Bis zu sechs Auftritte absolviert Sänger Oliver Mager an einem Abend während der Fastnacht – eine rasante Fahrt durch die Narrhallen der Stadt. Und ein Wettlauf mit der Zeit.

Eine Story von Julia Sloboda

Luca Dechert und Benedikt Stumpf stehen vor der Mombacher Turnhalle, als ihr Chef eintrifft. Mit einem einzigen Satz bringen die beiden Mitglieder der „K-Pelle“ das feine Konstrukt dieses Samstagabends ins Wanken. „Die sind zehn Minuten hintendran“, sagen die Musiker und blasen den Rauch ihrer Zigaretten in die eisige Mombacher Nachtluft. Zehn Minuten. Nicht gut für Oliver Mager.

Wer als gefragter Redner oder Sänger an einem Abend gleich auf mehreren Bühnen der Mainzer Fastnacht unterwegs ist, hat einen Endgegner. Das ist die Zeit. Alles ist durchgetaktet, alles muss funktionieren. Sonst gibt es Stress. Keine Minute zu viel darf mit der Parkplatzsuche verschwendet werden, keine Straßensperrung darf der gewohnten Strecke im Wege stehen.

Oliver Mager weiß das nur zu gut. Der Sänger ist seit 25 Jahren in den Narrhallen von Mainz und Umgebung daheim. Wenn die Kampagne an Fahrt aufnimmt, schafft der 49-Jährige bis zu sechs Auftritte an einem Abend. Dann heißt es: rauf auf die Bühne, singen, ab ins Auto, Gas geben. Wie an diesem Abend im Februar. Der beginnt gegen 18 Uhr in der Marienborner Turnhalle. Die „Brunnebutzer“ sind als Erstes dran.

„Durchgeknallt und herzlich“,

lacht Oliver Mager, der bei seiner Ankunft bereits erwartet wird. Für einen kurzen Plausch mit Simone Wagner, die Frau des Sitzungspräsidenten Volker Wagner, hat der Sänger Zeit. Auch für einige Selfies in der Garderobe. Auf dem Stuhl von Martina Gerstel kommt der Musiker kurz zur Ruhe. Es wird das einzige Mal an diesem Abend sein, dass sich Mager abpudern lässt. Einmal noch durchatmen, bevor der Wahnsinn beginnt.

Um 19 Uhr verlässt Mager nach einer Zugabe die Bühne. Er zieht das weiße Hemd aus, rubbelt sich trocken, wechselt auch Hose und Schuhe. Das hat mit einem weiteren Gegner der Wanderredner und –sänger zu tun. Der Kälte. Auf der Bühne ist es durch das Scheinwerferlicht heiß, draußen herrschen Temperaturen knapp über null Grad. Mager trägt für die Autofahrten eine Thermohose, zieht die Kapuze seiner Jacke über den Kopf. Er will sich während der Kampagne auf keinen Fall erkälten – oder wie Mager es sagt „den Bobbes verkühlen“. „Krank gibt es nicht“, stellt er klar. „Und absagen auch nicht.“ Die Veranstalter und die Gäste hätten eine Erwartungshaltung. „Ich muss liefern“, sagt Mager.

Foto: Sascha Kopp

Auch in Mombach, dem nächsten Ziel. Rasant geht es durch die schmalen Gassen von Marienborn, dann über die Autobahn. Mager erzählt von seiner Leidenschaft. „Du musst es gerne machen, richtig Bock drauf haben. Die Bühne ist ein Brennglas.“ Das Publikum könne durchschauen, wer die gute Laune nur schauspielere. Die Auftritte nur als Job zu sehen, reicht laut Mager nicht. Der Musiker hat mittlerweile so viele andere Projekte, dass er aus finanziellen Gründen nicht auf die fünfte Jahreszeit angewiesen ist. Doch Fastnacht ist Herzenssache. Nicht nur wegen der Menschen vor, sondern vor allem wegen der Menschen hinter der Bühne. Für die bleibt oft nur zu wenig Zeit, weil der Sänger schnell wieder weg muss.

Angekommen in Mombach wird klar: Den Stress hätte sich Mager sparen können. Zehn Minuten Verspätung. Der Sänger bleibt entspannt. „Es ist normal, dass es mal eng wird.“ Zwar nehmen die Vereine Rücksicht auf die Aktiven. Doch nicht alles ist planbar. Beim CCM „Die Eulenspiegel“ sei das Publikum nicht zu bremsen gewesen, erzählt Präsident Friedhelm Krost. Während Mager mit seiner fünfköpfigen K-Pelle hinter der Bühne noch die Kabel checkt, ist Jürgen Wiesmann als Ernst Lustig an der Reihe. Der hetzt um 19.42 Uhr in Richtung Auto. Eigentlich sollte Magers Auftritt um halb 8 beginnen. Auf der Bühne ist der zeitliche Verzug egal. Mager und seine Band liefern. Es ist eine andere Dynamik als noch in Marienborn.

