„Hajimemashite Tokyo!“ – VRM-Autor Sascha Kopp hatte in Tokio kurz moralische Bedenken, als er sich sein Essen selbst fangen sollte, und weiß nun, welche Kleinigkeit die Herzen der meisten Japaner öffnet.

Eine Multimediastory von Sascha Kopp

Schon bei der Ankunft am Tokyo-Narita-Flughafen wird klar, klaustrophobisch darf man hier nicht sein. Unzählige Menschen schieben ihre Rollkoffer wie beim Autoscooter umher, nur rammen ist hier nicht erlaubt. Scheinbar ziellos irren die Reisenden durch die Halle und halten Ausschau nach jemandem, der sie abholt, oder einem Fortbewegungsmittel. Das ist auch ratsam, denn der Flughafen liegt gut eine Stunde Fahrtzeit außerhalb des Zentrums und dabei sind Staus noch nicht berücksichtigt.

Tokio gehört mit New York, London und Paris zu den attraktivsten Städten der Welt und belegt beim Global Cities Index immer einen Rang unter den ersten vier Plätzen. Schnell wird klar, Tokio ist anders. Mit 37 Millionen Einwohnern ist die Metropolregion Tokio-Yokohama die größte der Welt. Trotz dieser unglaublichen Zahl fühlt man sich als Tourist in dieser gigantischen Stadt ausgesprochen wohl und sicher. Eine Mega-City, in der Tradition und Moderne so dicht beieinander liegen wie in keiner anderen vergleichbaren Metropole. Sony, Honda, Canon, und Mitsubishi Motors, um nur einige zu nennen, haben hier ihren Firmensitz und trotz, oder gerade wegen dieser modernen Technologie sind traditionelle Teehäuser, Trommelkurse, Kimonos und Bonsai-Schulen so angesagt.

Nach elf Stunden Flug meldet sich der erste Hunger. Und was liegt näher, als in der Stadt mit dem frischesten Sushi und der weltweit höchsten Dichte an Sterne-Restaurants erst einmal Fisch essen zu gehen? Aber Tokio wäre nicht Tokio, wenn das nicht mit einem besonderen Kick verbunden wäre. So bekommt man im Fischrestaurant „Zauo“ erst einmal eine Angel in die Hand gedrückt, um sein Abendessen selbst zu fangen. Dass dies möglicherweise moralische Bedenken für einen Mitteleuropäer mit sich bringt, darüber macht sich die nette Bedienung keine Gedanken. Aber was mache ich, wenn der Fisch mich anschaut und mein Herz erwärmt? Oder noch viel schlimmer: Muss ich ihn auch töten?

Glücklicherweise tritt nichts davon ein. Nach einer guten Viertelstunde erfolglosem Angeln beschließen wir, uns an den Tisch zu setzen, und das Essen ganz klassisch zu bestellen. Ein bisschen teurer, aber die moralische Komponente fällt hierbei nicht mehr so sehr ins Gewicht. „Domo arigato gozaimasu“ (Deutsch: „Vielen Dank“) bedanke ich mich höflich. Und es fällt mir zum wiederholten Mal auf, dass Japaner extrem positiv reagieren, wenn nicht sogar irritiert sind, dass ein Tourist in ihrer Sprache antwortet. In den Großstädten Japans kommt man – mehr schlecht als recht – mit Englisch aus. Aber schon ein paar Brocken Japanisch öffnen die Herzen der Menschen um ein Vielfaches.

Respekt und Höflichkeit spielen im Leben des Japaners eine bedeutende Rolle. Ein Beispiel dafür ist die traditionelle Teezeremonie. „HiSUi Tokyo“ ist eine „Multi-Art-School“ die speziell die traditionelle japanische Kultur pflegt und diese für Japaner und für Touristen_ erlebbar macht. In einer Welt, die von moderner Technologie und Schnelligkeit beherrscht wird, in der der Hochgeschwindigkeitszug Shinkansen mit 400 Stundenkilometern durch das Land rast, wirkt eine Teezeremonie wie aus einem anderen Jahrtausend.

