Jeder zweite Deutsche würde gerne auf dem Land wohnen. Doch in vielen Orten gibt es keinen Bäcker und keinen Arzt mehr. Wie ein Laden im südhessischen Altheim ums Überleben kämpft. 

Von Mara Pitz (Text) und Guido Schiek (Fotos)

Das südhessische Altheim ist ein Dorf wie viele: rund 2600 Einwohner, schmale Gässchen, eine Kirche und eine enge Hauptstraße, durch die sich morgens der Berufsverkehr schlängelt. Wer das Dorfleben sehen will, der muss in das „Altheimer Lädchen“ im Ortskern gehen. Denn in Altheim gibt es kein Wirtshaus mehr, keinen Metzger, keine Post, keine Apotheke. Der letzte Hausarzt gab vor zwei Jahren seine Praxis auf. Einzig einen Bäcker und den Laden an der Hauptstraße gibt es – noch.  Das Foto oben zeigt übrigens nicht Altheim, sondern Bralitz, ein Dorf in Brandenburg mit knapp 600 Einwohnern.

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Millionen Deutsche leben auf dem Land - mehr als die Hälfte der Bevölkerung
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Großstädte gibt es in Deutschland - und 30.000 Dörfer
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Einwohner hat die kleinste Gemeinde Deutschlands, die Hallig Gröde
Foto: Guido Schiek

Dort stehen drei Damen mit Kaffeetassen an der Kühltheke. Hannelore Corzilus, Roswitha Lorenz und Monika Barz wohnen einen Steinwurf entfernt. Sie kommen jeden Morgen hierher, frühstücken und tauschen Neuigkeiten aus. „Hier hat man immer wen zum Schwätzen“, sagt die 78-jährige Corzilius. Den Einkauf für den Tag erledigen die drei nebenbei. An der Kasse steht ein Bauarbeiter, in seinem Korb Brötchen, Wurst, ein Joghurt für die Frühstückspause, ein älterer Mann holt sich die Zeitung und ein paar Brötchen, eine Frau kauft eine Illustrierte und Schnittblumen.

Ich fahre extra mit dem Rad aus Hergertshausen hierher – bei uns gibt es gar keinen Laden mehr.

Ich hole hier, was ich im Großmarkt vergessen habe. Davon kann das Lädchen nicht überleben.

Sonja Knöll

"Der Laden wird gebraucht"

Thomas Bürkle

"Es wäre schrecklich, wenn das Lädchen schließt.Dann brauche ich für alles ein Auto"

Olaf Herd

"Ich komme täglich hierher - das ist ein Treffpunkt!

Petra Hochgesang

Wir frühstücken jeden Morgen hier und halten ein Schwätzchen

Hannelore Corzilius (links) und Monika Barz

Wir haben ja ein Auto. Aber für die Älteren im Ort wäre es sehr schlimm, wenn der Laden schließt

Mira Kleinert

Ladeninhaberin Felicitas Lauszat, eine freundliche Frau mit dunklen Haaren, begrüßt ihre Kunden mit Namen. Das Tempo an der Kasse ist, verglichen mit dem in Discountern, eine Wellnessveranstaltung. Man kennt sich, richtet Grüße aus. Wenn einer ihrer Stammkunden krank ist, bringt Lauszat ihm die Einkäufe nach Ladenschluss nach Hause. Dorfleben eben.

Gemütlich, nicht so anonym wie in der Stadt und näher an der Natur: Immer noch gibt fast die Hälfte der Deutschen an, am liebsten auf dem Land leben zu wollen. In Hessen sind es sogar sieben von zehn Menschen, die das Leben im Dorf dem in der Großstadt vorziehen, wie eine repräsentative Umfrage der Landesregierung ergab. 15 Prozent der Deutschen wohnen in Dörfern mit weniger als 5000 Einwohnern, weitere 27 Prozent in Gemeinden mit 5.000 bis 20.000 Einwohnern. Darunter fällt  Altheim, das zur Gemeinde Münster (Hessen) mit insgesamt rund 15.000 Einwohnern gehört.