„Ich bin zufrieden, Männer“,

sagt der Sänger nach dem letzten Applaus. Im Auto Richtung Ingelheim ist Zeit für einen Müsli-Riegel. Mager isst „das, was rumliegt“ – und mehrere Riegel während der Fahrten.

Auch beim CV Frei-Weinheim hat die Sitzung Verzug. Der Backstagebereich beim Heimatverein von Andreas Bockius ist klein. Martin Heininger und Christian Schier wuseln herum, von Regisseurin Sabine Tronser gibt es einen strengen Blick. Weil auf der Bühne mit Florian Sitte als Angela Merkel gerade ein Redner steht, soll es dahinter möglichst leise sein. Tronser macht den Job seit 15 Jahren. Sie sorgt für den reibungslosen Ablauf – in diesem Fall verschiebt sie das vereinseigene Ballett. Nicht nur Mager muss schnell wieder weiter.

Der Auftritt ist für Oliver Mager ein Glücksfall. Denn er dauert nur 15 Minuten. Plötzlich passt der Zeitplan wieder und der 49-Jährige ist „mega-entspannt“. Warum überhaupt der ganze Stress? Es falle ihm schwer, nein zu sagen, gibt Mager zu. Und er will es ja auch. Die vielen Menschen treffen, die er alle schon lange kennt. „Die machen es so wertvoll. Es ist schön, dass man die Kontakte auch unterm Jahr hat.“ In die Fastnacht sei er „irgendwie so reingerutscht“. Zu Beginn seiner musikalischen Karriere wurde Mager von seinem Bruder noch zu den Auftritten gefahren. 50 D-Mark bekam er für einen ganzen Abend als Alleinunterhalter. Diese Zeiten haben sich geändert.

Auch wenn der Sänger in dieser Februarnacht ganz uneitel sogar selbst hinterm Steuer sitzt. Das hat logistische Gründe. Die K-Pelle ist samt Equipment mit Magers Bus unterwegs, er mit dem Auto seines Keyboarders. Im Kurfürstlichen Schloss kreuzen sich die Wege wieder. Mager parkt so ein, dass er nach dem Auftritt bei der Ranzengarde schnell weg kann. Denn dieses Mal ist die Zeit wirklich knapp.

Das liegt nicht nur daran, dass Mager um 23.30 Uhr beim CCB Narrentanz in Budenheim sein muss. Das liegt vor allem daran, dass die K-Pelle bei den beiden letzten Auftritten des Abends dabei ist. Auf- und Abbau im Schnelldurchlauf. Instrumente, Mischpult, Verstärker, Kabel, Mikrofone. Alles hat seinen Platz.

Das Finale bei der Ranzengarde ist ein Selbstläufer. Mager betritt die Bühne und alle stehen auf. Das Publikum singt noch „Moguntia“, als der 49-Jährige schon wieder in der Garderobe steht. Das wird Mager später als einen der Höhepunkte des Abends benennen. „Nicht überdrehen, Stimmung beibehalten“, sagt der nach den 30 Minuten zu seiner Band. Mit geübten Handgriffen ist schnell alles im Transporter verladen, per Kolonne geht es die Rheinstraße entlang. Zur allerletzten Station. „Ich bin jetzt im Flow. Müde bin ich nicht“, sagt Mager. Das Wichtigste sei, dass den Leuten seine Lieder gefallen würden.

In Budenheim ist das vor allem beim weiblichen Publikum der Fall. Ein BH und ein Tanga landen auf der Bühne. 60 Minuten dauert der Auftritt. Es gibt keinen Zeitdruck mehr. „Es bleiben die schönen Momente“, sagt Mager. Er speichert die Höhepunkte von so einem Abend ab.

Gegen halb 2 macht sich Oliver Mager auf in Richtung Hünstetten. Nachhause. Müde ist er immer noch nicht, wenn er heimkommt. Er macht die Waschmaschine an. Die weißen Hemden sind im Dauereinsatz. „Zum schlafen ist man eh noch zu aufgedreht“, sagt er. Der Sänger nutzt die Zeit, um die kommenden Tage vorzubereiten. „Und dann ist es Ruckzuck drei oder vier Uhr.“ Doch Ausschlafen ist nicht. Um 7 Uhr steht Oliver Magers Hund an seinem Bett. Dem ist Fastnacht nämlich egal.