schwierig es ist. „Dort, wo es ihr besonders schlecht geht, muss man ansetzen“, sagt Schwebel. Auwiesen am Ufer des Flusses, der in Kurven dahinfließt, dazu kleine Tümpel und Erlenwälder, Schwebel malt ein anderes Bild vom Unterlauf. „Würden wir ihr im Ried nur 50 Meter schenken auf jeder Seite – sie hat großes Potenzial“, sagt Schwebel.

„Man müsste Deiche zurücksetzen und der Modau im Ried mehr Freiheit und Bewegung geben“, fordert auch Rainer Hennings. „Sie würde dann hin- und her pendeln, sodass ein geschwungener Verlauf entsteht mit all seinen Vorteilen für Flora und Fauna.“  Hier seien der Wasserverband Modau und die Kreispolitik gefragt, in Darmstadt-Dieburg, aber auch in Groß-Gerau. „Da passiert einfach zu wenig“, so Hennings.

Foto: dpa

Nochmal, kurz vor Schluss: Das alles ist keine Frage des Wollens, sondern des Müssens.

Bis 2027 sollen die Gewässer in der EU in gutem Zustand sein, das heißt auch, dass sie „durchgängig“ sein müssen für Wanderfische. Sonst drohen Deutschland Klagen. Die Experten, mit denen wir sprechen, wissen, wie aussichtslos die Lage an der Modau und ihren Zuflüssen ist – 108 schwer oder nicht zu überwindenden Hindernisse für Bachforelle und all die anderen im Jahr 2019. Das ist die Realität. „Nicht zu schaffen, vom Personal und den Mitteln her“, sagt etwa Georg Möhrle.
Das Hessische Umweltministerium, das wir dazu befragt haben, ist bei dieser grundlegenden Frage zuversichtlich und verweist auf den Erfolge der vergangenen fünf Jahre: zwölf „Wanderhindernisse“, an denen, „die Durchgängigkeit hergestellt“ wurde. Insgesamt seien die 108 Hindernisse bis 2027 zu machen, teilt das Ministerium mit und glaubt fest an die Machbarkeit der eigenen Pläne: „Da die Umsetzungsplanung vorliegt, wird eine Umsetzung für machbar erachtet“, heißt es in der Antwort. Zudem gebe es in den Behörden, die sich um die Modau kümmern, „grundsätzlich eine angemessene Stellenzahl und ausreichend Mittel“, wobei das Land auf die Zuständigkeiten der Kommunen und des Wasserverbands verweist und noch die ganzen Fonds, Programme und andere Hilfen auflistet, die den Kommunen und der Modau zugute kommen.
Das Heppenheimer Amt für Bodenmanagement, zuständig für den Kauf von Flächen bei Renaturierungen, antwortet auf die Anfrage ausweichender: Priorität habe derzeit vor allem  das Landesprogramm „100 Wilde Bäche für Hessen“, zu denen die Modau nicht gehört. Außerdem leide die Arbeit der Behörde unter Nachwuchs- und Fachkräftemangel, sodass offene Stellen nicht besetzt werden und so auch für die Wasserrahmen-Richtlinie und die Modau „gewisse Umsetzungshindernisse mitbeeinflusst werden können“, wie das Amt schreibt.
Die Recherche zeigt insgesamt: Zwischen Plänen und Realität klaffen, neun Jahre vor Ende der Frist für die Wasserrahmen-Richtlinie, an der Modau noch sehr große Lücken – oder 100 Hindernisse, die noch weg müssen.

Doch die Experten haben eine Hoffnung mit dichtem Fell, starken Zähnen und der berühmten Kelle am Körperende – der Biber. „Wir warten auf ihn“, sagt Möhrle überraschend im Interview. „Denn er darf, was wir nicht können.“ Und meint damit, die Modau zu renaturieren, ganz spontan, egal, wo und wem sie gehört. Entlang der Gersprenz und ihren Zuflüssen hat sich der Biber längst ausgebreitet und die Bäche umgestaltet, was nie ganz konfliktfrei verläuft (das ECHO berichtete mehrfach). Im Interview erklärt uns der Biberexperte des Landkreises, was der Biber für einen Fluss bedeutet und wie Probleme gelöst werden können (siehe Box am Kapitelende).

