Feuerwerk im Gehirn: Warum musizierende Kinder bessere Zuhörer werden und ab wann Eltern ihren Nachwuchs fördern sollten.

Eine Story von Nina Waßmundt

Wir leben in einer Leistungsgesellschaft. Kinder, die Musik machen, sind besser in Mathe und Deutsch. Viele Eltern wissen das und fördern ihren Nachwuchs schon im Kindergartenalter mit musikalischer Früherziehung. Aber warum wirkt Musik eigentlich so positiv auf die Entwicklung von Kindern? Was passiert mit dem Gehirn, wenn es frühkindliche Musikerfahrungen macht? Und was verändert das im Hinblick auf sein Verhalten und seine Fähigkeiten? Und abseits des Leistungsgedankens: Wäre unsere Welt am Ende friedlicher, wenn jedes Kind mit Musik aufwachsen würde?

Leistungen des Gehirns

Klicken Sie auf die Grafik und sehen Sie das Gehirn samt Erläuterungen im Vollbild.

10
Milliarden Neuronen
360
Hirnareale
100
Billionen Synapsen
100000000000
Mbit/sec Rechenleistung
400
km/h Weiterleitung von Aktionspotentialen

Sprach- und Hörkompetenz

Kinder lernen zu sprechen, indem sie Erwachsene sprechen hören. Und sie probieren sich lautstark selbst aus: Sie quieken, juchzen, schreien, brabbeln, grummeln, schnalzen, quaken, grunzen, summen und näseln. Unser Gehirn leistet dabei Erstaunliches. Denn die Kinder prägen sich die Laute, die sie in ihrer Umgebung am häufigsten hören, am tiefsten ein und lernen, feinste Unterscheidungen zu entschlüsseln. Es ist ein weiter Weg von den ersten gebrabbelten Silben „ba, da, ga“ bis sie die Bedeutung der Worte verstehen. Das Kindergehirn lernt, den Sprachfluss zu segmentieren und zu strukturieren. Sprach- und Hörzentrum liegen im Gehirn direkt nebeneinander. Wenig überraschend also, dass Musik die Fähigkeit, Sprache zu verarbeiten, langfristig verbessert. Das ist wissenschaftlich belegt.

Neurobiologin Nina Kraus von der Northwestern University in Illinois hat am Hirnstamm geforscht. Sie konnte nachweisen, dass Menschen, die in ihrer Kindheit ein bis fünf Jahre Musikunterricht hatten, Geräusche effektiver verarbeiten als musikalisch Ungebildete. Warum? Aktiv Musik zu machen, schult die Fähigkeit, komplizierte akustische Muster zu erkennen. Und aus solchen besteht unsere Sprache. Außerdem lernt der Hirnstamm, Störgeräusche auszublenden und relevante Töne verstärkt wahrzunehmen. So fällt es leichter, Gesprächen in lauter Umgebung zu folgen. Ein Beispiel: Kindergartenkinder, die Musik machen, können auf dem Weihnachtsmarkt die Stimme der Mutter trotz des Geräuschpegels sehr viel besser heraushören.

Die Grafik zeigt MRT-Bilder des Hörzentrums in der rechten Gehirnhälfte von fünf musikalisch begabten Kindern: Der rot gefärbte Bereich zeigt den primären Hörkortex, der ohne bewusste Aufmerksamkeit die elementare Hörverarbeitung übernimmt. Diese erste Analyse der Töne und Rhythmen ist mit emotionalen Reaktionen im limbischen System des Gehirns gekoppelt. Und schon frühkindlich entwickelt. Wie man sieht, sind Größe und Lage innerhalb des Hörzentrums individuell sehr verschieden. Die sekundären auditorischen Areale (grün/gelb) ziehen sich wie ein Gürtel um die primären Areale herum. Wissenschaftler vermuten, dass die primären Areale von Geburt an angelegt sind und sich durch Musizieren oder Hörtraining nicht verändern. Gibt es also so etwas wie ein angeborenes musikalisches Talent?

