Raubüberfälle und brutale Morde gehören für Liane Bellmann zum Alltag. Sie ist Phantombilderstellerin und gibt Verbrechern ein Gesicht.

Eine multimediale Reportage von Nadine Peter

Liane Bellmann hört ganz aufmerksam zu, blendet dabei alles um sich herum aus. Sie schaut sich gerade ein Video an, in dem Kollegen von mir einen gemeinsamen Kollegen versuchen zu beschreiben. Und zwar so, dass die Phantombilderstellerin des Landeskriminalamtes Hessen etwas damit anfangen und am Ende ein Phantombild des Kollegen, den sie noch nie zuvor gesehen hat, anfertigen kann.

War die Beschreibung gut?

Beim Anschauen des Videos nickt Bellmann immer mal wieder oder machte einen Daumen nach oben. Aber reichen ihr diese Angaben, um tatsächlich ein Phantombild unseres Kollegen zu erstellen?

Welche Angaben fehlten?

Wäre dies eine echte Zeugenbefragung gewesen, hätte Liane Bellmann an mehreren Stellen noch einmal genauer nachgehakt. Denn die eine oder andere essentielle Information hat der Phantombilderstellerin gefehlt.

Am Anfang steht das Zeugengespräch

Die Beschreibungen der Kollegen haben gezeigt: Es ist gar nicht so leicht, einen Menschen zu beschreiben. Und die Umstände in einem echten Fall sind mit dieser Trockenübung nicht zu vergleichen.

Liane Bellmann trifft nicht selten auf Zeugen oder Opfer, die traumatisiert sind. Doch die erfahrene Phantombilderstellerin weiß ganz genau, wie sie den Leuten die Angst nehmen und ihr Vertrauen gewinnen kann. Klicken Sie auf die kleinen Plus-Zeichen, um mehr zu erfahren.

Wie beginnt man das Gespräch mit dem Zeugen?

Welche Details braucht es zwingend für ein gutes Phantombild?

Exkurs:
Alltag einer Phantombilderstellerin

Wir haben in Hessen eine Deliktschwere festgelegt. Das heißt, es müsste schon ein Raubüberfall, eine Sexualstraftat, ein Mord oder organisierte Kriminalität sein, bis ein Phantombild erstellt wird.

Liane BellmannPhantombilderstellerin

Mehr als nur Bildchen malen

Schritt für Schritt zum Phantombild

Nach dem Begrüßungsgespräch mit dem Zeugen legt Liane Bellmann dann los. Für uns simuliert sie, wie sie nach und nach aus den vorhandenen Angaben ein Profilbild des Gesuchten erarbeitet.

Klicken Sie auf die weißen Punkte des Dummy-Kopfes, um im Video zu sehen, wie die einzelnen Stellen im Gesicht am Computer Schritt für Schritt zu einem Phantombild zusammengesetzt werden.

Phantombildentstehung im Zeitraffer

Exkurs: Traumjob Phantombilderstellerin

Liane Bellmann hat beinah täglich mit schweren Verbrechen zu tun, arbeitet mit traumatisierten Opfern und Zeugen. Das sei nicht immer ganz einfach, wie sie sagt. Sie muss immer professionell bleiben, Dinge nicht zu sehr an sich heranlassen. Doch die Phantombilderstellerin hat ihren „absoluten Traumjob“ gefunden.

Das Ergebnis

Nach knapp eineinhalb Stunden sagt Liane Bellmann: „So, ich denke, das sollte es gewesen sein.“ Sie schaut sich das Phantombild noch einmal genau an, legt noch einen Vergröberungsfilter drüber und dann ist der Moment gekommen, auf den auch sie gespannt gewartet hat. Ich zeige ihr das Originalfoto meines Kollegen Tobias. Auf Anhieb ist zu erkennen: Die Ähnlichkeit ist verblüffend. Vor allem die Augenpartie ist sehr nah dran an der Realität. Aber sehen Sie selbst.

150

Phantombilder erstellt Bellmann pro Jahr

90

Minuten braucht sie im Schnitt für ein Phantombild

25%

Prozent der Fahndungen laufen dank eines Phantombildes erfolgreich

„Vom Typ her passt es“

Als Liane Bellmann das Foto von Tobias sieht, nickt sie zufrieden. Ihr Phantombild sehe zwar nicht 1:1 so aus, aber das müsse es auch gar nicht. Auch in der Realität gehe es viel eher darum, eine Typähnlichkeit hinzubekommen. Und das sei hier definitiv gelungen.

„Das ist doch...!“

Natürlich wollte ich wissen, ob mein Kollege aus der Sportredaktion Tobias Goldbrunner anhand des Phantombildes von anderen Kollegen wiedererkannt wird. Und tatsächlich: Die meisten erkennen ihn auf Anhieb – oder spätestens auf den zweiten Blick.

„Erstaunlich nah an Realität“

Und was sagt das „Phantom“ selbst zum Ergebnis? Tobias war ganz gespannt, wie gut er wohl getroffen wurde und ist beim ersten Blick auf sein Phantombild überrascht, wie ähnlich ihm es sieht. „Nur mein Bart ist in der Realität etwas voller“, schmunzelt er.

Der Trickbetrüger mit Charme

Liane Bellmann hat es in ihren 16 Jahren als Phantombilderstellerin schon mit vielen Verbrechern zu tun gehabt. Tobias hat sich selbstverständlich überhaupt nichts zuschulden kommen lassen. Wenn es ein echter Fall wäre, hätte Bellmann aber eine Vermutung, welche kriminelle Energie in ihm steckt.

Exkurs: Körpersprache bei der Phantombilderstellung

Marc Grewohl ist Körperdolmetscher. Heißt, er kann jede noch so kleine Mimik oder Gestik bei anderen Menschen genau deuten. Sein Wissen gibt er regelmäßig auf Tagungen auch an die Phantombildersteller in Deutschland weiter. Denn bei der Zeugenbefragung können manchmal Feinheiten der Körpersprache entscheidende Hinweise geben.

Mitwirkende:


Text, Informationen & Videos: Nadine Peter
Animation & Layout: Isabelle Scherthan