Atomdeal, Sanktionen, Trump: 40 Jahre nach der Revolution erzählen sechs Iraner von ihrer Heimat,  – zwischen Hoffnung, Rebellion und Resignation.

Eine multimediale Reportage von Denise Kopyciok.

Sie sind die Kinder einer Revolution, für die sie nie gekämpft haben. In sechs Kapiteln erzählt die urbane Jugend von ihren Abenteuern im Westen, von ihrem Weg zurück in die Heimat, ihren alltäglichen Rebellionen gegen das System.

Hintergrund

Wir haben mit Menschen gesprochen, die in der Islamischen Republik Iran aufgewachsen sind. Ihr Heimatland kennen sie nur als Pseudo-Demokratie und Mullah-Regime. Aber die aktuelle Situation im Iran kann nur im Kontext ihrer Geschichte gesehen werden. Klicken Sie auf die einzelnen Jahreszahlen und erfahren Sie kurz und knapp einige Hintergründe.

vor 1979: Schah-Herrschaft

Vor der Revolution 1979 sind es die Schahs (persisch für „Herrscher“), die über das Land herrschen. Mohammad Reza Pahlavi ist der letzte iranische Schah. Er betreibt keine antiklerikale Politik. Er selbst führt aber einen pro-westlichen und teuren Lebens- und Regierungsstil. Gleichzeitig hat auch die Geistlichkeit Macht und Einfluss, so führt Schah Mohammad Reza wieder das Recht ein, dass Frauen einen Tschador tragen dürfen. Zum großen Bruch zwischen Schah und Geistlichen kommt es 1963 im Zuge der „Weißen Revolution„. Mohammad Reza will das Land mit einem Sechs-Punkte-Plan reformieren: Stärkung der Frauenrechte, Privatisierung der Industrie, Bildungsoffensive. Besonders die Landreform stößt bei den Mullahs auf Kritik. Es regt sich Widerstand gegen die kulturellen Einflüsse des Westens und den autoritären Führungsstil des Schahs. Viele Menschen wollen den politischen Wechsel und vertrauen dabei auf die Geistlichkeit. Dabei fällt einer besonders ins Auge: Ayatollah Khomeini.

Februar 1979: Ayatollah Khomeini

15 Jahre lang lebt der Ajatollah im Exil. Anhänger schmuggeln Kassetten ins Land, auf denen Khomeini zur Revolution aufruft. Vom Irak und der Türkei aus predigt er und mobilisiert die Menschen im Iran. Zuletzt siedelt der erzkonservative Khomeini nach Frankreich um und fordert einen Gottesstaat. In Paris erlangen seine Forderungen internationale Beachtung. Er gibt den Bauern, Studenten und den Gläubigen Hoffnung. Er vereint zunächst auch Akademiker, Kommunisten, Liberale, Muslime und Atheisten, die für einen radikalen Richtungswechsel die Straßen stürmen. Als er am 1. Februar 1979 mit einer Sondermaschine der Air France in Teheran landet, jubeln ihm Millionen von Menschen zu. Viele internationale Journalisten wie etwa Peter Scholl Latour sitzen in der selben Maschine. Khomeinis Aufruf „der Schah muss gehen“ folgen Tausende.

März 1979: Volksabstimmung

Die Menschen sind 1979 für einen neuen politischen, wirtschaftlichen und sozialen Kurs auf die Straße gegangen. Sie haben für etwas Neues abgestimmt, vereint von den radikalen Vision des Ayatollah Khomeini. Manche Mütter und Väter sterben bei dem Kampf für Veränderung. Im März 1979 ruft Khomeini eine Volksabstimmung aus: Islamische Republik – ja oder nein? Der Druck auf die Bevölkerung ist groß, denn die Wahl ist nicht geheim. Wer für „Ja“ stimmt, nimmt den grünen Zettel, wer gegen ein Referendum ist, nimmt den roten Zettel mit zur Wahlurne. Sie fühlen sich von den Geistlichen unter Druck gesetzt. Zurück zum Schah-Regime wollen sie aber nicht. Den Bürgern ist nicht klar, was sie von einer Islamischen Republik erwarten können, über die sie abstimmen müssen. Wie das neue System eines Mullah-Staates, eines Staates mit Geistlichen und islamischen Gelehrten genau aussehen wird. Die Wahlergebnisse sind umstritten, doch die Folgen sind bis heute politische Realität: Der Schah ist weg, das Mullah-Regime da.