Überfahren in Mühltal

An der Modau gab es zum Zeitpunkt des Gesprächs in Groß-Gerau im Mai 2019 noch keine Biber in der Modau; einer wurde 2016 in Mühltal überfahren. Vermutlich wanderte er die Modau von der Mündung in den Altrhein flussauf, wo es einzelne Biber gibt. Während unserer Recherche drehte sich aber das Bild: Im Juni 2019 schickte ein Nieder-Ramstädter über die Facebook-Seite Mühltals Bilder von einem Biber an die Gruppe – mit Zweigen im Maul. Für Experten wie den Nabu-Mann Karl-Heinz Waffenschmidt war gleich klar, dass es Castor Fiber war und keine Bisamratte, das Nutria, mit der der Biber oft verwechselt wird. Dann waren erste kleine Bäume in der Modau, gefällt vom Baumeister der Flüsse, der sich in Nieder-Ramstadt somit ein Revier gesucht hat. Damit ist geschehen, was der Biber-Bericht des Landkreises am Schluss vorhersagte: dass der Biber die Modau bald besiedeln wird.

Es wird Beschwerden und Probleme geben, wie an der Gersprenz. Weshalb die Behörden über Biberberater nachdenken sollten, sagt Waffenschmidt. In Bayern, wo es die meisten Biber gibt, gibt es rund 200 der Ehrenamtlichen, die vermitteln, wenn ein Sportplatz unter Wasser steht, ein Bauer mit seinem Traktor entlang eines Damms eingebrochen ist oder der Nager Obstbäume in der Nachbarschaft gefällt hat. Gleichzeitig erschafft der Biber neue Gewässer und versetzt die Flüsse in ihren alten Zustand zurück.

An seinen Teichen gibt es daher mehr Arten als an künstlichen Gewässern. Zudem sind sie Wasserspeicher, wenn kleine Bäche sonst trocken fallen, ein wichtiger Faktor gerade bei den zunehmenden Klimafolgen, die Dürre und Trockenheit für viele kleine Gewässer bedeuten können. Biberteiche können dann Refugien und Rückzugsorte sein, an denen die Artenwelt der Flüsse Kraft tankt und weiterlebt – auch an der Modau.

Erwartete Wiederkehr: Der Biber ist zurück an der Modau

Von Jenifer Friedmann

Seit Juni 2019 ist durch Fotografien und Fraßspuren sicher, dass sich der Biber im Ortsgebiet von Nieder-Ramstadt angesiedelt hat.  „Es sind wohl Jungtiere, die sich jetzt hier gerade ansiedeln“, sagt Karl-Heinz Waffenschmidt vom Naturschutzbund, der schon im Frühjahr erste Meldungen von Anwohnern bekam, die offenbar Biber gesichtet hatten. „Es war zu erwarten, dass er bald in die Modau gelangt“, sagt Diplom-Biologe Karsten Heinrich, der sich bei der Kreisverwaltung Darmstadt-Dieburg seit langem mit dem Biber beschäftigt.

„Der Biber gestaltet sich seinen Lebensraum selbst, das ist einzigartig in der Tierwelt“, erklärt Karsten Heinrich weiter. Dadurch renaturiert er die Landschaft um sich herum und schafft Voraussetzungen für eine höhere Artenvielfalt. Einige Experten sehen im Biber ein Instrument, um die Ziele der EU-Wasserrahmenrichtlinie zu erreichen und Umweltbehörden bei deren Arbeit zu helfen. Denn die sind oft durch ein schmales Budget eingeschränkt und können nicht alle Flächen aufkaufen um, zu renaturieren. „Was der Mensch in jahrelanger und teurer Arbeit plant, macht der Biber innerhalb weniger Jahre – meistens sogar besser“, so Heinrich.