Zwar sind die Landbewohner in Deutschland mit ihrer Wohnsituation grundsätzlich zufrieden, so eine Erhebung des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft. Als Problem empfinden sie aber die Nahversorgung: Einkaufsmöglichkeiten und die medizinische Versorgung sehen viele als unzureichend an.

der Deutschen leben in Dörfern mit weniger als 5000 Einwohnern

der Deutschen leben in Gemeinden mit 5.000 bis 20.000 Einwohnern

der Deutschen leben in mittelgroßen Städten mit 20.000 bis 100.000 Einwohnern

der Deutschen leben leben in Großstädten mit mehr als 100.000 Einwohnern

Im Altheimer Lädchen gibt es scheinbar alles: vom Staubsaugerbeutel bis zu Konservengemüse, vom Obst über Fleisch und Nudeln, vom Badezusatz bis zur Geburtstagskarte. Kunden können Lotto spielen, Briefe frankieren und Hemden zur Reinigung abgeben. Einen Großeinkauf macht hier trotzdem keiner. Das Angebot ist kleiner als im Supermarkt, viele Produkte kosten etwas mehr. Mit der Preispolitik der Ketten kann das Lädchen unmöglich mithalten. „Ich hole hier, was ich im Großmarkt vergessen habe“, meint eine Kundin mit Blick auf ihren halb vollen Einkaufskorb.

In der Kerngemeinde gibt es Supermärkte, Metzger, Drogerien, Kleidergeschäfte. Am Rand haben sich die üblichen Discounter niedergelassen. Knapp vier Kilometer sind es von Altheim aus – zwei Minuten mit dem Auto, mit dem Rad vielleicht zehn, 15 Minuten. Für viele ältere Altheimer ist der Dorfladen enorm wichtig. „Sonst bleibt uns nur, ein Mal die Woche mit dem Taxi zum Supermarkt zu fahren“, sagt Stammkundin Corzilius.

„Wenn es so weitergeht, ist an Ostern Schluss“, sagt Felicitas Lauszat. Das Geschäft rechnet sich schon lange nicht mehr. 1200 Euro Umsatz macht sie pro Tag. „Es müsste das Doppelte sein.“ Lauszat bezahlt eine Verkäuferin in Teilzeit, die Miete und Strom für ihre Kühlgeräte, „die sehr alt sind und zu viel verbrauchen“. Zieht sie alles ab, steht sie „für zwei Euro die Stunde im Laden“. Erst 2018 hat sie erneut einen Kredit aufgenommen, um Rechnungen zu bezahlen. Das letzte Mal, hat sie sich geschworen.

Lauszats Kunden fänden es „sehr schlimm“, wenn der Laden schließt. „Dann gibt es in Altheim nichts mehr, wo man einfach mal hingehen kann“, meint Olaf Herd, der um die Ecke wohnt. Ein Dorf, in dem man sich kennt, ohne Ort, wo man sich begegnet – ein seltsamer Gedanke.

Dieses Problem haben Dorfbewohner rund 100 Kilometer nordwestlich von Altheim selbst in die Hand genommen. Im mittelhessischen Seelbach, das zur Gemeinde Villmar (Kreis Limburg-Weilburg) gehört, wohnen nur 650 Menschen. Florian Schöberl ist 30 Jahre alt und hat sein ganzes Leben hier verbracht. Der letzte Laden schloss, als er noch ein Kind war, ein Wirtshaus gibt es seit über zehn Jahren nicht mehr. Doch Schöberl und eine Handvoll Nachbarn sorgen dafür, dass in Seelbach trotzdem was los ist. Jeden Freitagabend öffnen sie das Clubheim des Sportvereins als Kneipe, mit dem Thekendienst wechseln sie sich ab. Im Dezember organisieren sie einen Weihnachtsmarkt in Privatgärten, der Seelbach den Beinamen „Weihnachtsdorf“eingebracht hat. Im Sommer gibt es ein Straßenfest, als Nächstes steht ein Ostermarkt auf dem Programm. Wegziehen muss hier keiner, findet Schöberl.