1980: Iran-Irak-Krieg

Der irakische Diktator Saddam Hussein nutzt 1980 die instabile Situation des Nachbarlandes Iran für massive Luftangriffe auf iranische Städte aus. Es folgt ein erbitterter Krieg. Der Iran-Irak-Krieg ist ein brutaler Kampf, der rund 800.000 Menschen das Leben kostet. Für die neu geformte Regierung Irans ist es eine Gelegenheit, das Land zu vereinen – hinter dem Feindbild Irak. Den Waffenstillstand nach acht Jahren legt Khomeini als Sieg für den Iran aus. Es herrscht wieder Frieden. Die Menschen sind des Kämpfens müde und die Mullahs halten das Volk mit ihren Unterdrückungsapparat zusammen.

2009: Grüne Bewegung

Es sind die größten Proteste, die das Land seit der Revolution gesehen hat. Menschen ziehen sich grüne Shirts an und gehen 2009 auf die Straße, um gegen das Ergebnis der Präsidentschaftswahlen zu demonstrieren. Denn der konservative Mahmoud Ahmadinejad wird zum Gewinner ernannt. Der populäre Reformer Mir Hossein Mousavin unterliegt bei den Wahlen. Viele Iraner fragen: „Wo ist meine Stimme?“ Grün, die Farbe von Mir Hossein Mousavi, wird zur Farbe der Hoffnung. Der Protest gegen Ahmadinejad breitet sich in Städten im ganzen Land aus. Es entsteht die „grüne Bewegung“, angeführt von Mousavi und Mehdi Karroubi. Wie die Polizei gegen die Demonstranten vorgeht, schockiert die ganze Welt. Viele Menschen sterben, viele werden verhaftet, viele verschwinden, viele tauchen nicht mehr auf. Ahmadinejad bleibt bis 2013 im Amt und die Regierung bringt die Demonstranten zum Schweigen.

2019: Kinder der Revolution

Heute kennt die ganze Welt das System der Islamischen Republik. Die Nachrichten drehen sich um das Atomabkommen und die Sanktionen des Westens gegen den Iran. Die wirtschaftliche Lage des Landes, die Krise des Mittelstandes und internationale Spannungen spitzen sich zu. Es rumort in der Bevölkerung. Die VRM hat nachgefragt: Wie geht es den Menschen im Jahr 40 nach der islamischen Revolution? Den Menschen im Land, die nur das Leben mit Kopftuch und langen Hosen erlebt haben: das der Geschlechtertrennung, der Korruption und der Vetternwirtschaft, das zwischen Währungskrisen und internationaler Isolation. Diese Reportage lässt die „Kindern der 80er Jahre“ erzählen – zu einer Zeit, in der keiner von ihnen weiß, was als nächstes passieren wird.

Sechs unangepasste Leben im Iran

Sie schleichen sich ins Fußballstadion, rebellieren gegen das System, indem sie mit Hunden verbotenerweise Gassi gehen, und fliehen bei Liebeskummer in die Wüste. Folgt man den Nachrichten, dreht sich beim Thema Iran alles um Expertenmeinungen, um Sanktionen und den Atomdeal, um einen möglicherweise bevorstehenden Krieg mit den USA und die Inflation. Amir, Leyli, Shima, Sardar, Navid und Avideh – sie sind in den Achtzigerjahren geboren, kennen nur noch Geschichten und Erzählungen von der Zeit vor der Revolution. Und doch wissen sie, was Freiheit wirklich bedeutet. Und sie wissen, dass sie im Iran gerade nicht frei sind.