Bessere Zuhörer

Durch Musik klappt das Filtern im Gehirn besser. Werden musizierende Kinder also später im wortwörtlichen Sinn die besseren Zuhörer? Die Antwort auf diese Frage kennt Peter Schneider. Er ist Neurowissenschaftler und Leiter der Forschungsgruppe „Musik und Gehirn“ am Universitätsklinikum Heidelberg und sagt: „Ja, auf jeden Fall! Sowohl das Hinhören (aufmerksamkeitsgesteuert) als auch das Zuhören (kognitiv gesteuertes, entwickeltes Hören) ist nach unseren bisherigen MEG-Messungen (Magnetoenzephalographie) bei musizierenden Kindern und Jugendlichen deutlich ausgereifter als bei nicht/wenig-musizierenden Kindern und Jugendlichen.“

Wie sich Musizieren im Grundschulalter auf die Entwicklung des Hörvermögens auswirkt, hat Schneider gemeinsam mit der Grazer Neuropsychologin Annemarie Seither-Preisler in einer groß angelegten Längsschnittstudie untersucht. Von 2009 bis 2015 haben sie 220 Kinder zwischen sieben und 15 Jahren im Abstand von 12 bis 13 Monaten beim Programm  „Jedem Kind ein Instrument“ in Hamburg und Nordrhein-Westfalen wissenschaftlich begleitet. Darunter auch Kinder mit den Lern- und Entwicklungsauffälligkeiten AD(H)S und Legasthenie. Per MEG haben die Wissenschaftler die Reaktionen des Gehirns auf Klänge in der rechten und linken Gehirnhälfte, im sogenannten auditorischen Kortex beobachtet.

Die folgende Grafik zeigt einen Teil der Studie von Schneider und Seither-Preisler und macht deutlich, dass das Leistungsmaß (auf der y-Achse) in verschiedenen Bereichen (x-Achse) deutlich höher ist, wenn Kinder viel musizieren.

„Es war schwierig, überhaupt Kinder mit Legasthenie oder ADHS zu finden, die bereit waren zu musizieren“, sagt Seither-Preisler. Die Eltern kämen oft gar nicht auf die Idee, die Kinder jetzt auch noch in den Musikunterricht zu schicken. Die Studie hat Ergebnisse zu Tage gefördert, mit denen die Wissenschaftler nicht gerechnet hatten. Die schlechte Nachricht vorweg: Kinder mit den genannten Lernauffälligkeiten haben eine schlechte Synchronisation der Hörareale beider Gehirnhälften. Während viel musizierende Kinder ohne Lernauffälligkeit in der rechten und linken Gehirnhälfte fast zeitgleich (etwa 2 Millisekunden versetzt) reagieren, passiert das bei Legasthenikern beispielsweise jeweils zu unterschiedlichen Zeitpunkten (etwa 20 Millisekunden versetzt) – bei ihnen dauert es also 10 mal so lang. Die gute Nachricht: Durch das Musizieren über einen längeren Zeitraum haben sich die Unterschiede normalisiert oder zumindest verringert. Und damit hat sich auch ihre Lese- und Rechtschreibfähigkeiten verbessert.

In der folgenden Bildergalerie sehen Sie Eindrücke der Studie. Das erste Bild zeigt beispielsweise die Untersuchung eines Kindes via MEG.

Angeborene Musikalität

Jetzt werden viele erleichtert aufatmen, wenn sie an den abgebrochenen Blockflötenunterricht denken: Ja, es gibt tatsächlich eine angeborene Musikalität. Je größer das Volumen der so genannten Heschlschen Querwindung in der rechten Gehirnhälfte (roter Bereich in den Grafiken), desto begabter ist das Kind. Die Heschlsche Querwindung sitzt im Schläfenlappen in beiden Hirnhälften, im „Hörzentrum“ der Großhirnrinde. Sie ist zuständig für die Klangverarbeitung: zum Beispiel für die Klangfarbenerkennung. Und sie ist anatomisch von Kind zu Kind in Form und Größe sehr unterschiedlich ausgeprägt. Die Wissenschaftler haben die Querwindung dreidimensional vermessen und sich gefragt, ob sich das Volumen an grauer Substanz durch häufiges Training erhöht und damit die Größe und Form dieser Gehirnwindung ändert. Die Antwort lautet nein.