Der Hoffnungsträger für Artenvielfalt und Renaturierung

Forscher haben herausgefunden, dass sich in 83 Prozent der Fälle die tierische Artenvielfalt im Revier des Bibers erhöht, auf pflanzlicher Ebene in 79 Prozent der Fälle. Der Biber gilt daher als „Schlüsselart“, von der das Überleben vieler anderer Arten abhängt. Durch ihre Lebensweise prägen und regulieren sie ganze Ökosysteme.Der Gewässerökologe Thomas Schneider fand in einer 30-jährigen Studie an der Schmalen Sinn in der Rhön heraus, dass die Zahl der Libellenarten in den Biberrevieren des Mittelgebirgsbaches um das Achtfache angestiegen ist. Die Stauteiche mit ihrem „Mosaik aus Vegetation und offenem Wasser“, so Karsten Heinrich, gefällt auch den Vögeln. In über 60 untersuchten Gebieten gab es in Biberrevieren rund 20 Vogelarten mehr, wie die Universität Rostock herausfand. Und elf Kleinsäugerarten fing der Biologe Arūnas Samas in Litauen auf Biberburgen, während in einem benachbarten Waldgebiet nur fünf Arten vorkamen.

Mitunter verursacht der Biber aber auch Probleme, wenn er Bäume fällt, Flüsse aufstaut oder Ufer untergräbt. Das sorgt manchmal für Konflikte mit Anwohnern, Landwirten oder etwa Sportvereinen wie in Spachbrücken, wo die Tennisplätze immer mal wieder überflutet waren. Hier gibt es aber nun einen Kompromiss: In einem großen Biberdamm oberhalb der Sportstätten sind nach Abstimmung mit den Behörden Rohre eingezogen worden, sodass genug Wasser abfließt und dennoch der Biberteich weiter aufgestaut bleibt.

Den Biber treffe freilich keine Schuld, sagt Karsten Heinrich. Das Problem sei, dass früher zu nahe an Ufern gebaut wurde. Nach der heutigen Europäischen Wasser-Rahmen-Richtlinie soll das aber vermieden werden. Da Biber unter Artenschutz stehen, dürfen seine Bauten nicht verändert werden. Dennoch sind hinter dem Spachbrücker Tennisgelände bei Begehungen zerstörte Dämme zu sehen – widerrechtlich. Doch wo kein Kläger, da kein Richter.

Segen für die Fische?

Fischen bringen die Biberteiche mehr und bessere Überwinterungsmöglichkeiten. Die Sorge, dass die Fische durch die Dämme und Biberburgen nicht mehr wandern können, treffe laut Heinrich nur begrenzt zu. Aale und Neunaugen hätten grundsätzlich kein Problem, die Dämme zu passieren. Größere Arten wie die Bachforelle können manche der Hindernisse aber nicht mehr passieren, wenn etwa ein großer, dichter Biberdamm einen kleinen Bach aufstaut. So ist es Anfang Juli an der Semme bei Habitzheim geschehen – ein seltener Fall mit sichtbaren Folgen für die Tierwelt unterhalb des Damms: tote Forellen und Krebse erregten die Gemüter, weil Biber oberhalb den Hasselbach aufgestaut haben, wodurch die „Lengfelder Seenplatte“ entstanden ist.

