Das Skispringen in Willingen ist Kult. Rund 50.000 Zuschauer reisen zum Weltcup an. Das beschauliche Örtchen in Nordhessen rüstet sich.

Eine Story von Dennis Buchwald

Foto: SKI-CLUB WILLINGEN E.V.

Die Mühlenkopfschanze in Willingen gleicht einem Fahnenmeer in Schwarz-Rot-Gold. 23500 Skisprung-Fans verwandeln das Stadion in einen Hexenkessel. Mit dröhnenden Tröten veranstalten sie einen ohrenbetäubenden Lärm. Oben auf dem Anlaufturm sitzt Stephan Leyhe und bereitet sich auf seinen Sprung vor. Mit 90 km/h rast der Lokalmatador 107 Meter nach unten, dann hebt er ab. „Ziiiiieh!“ Die Zuschauer schreien sich die Kehlen aus dem Leib. Willingen ist im Weltcup-Fieber. An diesem Wochenende kommen die weltbesten Skispringer – und im beschaulichen Örtchen in Nordhessen herrscht der Ausnahmezustand. Das ganze Dorf packt an. Über 1000 Freiwillige stemmen die Mega-Fete.

Thomas Behle ist stolz auf die zahlreichen Helfer. „Ohne sie würde es kein Weltcup-Skispringen in Willingen geben.“ Sie arbeiten in mehreren Teams, kümmern sich um den Einlass der Zuschauer, die Bewirtung, die Technik und vieles andere mehr. Dadurch erwirtschaftet der Ski-Club einen Gewinn, der in die Nachwuchsarbeit investiert wird. „Viele Helfer sind seit Jahren dabei“, sagt Behle. „Sie finden es toll, was hier stattfindet und wollen daran teilhaben.“ Und das seit 1993, als mit dem Continental-Cup alles beginnt. Obwohl es nur ein Wettkampf für jüngere Springer ist, pilgern Tausende Besucher an die Schanze. Das fällt auch dem Internationalen Ski-Verband auf, der Willingen zwei Jahre später zur Weltcup-Stätte befördert.

Foto: Dennis Buchwald

Der Werbe-Effekt für das 3000-Einwohner-Örtchen ist unbezahlbar, erklärt Bürgermeister Thomas Trachte. „Für solch eine Werbung müsste man einen zweistelligen Millionenbetrag aufwenden.“ Willingen ist Kult, der Wettkampf wird auf der ganzen Welt im Fernsehen übertragen. Touristisch ist die dreitägige Veranstaltung ein Segen. „Unser Bekanntheitsgrad und das wintersportliche Image haben sich deutlich gesteigert.“ Rund 10 000 Betten gibt es, alle sind belegt. Auch in den zahlreichen Hotels herrscht der Ausnahmezustand, berichtet Hotelière Stephanie Göbel. „Wir haben acht Tagungsräume in Schlaflager umfunktioniert. Die Helfer müssen schließlich auch irgendwo schlafen.“ Ebenso die Musiker der „Wülfershäuser“, die an der Schanze die Stimmung anheizen. „Früher hatten wir auch das norwegische Team bei uns. Inklusive Groupies, die herausfinden wollten, wer wo schläft“, sagt sie und lacht.

Foto: SKI-CLUB WILLINGEN E.V.

Die Mühlenkopfschanze:

Foto: Dennis Buchwald

Wenige Tage vor dem Weltcup ist es idyllisch in Willingen. Hier und da kündigt ein Plakat das Skispringen an. Ansonsten deutet abseits der Schanze nichts auf das gigantische Spektakel hin. Es ist die sprichwörtliche Ruhe vor dem Sturm. Zum Auftakt am Freitag kommen die Anhänger in Strömen. Die Straßen sind vollgestopft, eine Stoßstange reiht sich an die andere. Auf dem Weg zur größten Großschanze der Welt schrecken die Massen auch nicht vor langen Fußmärschen zurück. Das Springen am Samstag ist bereits ausverkauft, 23500 Zuschauer verwandeln das Dorf in eine Party-Hochburg. Für Sonntag gibt es noch Karten an den Tageskassen.