Im Volksmund heißt es ja oft: Musizierende Kinder stammen häufig aus bildungsnahen Elternhäusern, werden entsprechend gefördert und sind deshalb oft besser in Tests zu musikalischen oder sprachlichen Fähigkeiten. Das stimmt laut Seither-Preisler nur bedingt. Sie sagt: „Wie viel ein Kind übt und wie gut sich das Gehirn entsprechend entwickelt, hängt unseren statistischen Ergebnissen zufolge zu 60 Prozent von der angeborenen Begabung und nur zu etwa 40 Prozent vom Umfeld ab.“

Das konnten die Wissenschaftler in ihrer Studie nachweisen: Sie haben das Bildungsmilieu, die Zuwendung der Eltern und deren finanziellen Investitionen in die Bildung ihrer Kinder in Beziehung zu den neuroanatomischen Merkmalen gesetzt. Ergebnis: Die angeborene Begabung ist am stärksten dafür verantwortlich, dass Kinder freiwillig üben.

Deshalb hängen talentierte Kinder in dieser Beziehung die anderen ab. Durch das musikalische Training arbeiten die Hirnareale immer besser, sprich schneller und präziser. Die musizierenden Kinder hatten nach rund einem Jahr eine höhere Aufmerksamkeit, Konzentrationsfähigkeit und – unabhängig von ihrem sozialen Hintergrund – auch eine bessere Lese-Rechtschreib-Kompetenz. Eine Entwicklung von Hörfunktionen finde zwar automatisch bei jedem Kind bis in die Pubertät hinein statt, bei musizierenden Kindern laufe dieser Reifeprozess aber wesentlich schneller und effektiver ab, so Seither-Preisler. Positive Effekte zeigen sich vor allem bei denen, die viel üben. „Wenn ein Kind zwei Jahre etwa zweieinhalb Stunden pro Woche an seinem Instrument übt, hat das schon einen dauerhaften positiven Effekt auf das Gehirn.“

Klicken Sie links auf das Foto, um mehr über die Forscherin zu erfahren. Das komplette Interview lesen Sie per Klick rechts auf die Überschrift.

Prof. Annemarie Seither-Preisler

Neuropsychologin

Annemarie Seither-Preisler von der Universität Graz untersucht in einem Kooperationsprojekt mit der Universität Heidelberg seit 2009 die Langzeiteffekte frühen musikalischen Trainings auf die Gehirnentwicklung. Die Studie (AMseL: Audio- und Neuroplastizität musikalischen Lernens) ist Teil der Begleitforschung zu dem musikalischen Bildungsprogramm „Jedem Kind ein Instrument“, das derzeit in Norddeutschland mehr als 60.000 Kinder aller sozialen Schichten erreicht. Sie ist verheiratet und hat zwei erwachsene Töchter.

Interview: Fragen aus Elternsicht

Emotionale Intelligenz

Wer Musik macht, kann beim Gegenüber besser zwischen den Zeilen „lesen“. Die Studie von Kraus belegt, dass auch die emotionale Intelligenz vom geübten Entschlüsseln der Töne profitiert: Je präziser die Verarbeitung der auditiven Signale im Hirnstamm passiert, desto feiner erkennen Kinder Emotionen in der Stimme. Weil sie die Klangfarbe der Sprachmelodie exakter analysieren können.

Dadurch fällt es ihnen leichter, unabhängig vom Inhalt des Gesprochenen herauszufinden, mit welcher Intention und Emotion jemand spricht. Das bringt natürlich Vorteile im sozialen Umgang mit anderen. Und macht die Kinder später sogar zu besseren Eltern: Musiker können Babygeschrei emotional besser interpretieren und erkennen, in welchem Zustand ihr Kind ist und was es braucht, sagt Seither-Preisler.

Sozialkompetenz

Musik schult auch die exekutiven Funktionen. Das sind die Fähigkeiten, die Menschen benötigen, um ihr eigenes Verhalten zu kontrollieren, Aufmerksamkeit zu steuern, Impulse zu unterdrücken. „Wir konnten feststellen, dass sich gerade bei den ADHS-Kindern, die Reize aus der Umwelt weniger gut filtern können als Kinder ohne ADHS, die Konzentrationsfähigkeit verbessert“, so Seither-Preisler. Auch eine Langzeitstudie von Hans Günther Bastian an sieben Berliner Grundschulen zeigt das. Über sechs Jahre hat der Professor für Musikpädagogik an 170 Kindern festgestellt, dass sie durch das Musizieren in der Gruppe kooperativer wurden.

