Kasan, 27. Juni 2018: Das deutsche Fußball-Nationalteam scheidet nach einem 0:2 gegen Südkorea in der WM-Gruppenphase aus. Danach kommt alles auf den Prüfstand, auch der Nachwuchsfußball. Nur ein Jahr nach dem WM-Desaster startet der DFB nun in eine Pilotphase und testet den Kinderfußball von morgen:  ein Spiel auf vier Tore, mit kleineren Teams – das so genannte Funino.

Eine multimediale Reportage von Nils Salecker.

Das Kleinfeld

Das neue Konzept des DFB sieht vor, dass Bambini-Fußballer auf kleineren Feldern anfangen zu spielen, in 3er-Teams und auf 4 Tore.

Was genau plant der DFB?

In zehn Landesverbänden, unter anderem Hessen und Südwest, sollen Kleinfeld-Turniere zur Saison 2019/20 normale Spieltage ergänzen. Die Änderungen gelten von den G- bis zu den E-Junioren.

G-Junioren (Unter-6- / Unter-7-Jährige)

  • Teamgrößen: 2 gegen 2  oder 3 gegen 3  + Ersatzspieler, kein Torwart
  • Feldgrößen: 16 x 20 m (bei 2 gegen 2) oder 28 x 22 m (bei 3 gegen 3)
  • Anzahl Tore: 4 Mini-Tore
  • Wettbewerbsform: Kleinfeld-Turnier

Wer beispielsweise 12 Spieler zur Verfügung hat, kann bei einem 3er-Turnier dementsprechend so mit 4 Mannschaften antreten.

F-Junioren (Unter-8- / Unter-9-Jährige)

  • Teamgrößen: 3 gegen 3 (ohne Torwart) oder 5 gegen 5 (4 Feldspieler +  Torwart)
  • Feldgrößen: 28 x 22 m (bei 3 gegen 3) oder 40 x 22-25 m (bei 5 gegen 5)
  • Anzahl Tore: 4 Mini-Tore (bei 3 gegen 3) oder 2 Kleinfeld-Tore (bei 5 gegen 5)
  • Der DFB empfiehlt das 3 gegen 3
  • Wettbewerbsform: Kleinfeld-Turnier

E-Junioren (Unter-10- / Unter-11-Jährige)

  • Teamgrößen: 5 gegen 5 (5 Feldspieler oder 4 Feldspieler + Torwart) oder 7 gegen 7 (6 Feldspieler + Torwart)
  • Feldgrößen: 40 x 22 bis 25 m (bei 5 gegen 5) oder 55 x 35 m (bei 7 gegen 7)
  • Anzahl Tore: 4 Mini-Tore (bei 5 gegen 5) oder 2 Kleinfeld-Tore (bei 7 gegen 7)
  • Besonderheit: Im 5 gegen 5 kann optional auf 2 oder 4 Tore gespielt werden.

Warum tut es das 7 gegen 7 nicht mehr?

„Das 7 gegen 7 ist für die Allerjüngsten nicht kindgerecht“, sagt Prof. Matthias Lochmann, Sport-Professor an der Universität Erlangen-Nürnberg. Prof. Lochmann hat den Kleinfeld-Fußball in Deutschland mitentwickelt. Er erklärt: Im 7 gegen 7 machen wenige das Spiel, sind häufig am Ball, während andere selten bis gar nicht zum Zug kommen. Sie werden ausgegrenzt und haben weniger Spaß. Der DFB sieht darin einen Hauptgrund, warum im zunehmenden Fußballer-Alter immer mehr Spieler aufhören.

Foto: Matthias Lochmann

Die Dinge werden nicht richtig, nur weil man sie immer wiederholt. Wir hängen 40 Jahre hinterher.

Matthias LochmannProfessor an der Universität Erlangen-Nürnberg

Was Atomkraft und Nachwuchsfußball miteinander zu tun haben? Laut Prof. Matthias Lochmann eine Menge. Für den Atomausstieg brauchte es die Tsunami-Katastrophe von Fukushima 2011. Für den schnellen  Ausstieg aus dem allseits bekannten  7-gegen-7-Spiel das frühe WM-Aus 2018 in Kasan. Wie bei der Energiewende geht es um Nachhaltigkeit.