Scrollen Sie nach unten oder klicken Sie auf die Kapitel-Bilder, um zu den einzelnen Geschichten zu gelangen.

Leyli im Fußballstadion

Seit fast 40 Jahren ist es für weibliche Fußballfans fast unmöglich, ins Stadion zu kommen. Es gibt kein Gesetz, dass es Frauen verbietet ihrem Lieblingsclub von den Fanreihen entgegenjubeln zu dürfen. Und doch haben Frauen seit 1981 Stadionverbot (Titelfoto: privat).

Zu der Fußball-WM 2018 hat Fifa-Präsident Gianni Infantino sich mit Präsident Hassan Ruhani getroffen, um das Thema zu besprechen. Im November 2018 hatten ausgewählte Frauen die Chance, ein Spiel im Stadion zu verfolgen.

Es folgt ein gewaltiger Medientumult, doch Generalstaatsanwalt Mohamed Dschafar Montaseri betont: Für Frauen sei es eine Sünde, halbnackte Männer zu sehen. Fans wie Leyli Meleki geht es aber um den Sport. Daher finden sie ihren eigenen Weg ins Stadion: mit Perücke und Klebebart.

Leyli Maleki hat die Fragen über den Nachrichtendienst Telegram geschickt bekommen – in Persisch. Eine Freundin der Redaktion hat die Fragen und die Antworten übersetzt. Das Interview ist zum besseren Verständnis als direkter Chat und in Deutsch aufgearbeitet.

Chat mit Leyli

Shima – die Feministin

Seit der Revolution müssen sich iranische Frauen an eine strikte Kleiderordnung halten: lange Kleidung, ein Schal, der die Haare bedeckt. Im iranischen Strafrecht ist das genau festgelegt und die Sittenwächter haben ein Auge darauf, dass das eingehalten wird.

„Es sollte das Recht der Frau sein zu entscheiden: Trage ich einen Hidschab oder nicht?“, erklärt Shima Vezvaei und macht auch klar: „Die Kleiderordnung ist in zweifacher Weise nicht fair: Für Frauen, die nicht glauben und zum Tragen des Kopftuches gezwungen werden, und für Frauen, die glauben und jetzt in der Masse der Kopftuchträgerinnen untergehen.“

Doch auf dem Basar, in der Bahn, auf der Straße wird schnell klar, was Menschen von der Kleiderordnung halten. „Es geht vor allem darum, wie sie den Schal tragen“, erklärt die 31-Jährige aus Teheran. „Welche Art von Kleid oder Jacke sie wählen, ob sie viel Haar zeigen oder sogar ein Hidschab das Haar komplett verdeckt.“ So können Frauen auch mit Schal zeigen, dass sie eigentlich keinen tragen wollen. „Männer sollten nicht entscheiden, was Frauen tragen oder nicht tragen dürfen. Das muss sich ändern“, betont Shima mehrfach.

Wir kämpfen für Gleichberechtigung, für gleiche Bezahlung, für gleiche Chancen im Job – so wie Frauen in jedem anderen Land.

Der jungen Frau ist klar, dass sich nichts von selbst ändern wird. „Wir als iranische Frauen müssen für den Wandel kämpfen.“ Und genau das tun sie. Gerade 2018 waren viele Frauen auf den Straßen Teherans, um klar zu machen, dass sie nicht hinter der Hidschab-Pflicht stehen. Mit der Frauenrechtlerin Vida Movahed gingen 2017 und 2018 Bilder von Iranerinnen, die ihr Kopftuch an einem Stock in die Luft halten, weltweit viral: #TheGirlsofRevolutionStreet. Doch auch das sei ein Problem, erklärt Shima. Denn die Proteste seien von den Vereinigten Staaten instrumentalisiert worden.