Also könnte unsere Welt tatsächlich friedlicher sein, wenn jedes Kind musizieren würde? Eine Antwort auf diese Frage traut sich der Paul-Georg Knapstein, Mediziner an der Uni Mainz, zu. Er sagt: „Wer miteinander Musik macht, schickt sich hinterher online keine Hassnachrichten.“

Wenn ein Künstler die Nerven eines Stierkämpfers, die Konzentration eines buddhistischen Mönchs und die Chuzpe einer Nachtclubbesitzerin braucht, dann wird Musik diese Eigenschaften auch ausprägen und sie werden dem Menschen nicht nur in der Musik selbst zum Vorteil sein.

Hans Günther Bastian, Professor für Musikpädagogik der Universität BonnAus: Bastian, Hans Günther: Kinder optimal fördern - mit Musik. Intelligenz, Sozialverhalten und gute Schulleistungen durch Musikerziehung. Mainz: Schott 2003.

Um die Kinder zu motivieren, sollten Eltern vor allem emotional Anteil nehmen. „Eltern sollten das Familienleben erst mal mit viel Gesang verbinden“, rät Paul-Georg Knapstein. Das Wesentliche sei die Freude am Musikmachen.  „Musizierende Kinder erleben sich selbst bewusster, die innere Welt wird reicher.“ Was man beim Musizieren automatisch erlebt – nach innen zu gehen, sich zu spüren – kann Kindern helfen, ihre Individualität und Identität auszubilden. Besonders vor der Pubertät, bevor sie mit  Erwartungsdruck und Sexualisierung in unserer Gesellschaft konfrontiert werden.

Wer regelmäßig und mit Freude musiziert, findet leichter einen Zugang zu seiner Seelenwelt. Und hat damit einen Raum gewonnen, in den er sich im lauten Alltagsstress immer wieder zurückziehen kann. In dem er seine innere Stimme hört und damit seine psychische Gesundheit nähren kann. Eltern, die ihre Kinder musikalisch fördern, machen ihnen also neben den Transferleistungen und unabhängig von Talent und Erfolg ein Geschenk für ihr Leben, für ihre freie Menschwerdung.

Auch Musikforscher Samuel Mehr rät auf dem Online-Wissenschaftsportal Spektrum, nicht zu sehr auf die positiven Auswirkungen des Musizierens zu achten, sondern die Musik als Wert an sich anzuerkennen. „Jede einzelne Kultur auf der Welt macht Musik, es hat etwas mit dem Menschsein zu tun. Wir unterrichten Shakespeare in der Schule ja auch nicht deshalb, damit unsere Kinder bessere Abschlussprüfungen machen, sondern weil wir glauben, dass Shakespeare wichtig ist.“

Service: Musikschulen in der Region

Wo kann ich mein Kind in der Region musikalisch fördern lassen?  Ob Babykurs, Gong-Therapie, Unterricht in der Band, zuhause oder Kinder-Jazz-Session: Von Rheinhessen bis Gießen gibt es viele Angebote von professionell ausgebildeten Pädagogen. Klicken Sie auf das Notensymbol, um mehr zu erfahren. Die Auswahl der Angebote soll lediglich die Bandbreite der Möglichkeiten aufzeigen und erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit.

Grafik: Matthias Zink

Meinung: Interview mit Mediziner Paul-Georg Knapstein

Muss es immer Klassik sein oder wirkt auch Heavy Metal positiv auf die Entwicklung des Kindergehirns? Diese und andere musikpädagogische Fragen beantwortet Paul-Georg Knapstein, Mediziner der Johannes Gutenberg-Universität Mainz.

Mitwirkende:


Text, Informationen & Videos: Nina Waßmundt
Animation & Layout: Miriam Völlmecke

Quelle:


Abbildungen aus: Schneider, Peter, Seither-Preisler, Annemarie: Neurokognitive Korrelate von JeKi-bezogenen und außerschulischem Musizieren, in: Ulrike Kranefeld, Bundesministerium für Bildung und Forschung (Hrsg.), Instrumentalunterreicht in der Grundschule: Prozess- und Wirkungsanalyse zum Programm Jedem Kind ein Instrument. Berlin: Bildungsforschung Band 41 2015, 19-39.