In Altheim beschäftigt die drohende Schließung des Lädchens die Politik. Im Sommer gab es eine Infoveranstaltung der Gemeinde, es hat sich ein Arbeitskreis gebildet. Nach dem Treffen hätten zwar mehr Altheimer bei ihr eingekauft, sagt Lauszat. „Aber das hat nicht lange angehalten.“ Sie hatte sich finanzielle Unterstützung von der Kommune erhofft. „Für so vieles ist Geld da. Warum nicht für das Lädchen?“, fragt Lauszat. Sie ist enttäuscht.

Gerald Frank, der Bürgermeister von Münster, kann die Enttäuschung nicht verstehen. „Der Laden ist kein Sozialprojekt“, sagt er. Und:„Die Altheimer müssen sich bewegen.“ Es genüge auch nicht, bestehende Kunden zufriedenzustellen. Frau Lauszat müsse Neue gewinnen. Jüngere Kunden. Am Lädchen fehle es an Parkplätzen, der Eingang sei nicht barrierefrei, die Deko nicht zeitgemäß, fasst der Sozialdemokrat Kritikpunkte aus der Bürgerversammlung zusammen. Der Vorschlag, den Laden in die ehemalige Schule zu verlagern, wo es Stellplätze gibt, wurde verworfen. Der Umzug wäre zu aufwändig.

Letzte Hoffnung für Felicitas Lauszat ist das sogenannte Leader-Programm, ein Förderprogramm der Europäischen Union für den ländlichen Raum. In der Rhön gab es 90.000 Euro Fördermittel für die Schaffung eines Ladens in der Dorfmitte. Der Kreis Darmstadt-Dieburg, in dem Münster liegt, gehört zu den 24 hessischen Förderregionen. Auch nach Altheim floss schon Geld aus dem Programm: Das ehemalige Rathaus wurde denkmalgerecht saniert. Der Umbau wurde mit der maximalen Fördersumme von 200.000 Euro bedacht. 2018 wurde Wiedereröffnung im sogenannten „Arthaus“ gefeiert. In den Räumen werden Bilder ausgestellt, es gibt einen Kräuter-Workshop und Kindermalkurse. „Das alte Rathaus ist sehr schön geworden“, lobt die Kaffeerunde im Lädchen. Und die Veranstaltungen im Arthaus? „Die sind nix für uns.“

Eine Förderung des Lädchens ist noch nicht bewilligt, heißt es aus der Hessischen Staatskanzlei. „Ein prüffähiger Antrag liegt noch nicht vor.“ Man sehe aber „gute Förderaussichten, da gerade der Erhalt kleiner Lebensmittelläden im ländlichen Raum eine bedeutende Rolle spielt“. Lauszat steht mit der Kreisverwaltung in Kontakt, die sich um das Förderprogramm kümmert. Zwei Möglichkeiten sind denkbar: Direktunterstützung für neue Kühlgeräte – oder eine Internet-Spendenaktion zur Rettung des Ladens, neudeutsch „Crowdfunding“. Am 18. März feiert das Lädchen zehnjähriges Bestehen. „Wir haben ein paar schöne Aktionen geplant“, sagt die Einzelhändlerin. Ein Altheim ohne den Laden – das mag sich keiner vorstellen.

Neun Gründe für ein Leben auf dem Dorf 

  1. Über 50 Prozent der Wertschöpfung Deutschlands erfolgen auf dem Land, viele Weltmarktführer haben ihren Sitz in Dörfern und Kleinstädten.
  2. Das Land versorgt die Gesellschaft mit Lebensmitteln und Rohstoffen wie Wasser, Holz und erneuerbarer Energie.
  3. Auf dem Land sind die Menschen zufriedener mit ihrem Wohnumfeld.
  4. Kinder und Jugendliche können hier gesünder aufwachsen.
  5. Ländliche Lebensstile sind in.
  6. Es besteht eine hohe Kompetenz, lokale Aufgaben und Probleme ehrenamtlich oder genossenschaftlich anzugehen.
  7. Selbstverantwortung und „Anpackkultur“ sind im Dorf tief verwurzelt.
  8. Das Land bietet hochwertige Kulturlandschaften.
  9. Hier existiert eine alternative Lebensform, die durch Natur- und Menschennähe geprägt ist.
(Quelle: Humangeograf Gerhard Henkel, Autor von „Rettet das Dorf!“)