„Viele exotisieren die iranische Frauen und politisieren die Hidschab-Pflicht“, erklärt Shima. Darauf macht der kürzliche Protest in der Universität von Teheran aufmerksam. Aktivisten sprechen zwei Forderungen aus: Die iranische Regierung soll Frauen selbst entscheiden lassen, was sie tragen, und die Vereinigten Staaten soll diesen Kampf nicht instrumentalisieren.

Auch den Frauen hier gehe es um mehr als um einen Schal, sagt Shima. „Wir kämpfen für Gleichberechtigung, für gleiche Bezahlung, für gleiche Chancen im Job, für eine gleiche Repräsentation von Männern und Frauen im Parlament – so wie Frauen in jedem anderen Land auch.“

Amir & sein Hund Kobi

Im April beschloss die Regierung, den Import von Hundefutter zu stoppen. Die offizielle Begründung: Man wolle die lokale Produktion von Hundefutter fördern. Die Hundeliebhaber aber wissen, dass das vorgeschobene Gründe sind. Sie sehen das als weitere Drangsalierung der Haustierbesitzer.

Bereits seit Januar 2019 ist etwa in Teheran das Gassi gehen verboten. Hundebesitzern drohen Strafen, wenn die Polizei sie mit ihrem Vierbeiner erwischt. Hunde werden als unrein angesehen und der Besitz von Hunden als Haustiere als ein Trend aus dem Westen.

Doch es gibt sie weiterhin: Menschen wie Amir, die ihren Hund trotz der Verbote lieben und pflegen – und damit ein großes Risiko eingehen.

Amir hat die Fragen in Englisch über den Nachrichtendienst Telegram geschickt bekommen. Er hat mit einer langen Sprachnachricht und Bildern geantwortet. Das Interview ist als Chat aufgearbeitet. Um keine Probleme mit der Arbeit oder der Regierung zu bekommen, will er hier nicht gezeigt werden und wir nennen seinen Familiennamen nicht.

Chat mit Amir

Sardar auf Heimatbesuch

155000
sind im Iran geboren & leben in Kanada (2016, circa)
500000
Iranische Studierende im Ausland (2014, circa)

„Wir wurden gezwungen den Iran zu verlassen“, sagt Sardar Farrokhi. 2006 wanderten seine Eltern nach Kanada aus. Das Werbeunternehmen seines Vaters wurde verstaatlicht. Das wollte dieser nicht hinnehmen. „Er wollte meinen Geschwistern und mir eine Zukunft sichern.“ Eine Zukunft ohne Einschränkungen, ohne die Angst der Staat könnte einem von jetzt auf gleich die Existenz nehmen. „Über sieben Jahre hinweg bin ich nicht in meine Heimat zurückgekehrt“, sagt Farrokhi. Er habe sich angepasst: „Ich bin zum Kanadier geworden.“ Doch die Schicksale seiner Freunde in der Heimat ließen Sardar nicht los.

Heute ist es heiß in der Hauptstadt. Der 32-Jährige sitzt mit einer Tasse Tee in einem Hinterhof im Norden Teherans. Er zündet sich eine Bahman an – eine kurze, starke Zigarette, die an die revolutionären 60er-Jahre erinnert. Wer sie raucht, gibt zu erkennen, worum es im Iran oft geht: um den nostalgischen Blick zurück.

Schauen Sie sich das Video an, indem Sardar Farrokhi erklärt, was für ihn Heimat bedeutet.