Der Gewässerpächter und Kreisfischereiberater Alexander Späth äußerte gegenüber dem ECHO seine Bedenken. Gleichzeitig zeigt er aber auch Verständnis für die Art, die die Untere Naturschutzbehörde, also der Landkreis Darmstadt-Dieburg in dem Konflikt verteidigt: Schuld an der Trockenheit in der Semme sei zuerst die Hitze, dann erst der Biber. Und an der neuen Seenplatte sei viel neues Leben entstanden, auch Rückzugsraum für Fische in Zeiten großer Trockenheit. Und das, so sagen alle Fachleute, wird ein wichtiger Faktor werden: neue tiefere Becken, in denen sich das Wasser hält, wenn es sonst verschwindet. Im Juli liefen viele Quellen und auch Bäche im Landkreis leer, bis hin zum Darmbach. „In Zeiten der Klimaveränderung ist der Wasserrückhalt durch den Biber unverzichtbar“, erklärt etwa der Umweltverband BUND in Bayern, dem deutschen Hauptrevier des Bibers, in einer Mitteilung. Das gestaute Wasser ist in den trockenen Perioden auch für die Pflanzenwelt wichtig, besonders in renaturierten Feuchtgebieten.

Dennoch ist in solchen Fällen wie an der Semme klassisches Bibermanagement gefragt, so wie es in Bayern mit seinen geschätzten 22000 Bibern zum Alltag gehört. Das heißt vor allem, Gespräche herstellen mit allen Beteiligten, aufklären und nach Kompromissen suchen wie eingezogene Rohren in den Biberdämmen, die Wasser abfließen lassen und dabei doch die Dämme und Biberseen erhalten. So ist es nun auch an Hasselbach und Semme geschehen. Entlang der dichter besiedelten Modau könnten solche Szenarien auch bald eintreten, worauf sich der Landkreis wie auch das Regierungspräsidium als Obere Naturschutzbehörde vorbereiten müssen – mit Biberberatern und Aufklärungsarbeit in den Gemeinden.

Wasserverband Modaugebiet

Der „Wasserverband Modaugebiet“ ist für Hochwasserschutz, Gewässerpflege und Umweltschutz an seinen Gewässern zuständig. Er hat ein Einzugsgebiet von 243 Quadratkilometern, in denen 140 000 Menschen leben. Hier kommen 575 Einwohner auf den Quadratkilometer, der Bundesdurchschnitt liegt bei 240. Auch wegen dieser dichten Besiedlung ist der Druck auf die Modau und ihre Zuflüsse so stark, sind Landwirtschaft, Abwässer und Abfälle mehr als anderswo ein Faktor. Der Wasserverband verwaltet drei Stauseen und kümmert sich – immer zusammen mit Kommunen, Kreis und Regierungspräsidium – um Zehntausende Uferkilometer an seinen Gewässern.  Pfungstadt hat die längsten Ufer mit  32.000 Kilometern vor Ober-Ramstadt mit  18.600 und Mühltal mit 18.415 Kilometern.

Mitwirkende:


Texte & Videos: Reporterteam der Hochschule Darmstadt, Leitung Torsten Schäfer
Konzeption: Prisca Jourdan, Torsten Schäfer
Illustrationen & Layout: Stefan Vieten, Marcel Behnke
Fotos: Reporterteam HDA, stock.adobe, Stadtarchiv Darmstadt, Marietta Hiller, dpa, Karl Schwebel, Lukas Görlach, André Hirtz, Klaus Holdefehr, Hessisches Staatsarchiv, Wikipedia/Astacoides, Photos Subjektiv/Eckhard Krumpholz

Beteiligte Studierende: Victor Riley, Sven-Sebastian Sajak, Julian Sajak, Niklas Diemer, Jenifer Friedmann, Gabriel Wolenik, David Perez, Lukas Blank, Natalie Radulescu, Tobias Walter, Elias Ettenkofer, David Wünschel

Dieses Projekt wurde von Studierenden im Bachelor-Studiengang Onlinejournalismus in Zusammenarbeit mit dem Darmstädter Echo konzipiert, recherchiert und produziert. Dafür kooperieren die VRM und der Mediencampus der Hochschule Darmstadt.

Beteiligt waren die Kurse „Europaberichterstattung: Fallbeispiel Wasserrahmenrichtlinie“ im Wintersemester 2018/19, die Lehrredaktion „Flussgeschichten“ im Sommersemester 2019 sowie der leitende Professor Torsten Schäfer.