„Samstags sind alle auf den Beinen, sowohl Dauer- als auch Feiergäste. Sonntag ist der Familientag“, weiß SC-Präsident Behle. Er ist zuversichtlich, in diesem Jahr die 50000-Zuschauer-Marke zu knacken. Zum ersten Mal seit langer Zeit. „Als Sven Hannawald alle vier Wettbewerbe der Vierschanzentournee gewonnen hat, waren wir an beiden Tagen ausverkauft.“ 17 Jahre ist das her. Die Anzahl der verkauften Tickets hängt vom sportlichen Erfolg der deutschen Athleten ab. Party hin, Kult her.

Gut, dass es Stephan Leye gibt. Der 27-Jährige ist das Aushängeschild des Ski-Clubs Willingen. Dazu beigetragen hat ein gewisser Hannawald. 2003 interviewt der kleine Stephan, damals SC-Nachwuchstalent, den Star-Springer für die Kindersendung „Tigerenten Club“. Warum es ein Traum ist, Skispringer zu sein? „Müsst ihr nachmachen, dann wisst ihr es“, antwortet Hannawald und grinst. Gesagt, getan. „Für Stephan war das eine Top-Motivation“, erinnert sich Behle. Bei der jüngsten Vierschanzentournee belegt Leyhe den dritten Rang. Keine Frage: Das Eigengewächs ist Zuschauermagnet in seiner Heimat. Bis heute hält er Kontakt zu seinen Vereinskollegen. Sie hoffen, dass Leyhe bei einem der beiden Einzel-Weltcups auf das Siegerpodest springt. Dann würde neben der Nationalhymne das „Waldecker Lied“ erklingen, die lokale Hymne von Willingen und dem Upland. Und an der Mühlenkopfschanze würde noch ausgelassener gefeiert werden als ohnehin schon.

Foto: SKI-CLUB WILLINGEN E.V.

Auf einen Blick:

  • Freitag, 15.02.2019: Auftakt-Teamspringen (ab 15.45 Uhr)
  • Am Samstag, 16.02.2019 (ab 16 Uhr) und Sonntag, 17.02.2019 (ab 15.15 Uhr) gibt es zwei Einzel-Wettkämpfe. Für die weltbesten Skispringer ist es der letzte Weltcup vor der Nordischen Ski-WM in Seefeld in Tirol.
  •  Zudem wird es eine „Willingen/5“-Wertung geben. Hier fließen die Qualifikation sowie die vier Einzel-Durchgänge ein.
  • Insgesamt werden in Willingen über 215000 Euro Preisgeld ausgeschüttet. Der Gesamtsieger von „Willingen/5“ kassiert noch einmal 25000 Euro.

Die Geschichte der Mühlenkopfschanze:

1926

Erste Schanze am Mühlenkopf (Sprungweite: 35 Meter)

1931

Erstes Skispringen, Sieger: Erich Recknagel mit 47 Metern

1971

Bau der kleinen Mühlenkopfschanze, K-Punkt 90 Meter

1982

Erstes Europa-Cup-Springen

1994

Umbau der Schanze für Weiten bis 140 Meter

2000

Abriss des Schanzenturms und Neubau der gesamten Anlage

Sieger der Weltcup-Skispringen in Willingen:

  • 2018 Johann Andre Forfang – NOR – 139,9m
  • 2017  Andreas Wellinger – GER – 147,5m
  • 2016 Peter Prevc – SLO – 148,5m
  • 2015 Kamil Stoch – POL – 147,5m
  • 2014 Kamil Stoch – POL – 145,5m
  • 2013 ausgefallen
  • 2012 Anders Bardal – NOR – 148,0m
  • 2011 Severin Freund – GER – 143,5m
  • 2010 Gregor Schlierenzauer – AUT – 142,5m
  • 2009 Gregor Schlierenzauer – AUT – 144,0m
  • 2008 Bjørn Einar Romøren – NOR – 147,5m
  • 2007 Anders Jacobsen – NOR – 148,0m
  • 2006 Andres Kofler – AUT – 143,0m
  • 2005 Janne Ahonen – FIN – 152,0m
  • 2004 Janne Ahonen – FIN – 133,5m
  • 2003 Sven Hannawald – GER – 147,0m
  • 2002 Sven Hannawald – GER – 148,0m
  • 2001 Ville Kantee – NOR – 146,0m
  • 2000 Andreas Widhölzl – AUT
  • 1999 Noriaki Kasai – JPN
  • 1997 Martin Höllwarth – AUT
  • 1995 Andreas Goldberger – AUT
Quelle: www.weltcup-willingen.de