Sardar ist Fotojournalist. Seit mehreren Jahren reist er regelmäßig in den Iran. Im vergangenen Herbst hat er nur ein Hinflug-Ticket gekauft. Seine Eltern hat das sehr verärgert. Doch Sardar wollte von seiner Heimat nicht noch mehr verpassen. „Meine Freunde waren bei der Grünen Bewegung dabei, während ich in Kanada studiert habe“, sagt er. Er verfolgt die Nachrichten. Doch das ist ihm nicht genug: „Du solltest nicht über etwas reden, was du nicht selbst erlebt hast.“

Er dokumentiert das Leben seiner Freunde in der postrevolutionären Zeit. „Viel davon kann ich jetzt nicht veröffentlichen, sonst würde ich sie in Gefahr bringen“, weiß er. Sardar plant langfristig. Hofft, dass seine Bilder später als wichtige Dokumentation gesehen werden.

Die Leute sind voller Ärger, hoffnungslos und wissen nicht, was passieren wird.

So beschreibt er die Zukunftsperspektiven seiner Generation im Iran. „Ich weiß, ich kann jederzeit zurück nach Kanada.“ Sardar Farrokhi ist einer „der Glücklichen“, die einen westlichen Pass besitzen. Sollte er mit seiner Fotografie hier nicht weiterkommen oder sollte Krieg ausbrechen – er kann einfach wegfliegen.

„Viele haben eine schlimme, manche auch eine exotische, romantische Vorstellung vom Iran. Wir wollen die Vielfalt vorstellen“, erklärt Navid Yousefian. Der 31-Jährige hat gemeinsam mit Freunden eine Facebook-Gruppe gegründet. „See you in Iran“ soll Menschen über sein Heimatland aufklären.

Aus einer Online-Plattform wurde ein Kulturhaus mit Hostel in Teheran. Navid und sein Team erzählen auf der Plattform selbst Geschichten aus dem Iran. Iraner erzählen dort von ihrem Leben. Touristen teilen ihre Erfahrungen. Mit Talks, Filmabenden und Stadtführungen will er Alltagsvorurteilen ausräumen und gegen „Iranophobie“ ankämpfen die irrationale Angst vor dem Iran. „See you in Iran“ ist als englischsprachiges Kulturhaus eine Anlaufstelle für ausländische und politisch interessierte Touristen.

„Um Iran kennenzulernen, musst du in den privaten Raum eintauchen“, sagt Navid. „Frei“ seien Iraner nur im Privaten. „Wobei das dann natürlich nicht frei ist“, macht er klar. „See you in Iran“ sei das einzige Hostel, das auch Iraner begrüße: Die dürften zwar nicht dort übernachten, aber seien im Café herzlich willkommen.  Das Café wird damit zu einer Mischung aus „öffentlichem und privatem“ Raum, wo sich Iraner und Touristen begegnen und miteinander ins Gespräch kommen.

Was kann ich dir erzählen, dass du später meinen Namen nicht rausnehmen musst?

Geht es um die aktuelle politische Lage, macht Navid klar: „Bitte schreibe das: Ich kann darüber nicht reden. Wenn wir über Politik sprechen, dann zensiere ich mich selbst. Das macht mich wirklich wütend.“

Die Situation im Iran sei für die Bürger schon lange schlimm. „Aber da war früher immer der Gedanke, dass sich noch etwas zum Guten verändern kann.“ Dass die Wirtschaftslage besser wird, es mehr Bürgerrechte, mehr Frauenrechte gibt. Aber jetzt sei es anders: „Niemand kann mehr an ein hoffnungsvolles Szenario denken. Und ich bin kein Pessimist“, macht er klar. „Ich weiß nicht mehr, wo ich stehe. Wir konnten vorher auch nichts vorhersehen, aber jetzt wissen wir einfach gar nichts mehr.“

Schauen Sie sich die Videos an und hören Sie Navid Yousefian erzählen, wie die Regierung seine Arbeit beeinflusst und welche Zukunft er für den Iran sieht.