Nachholbedarf in der Ausbildung

Aktuell sieht Prof. Lochmann Belgien in Sachen Ausbildung führend. Auch hinter England und Frankreich hinke der deutsche Nachwuchsfußball derzeit hinterher. Gerade bei Technik und Dribblings sieht er viel Luft nach oben.

Wenn die Reform so umgesetzt wird, wie geplant, wird Deutschland Belgien überholen.

Matthias Lochmann, Sport-Professor an der Uni Erlangen-Nürnberg

Mit Kinderaugen

Kinder sind naturgemäß „Egoisten“, sagt Prof. Lochmann. Was sie motiviert und wie sie auf ein Kleinfeld mit vier Toren blicken, erklärt er in diesem 360-Grad-Video.

Gut, besser, Funino?

Das Spiel auf vier Tore – Funino genannt – basiert auf Ideen den deutschen Fußball-Vordenkers Horst Wein. Im Fußball-Internat des FC Barcelona wird Funino schon seit Jahrzehnten praktiziert. In einer Reihe von Pilotprojekten hat Prof. Lochmann Funino getestet, evaluiert und seit mehreren Jahren für eine Reform beim DFB geworben.

Nur 7 Prozent der Tore: Vergleich 7-gegen-7 vs. Funino

Schritte

Geschwindigkeit

Pässe

Tore

Das alte Modell kommt in vielerlei Hinsicht nicht an das Kleinfeld heran.

Mehr Spaß und Qualität

Prof. Lochmann erklärt: Mehr Ballkontakte führen zu mehr Teilhabe am Spiel. Mehr Teilhabe am Spiel macht Kindern mehr Spaß und macht sie besser.

Fotos: dpa

Xavi, Cristiano Ronaldo und Lionel Messi (v.l.) sind Sinnbilder des Straßenfußballers. Sie verkörpern das Funino-Ideal: den Ball, den Gegner und den Raum in Sekundenbruchteilen beherrschen zu können.

Ziel muss es sein, mehr Individualisten auszubilden [...]. Weniger Konzeptspieler – mehr freche Straßenkicker. Dabei halte ich das Drei-gegen-drei auf Minitore für alternativlos.

Julian NagelsmannTrainer von RB Leipzig (Foto: dpa)

Durch die höhere Wiederholungszahl kann die Balltechnik noch besser geübt werden. Und durch das Spiel auf vier Tore spielen kann die Orientierung auf dem Platz verbessert werden.

Sandro SchwarzTrainer des 1. FSV Mainz 05 Foto: dpa

Man muss kein Mathe-Genie sein, um auszurechnen, wie viele Jungs über die Wupper gehen, weil sie den Ball nie gesehen haben.

Meikel SchönweitzDFB-Junioren-Cheftrainer (Foto: dpa)

Das 7-gegen-7 war schieflastig. Ein Talent bekam immer den Ball, damit es die Tore machte und die anderen liefen lustlos mit. Ergebnis: Die Trainingsbeteiligung nahm ab, die Väter stritten untereinander, der Erfolg blieb auf der Strecke.

Walter JenicekLeser unserer Zeitungen und Vater von drei Fußball-Kindern

F-Jugend-Trainer: "Das ist eigentlich ganz einfach"

Lais Franzen ist selbst Vater und Jugendtrainer bei der SG Orlen (Taunus). Schon seit Längerem lässt er Funino im Training spielen.

Kleinfeld-Turniere an Spieltagen

Spieltage sollen künftig in Turnierform stattfinden. Hierfür werden mehrere Kleinfelder mit je 4 Mini-Toren nebeneinander aufgebaut. In Pilotprojekten fanden solche Kleinfeld-Festivals bereits statt. Wie hier in Mainz-Laubenheim.

Foto: Harald Kaster

Turniere werden im Auf- und Abstiegsmodus gespielt: Der Verlierer rückt ein Feld runter, der Gewinner ein Feld hoch. Das führt dazu, dass sich die Teams auf dem Feld einpendeln, das ihrem Leistungsniveau entspricht.

Kritik und Kontra-Kritik

Noch lange nicht alle sind Fans der Funino-Idee. Mangelndes Know-how von Trainern, vermeintlich erhöhter Organisationsaufwand für Turniere und Kosten bereiten einigen Vereinen Sorgen.