Foto: Sascha Kopp

Der Teeraum, im dritten Stock eines eher schnöden Bürogebäudes im Stadtteil Chuo, ist traditionell eingerichtet: Die Wände sind mit Bambus verschalt, die Gemälde auf Tüchern aufgehängt. Auf dem Boden liegen geflochtene Matten. Nur auf Knien, gebückt und mit viel Demut und Respekt, krabbelt man in den Raum. Hier sollen alle gesellschaftlichen Unterschiede vor der Tür gelassen werden. Fumiko Motohashi, mit einem wunderschönen Kimono bekleidet, bereitet den Tee mit viel Disziplin und Würde zu. Die bis ins kleinste Detail einstudierte Teezeremonie begeistert. „Itadakimasu“, bedanke ich mich – was so viel heißt wie „ich empfange mit Demut“ – und nehme die mir mit zwei Händen gereichte Teetasse an. Am selben Ort geht es traditionell mit einem echten Katana-Schwert, dem japanischen Langschwert, weiter. Meister Suiju Kaito gibt eine kleine Einweisung in Sachen „Battojutsu“. Übersetzt, die Kunst ein Schwert richtig zu ziehen. Dies hört sich einfacher an, als es ist – wie sich kurze Zeit später herausstellt.

Während hier oben im dritten Stock die Traditionen gepflegt werden, herrscht auf den Einkaufsstraßen der Millionenmetropole geschäftiges Treiben. Dort wird es einem nicht langweilig. Ob auf der weltberühmten Shibuya-Kreuzung, wo alle auf einmal losgehen (bekannt geworden durch Filme wie Lost in Translation) oder in der Aoyama-Straße mit ihren Luxusläden – in Tokio ist immer was los. Wer sich außerhalb der Stoßzeiten fortbewegt, ob mit U-Bahn oder zu Fuß, kommt auch ohne klaustrophobische Gefühle gut voran.

Und immer wieder gibt es fernab der Menschenmassen Inseln der Entspannung: Wie bei Bonsai-Meister Kunio Kobayashi, der im Stadtteil Edogawa seit 30 Jahren seinen einzigartigen „Aji no aru Bonsai-Stil“ pflegt. „Die kleinen Bäume zeichnen sich durch ihre harten Linien und den Einfluss von natürlichen Elementen wie Regen, Wind oder Schnee aus“, erklärt Kobayashi. In seinem Garten kann man dem Trubel Tokios fantastisch entkommen.

Im Video erklärt Bonsai-Meister Kunio Kobayashi die Besonderheit der Bonsai-Bäume

Wem das alles zu viel Tradition und Ruhe ist, kann sich auch im „Mori Building Digital Art Museum“ im Stadtteil Koto die volle Dröhnung an digitaler und technologischer Darstellung moderner Kunst holen: 520 Computer und 470 Projektoren verteilen ihr bombastisches Farbenspektakel auf fast 10_000 Quadratmeter Ausstellungsfläche. In fünf unterschiedlichen Welten werden künstliche Regenwälder, farbige Wasserfälle, Schmetterlinge oder Raubtiere an die Wände projiziert. Der Besucher wird Teil der interaktiven Installation, auch ohne VR-Brille (Virtual-Reality-Brille). Es gibt keine räumlichen Grenzen für die Kunstwerke. Die Installationen bewegen und verändern sich von einem Raum in den andern. So wie die Millionenmetropole Tokio, die sich auch immer wieder verändert und sich zwischen Tradition und Moderne ihren Ausgleich sucht.

Impressionen

Reise-Check

  • Anreise: Mit Japans Fluggesellschaft Ana von Frankfurt nach Tokio, 11 Stunden Flugzeit
  • Unterkunft: Zum Beispiel im Park Hotel Tokyo, en.parkhoteltokyo.com.
  • Restaurant: Zauo, www.zauo.com/en
    Teezeremonie HiSUi Tokyo, en.hisui-tokyo.com
  • Auskunft: Go Tokyo, www.gotokyo.org