Sollten die Sanktionen auch die kulturelle Arbeit von „See you in Iran“ beeinflussen, ist für Navid Yousefian klar: „Dann werden wir das Haus schließen.“ Nur ein Hostel führen, das will er nicht. „Oder wir müssen eine neue Strategie finden.“ Denn darum gehe es hier im Iran: „Wir müssen immer flexibel sein. Das ist der einzige Weg, hier zu leben.“

Avideh auf der Flucht

2002

Avidehs Schwester verlässt den Iran und wandert nach Kanada aus.

2007

Avidehs Eltern ziehen nach Kanda, sie folgt zum Studieren.

2017

Avideh bewirbt sich um eine dauerhafte Aufenthaltsgenehmigung.
2018
Ihr Antrag wird abgelehnt, Avideh muss Kanada plötzlich verlassen.

2018 hat Avideh einen kanadischen Uniabschluss in der Tasche.  Inzwischen hat sie genug Arbeitserfahrung als Designerin gesammelt, um sich für eine „dauerhafte Aufenthaltserlaubnis“ in Kanada zu bewerben. Um ganz sicher zu sein, dass alles glatt läuft, holt sich die 32-Jährige einen Anwalt.

Dann erhält sie einen Brief der Einwanderungsbehörde, der alles verändert. Sie habe eine Deadline verpasst, steht dort. Ihr Antrag ist abgelehnt. Innerhalb einer Woche muss sie Kanada verlassen. Ihrem Job, ihren Freunden, ihrer Familie schon wieder den Rücken kehren. Heute nennt sie das ihren„„lebensverändernden Moment“. Hatte sie doch genau für diesen Fall einen Anwalt bezahlt, um sicher zu sein. „Spätestens ab da war mir klar: Ich bin selbst für mein Leben verantwortlich. Für den Anwalt war ich nur ein Job.“

Schauen Sie sich die Videos an, um zu sehen, warum sich Avideh als Flüchtling sieht.

Ihr Lebensmotto ist es „nützlich zu sein“. In Kanada hat sie viel gearbeitet. Dann war sie in der Türkei, um sich um syrische Kinder zu kümmern, die vor Krieg geflohen sind. „Ich weiß, ich bin ein Luxus-Flüchtling.“ Sie hat die Ressourcen ihrer Eltern, um den Iran zu verlassen. Während die syrischen Kinder vor Folter und Tod fliehen, hat sie einen anderen Grund: „Ich fliehe davor, nicht das Recht zu haben, ich selbst zu sein.“ Zwei Mal musste sie jetzt schon ihre Heimat verlassen, einmal Teheran, einmal Toronto. „Ich habe einen hohen Preis für meine Flucht bezahlt.“

Wir wurden so geboren – zu lernen, den Iran zu verlassen.

Nun ist sie wieder im Iran, will sie sich hier „nützlich machen“. „Ich erlebe meine Freunde ganz anders als früher“, erzählt sie, „das macht mich sehr traurig.“ Sie seien erschöpft, des Kämpfens müde. Avideh will ihnen wieder eine Perspektive geben. „Ich habe das Gefühl, dass es meine Aufgabe ist, ihnen Hoffnung zu geben.“

Sie hat es gerade nicht eilig, aber besteht auf ihr „Recht“, doch noch eine dauerhafte Aufenthaltsgenehmigung für Kanada zu bekommen. „Ich bin in einem Land aufgewachsen, wo ich für alles kämpfen musste. Daher kämpfe ich jetzt weiter.“ Sie hat Hoffnung, dass alles gut wird. „Ich muss Hoffnung haben“, sagt sie. Mittlerweile ist es genau ein Jahr her, dass sie Kanada so plötzlich verlassen musste. Seitdem wartet sie. Wartet darauf, bald ihr kanadisches Visum zu bekommen, um dann selbst zu wählen, wo sie hingeht, wo sie arbeitet, wo sie lebt.

Bildergalerie

Klicken Sie sich durch die Bildergalerie, um weitere Eindrücke vom Iran zu erhalten.

Mitwirkende:


Text, Informationen, Fotos & Videos: Denise Kopyciok
Animation & Layout: Anne Porth