Kinder müssen gewinnen und verlieren lernen

  • Bei den Turnieren werden zwar keine Ergebnisse dokumentiert und Tabellen gibt es auch nicht. Durch den Aus- und Abstiegsmodus dürfte aber allen Kindern klar sein, wer verliert und wer gewinnt.

Da leidet doch die Torhüter-Ausbildung

  • Ex-Nationaltorhüter Bodo Illgner schrieb beim „Kicker“: „Es ist schon ein Problem, wenn ein Torwart zwischen 6 und 10 Jahren, der eh noch nicht so oft trainiert, nicht mal seine Grundregeln bekommt oder vertieft.“
  • Der DFB weist darauf hin, dass im neuen Modus lediglich in der G-Jugend ohne Torwart gespielt werden soll. Ab der F-Jugend kann ein Torhüter zum Einsatz kommen. Denkbar ist auch ein System, bei dem ein Torwart im Spiel auf vier Tore beide Tore seines Teams verteidigt.

Der Aufwand ist unzumutbar

Was braucht es alles für ein Kleinfeld-Turnier?

  • Turniere brauchen eine Turnierleitung, jedes Kleinfeld-Team einen Betreuer und Minimum einen Ball pro Feld.
  • Brauchen jetzt alle gastgebenden Vereine zahlreiche Minitore? Nein, sagen sowohl der DFB als auch Veranstalter wie der Fußballkreis Mainz-Bingen. Eine mögliche Lösung: Teilnehmende Teams bringen Tore mit. Eine mögliche Notlösung: Tore aus Hütchen oder Stangen.

Wo kommen die Helfer her?

  • Mit Blick auf die Helfer verweist der DFB auf die Eltern, die im jungen Fußball-Alter ohnehin oft bei Spielen dabei seien.

Kosten sprengen alle Grenzen

Was kostet Funino?

  • Mini-Tore sind bereits ab ca. 25 Euro erhältlich. Bei 4 Toren macht das einen Anschaffungspreis von ca. 100 Euro.
  • Das Credo des DFB lautet: Lieber 100 Euro in Mini-Tore und für den Gesamtverein stecken als in einen Spieler für die erste Mannschaft.

Das hat mit Fußball nichts mehr zu tun

  • Vier statt zwei Tore, Turniere statt Spiele, in einigen Spielformen keine Torhüter. Kritiker leiten daraus das Totschlag-Argument ab: Das hat mit Fußball nichts mehr zu tun. Der DFB hält dagegen und definiert Fußball durch „Spiel, Spaß und Tore“ und sieht alle drei Parameter gegeben.
  • Mehr Tore, mehr Ballkontakte und mehr Dribblings hält auch Prof. Lochmann dagegen: „Mehr Fußball geht doch gar nicht.“

Das muss man einigen Eltern noch beibringen.

Thorsten WüstenhausJugendleiter der Sportfreunde Dienheim

Als Trainingsform sind die Ideen gut, aber im Spielbetrieb halte ich davon nichts.

Jörg KoltesJugendtrainer der JSG Rheinhessische Schweiz

Jugend-Beauftragte: "Überzeugungsarbeit gefragt"

Marie-Luise Schelhas hat im Fußballkreis Mainz-Bingen bereits drei Kleinfeld-Turniere mitorganisiert. Sie sagt: Der Aufwand hält sich in Grenzen. Sie kennt aber auch die Bedenken der Vereine.

Die Zukunft steht in den Sternen

Was 2020 nach Abschluss der Pilotphase passieren wird, steht noch in den Sternen. Ob das Kleinfeld-Modell dann flächendeckend eingeführt wird, ist offen. Änderungen vorzunehmen, behält sich der DFB bis dahin vor. Ob das Konzept die Aussteiger-Quote tatsächlich senkt und den deutschen Fußball langfristig erfolgreicher macht, das wird sich allerdings frühestens in 15 Jahren zeigen, wenn die Mini-Kicker von heute groß sind.

Mitwirkende:


Text, Informationen, Fotos & Videos: Nils Salecker
Animation & Layout: Isabelle Scherthan, Katharina Beck & Anne Porth
Illustrationen: pking4th, dlyastokiv, FARBAI, martialred – stock.adobe