Vier Einsätze in 24 Stunden – Feuerwehrleute haben ein entspanntes Leben. Oder? Hinterm Alltag auf der Wache steckt mehr als nur Essen, Schlafen und ein bisschen Leben retten. Einmal rund um die Uhr zu Besuch bei der Darmstädter Berufsfeuerwehr.

Eine Multimedia-Reportage
von Frederik Voss.

Es ist Freitagmorgen. Die Wachabteilung B der Darmstädter Berufsfeuerwehr trudelt auf der Wache ein. Abteilung A hat Feierabend. Die Ablösung ist fließend.

Tim ist Oberbrandmeister. Seit 2013 arbeitet er bei der Darmstädter Berufsfeuerwehr. Für Tim ist es der zweite 24-Stunden-Dienst in dieser Woche. Seit einer halben Stunde ist er auf der Wache in der Bismarckstraße. Wenn es um 7 Uhr losgeht, hat der 33-Jährige schon seine Dienstkleidung aus dem Keller geholt.

Foto: Torsten Boor

Tim gehört zur Wachabteilung B. Sobald sein Namensschild an der Tafel hängt, gilt es: Tim ist jetzt im Dienst. Wenn der Alarm losgeht, ist sein Platz auf dem HLF (Hilfeleistungslöschfahrzeug).

22 Leute sind heute bei der Berufsfeuerwehr im Dienst, um Darmstadts Bürger im Notfall zu retten. Pünktlich um 7.30 Uhr gibt es die ersten Infos: Welche Straßen sind heute gesperrt? Was gibt es Neues auf der Wache? Und: Wem melde ich, wenn ich im Einsatz attackiert werde? Tim ist das bisher noch nicht passiert. Doch die Kollegen vom Rettungsdienst und bei der Polizei kennen Fälle, in denen aus Rettern Opfer wurden.

Nächster Akt: Fahrzeugübernahme. Ist alles an seinem Platz? Fehlt etwas? Könnten wir genau jetzt ausrücken? Am Abend vorher hat Eintracht Frankfurt in Mailand gewonnen. Aus dem Radio dröhnt das Vereinslied.

Der Dienstplan auf der Wache ist eng getaktet: Freitags kümmert sich jeder von 8 bis 9 Uhr um sein Sachgebiet. Das kann die Gefahrenabwehrplanung sein, die Brandschutzaufklärung oder der Dienst in der Kleiderkammer.

Foto: Torsten Boor

Tim ist für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig. Im Büro bestückt er zum Beispiel die Homepage der Berufsfeuerwehr. Aber es gibt noch viel mehr zu tun auf der Wache.

Was genau? Machen Sie sich doch selbst ein Bild und gehen Sie auf 360-Grad-Tour durch die Wache an der Bismarckstraße.

Mit den Pfeilen gelangen Sie einen Raum weiter. Das Häuschen-Symbol führt Sie immer zurück in den Hof. Hinter dem „i“ finden Sie mehr Infos.

Einsatz!

Pause!

Blaulicht an, Wasser Marsch und Feierabend. So einfach ist das meistens leider nicht. Zum Feuerwehralltag gehört jeden Tag auch die Ausbildung. „Lebenslanges Lernen“, sagt der stellvertretende Amtsleiter Jens Rönnfeldt.

An diesem Freitag ist CSA-Übung. Einmal im Jahr muss jeder auf der Wache in einen dieser Chemikalienschutzanzüge springen und unter Extrembedingungen Aufgaben lösen, wie sie im Einsatz auftauchen könnten. Unter den Anzügen stecken dabei natürlich auch die Atemschutzgeräte.

Auch auf dem Programm: Übungen am Fahrzeug. Diesmal testen die Feuerwehrleute den Wasserdrucklüfter. Damit lässt sich zum Beispiel eine Gaswolke niederschlagen.

Gutes Personal ist schwer zu finden

Jens Rönnfeldt sagt: „Die Leute hier haben teilweise zwei, drei oder vier Berufe gelernt. Das ist nicht nur ein bisschen Feuer ausmachen.“ In Darmstadt sind aktuell alle Stellen besetzt. Aber gut ist die Personallage nicht. Und guter Nachwuchs ist schwer zu finden. Der stellvertretende Amtsleiter kennt die Gründe:

Was es für einen Job bei der Feuerwehr braucht

Aufgaben

  • Rettung von Menschenleben
  • Tierrettung, Umweltschutz, Erhaltung von Sachwerten, allgemeine Gefahrenabwehr
  • Vorbeugender Brandschutz, Bandschutzerziehung, Katastrophen- und Zivilschutz

Voraussetzungen

  • höchstens 35 Jahre alt
  • durch den Amtsarzt bestätigte Eignung
  • Führerschein Klasse B
  • mindestens Hauptschulabschluss
  • eine abgeschlossene Berufsausbildung
  • Bestehen des Eignungstests

Erwartungen

  • Teamfähigkeit
  • Bereitschaft zur ständigen Fortbildung
  • Bereitschaft, Schichtdienst zu leisten
  • Bereitschaft, Aufgaben im Innendienst zu erledigen

Einstellungstest

Drei Teile, zwei Tage: Zunächst müssen die Bewerber einen Theorietest bestehen.

Dann wartet der körperliche Teil:

  • 3000-Meter-Lauf
  • Koordinationsparcours
  • 200 Meter Schwimmen, 50 Meter Rückenschwimmen, 15 Meter Tauchen
  • Kraftteil mit Standweitsprung, Sit Ups, Latzug und Bankdrücken
  • Handwerkliche Übungen

In den Einstellungsbedingungen heißt es: „Wir weisen ausdrücklich auf die Notwendigkeit des Trainierens für den sportlichen Test hin, da erfahrungsgemäß die meisten Teilnehmer/innen hier ausscheiden.“ 

Wer es schafft, auf den wartet ein Abschlussgespräch.

Ausbildung

Die Ausbildung bei der Feuerwehr beginnt immer zum 1. Februar. Sie ist unterteilt in fünf Abschnitte:

  • 8 Wochen Grundlagenlehrgang
  • 20 Wochen Feuerwehrgrundlehrgang
  • 34 Wochen Praktikum 1
  • 34 Wochen Praktikum 2
  • 8 Wochen Abschlusslehrgang

Zum Grundlagenlehrgang gehört Unterricht in den Fächern Politik, Deutsch, Mathe, Physik, Chemie, Bio und Sport. Im Feuerwehrgrundlehrgang geht es um technische und taktische Grundkenntnisse, dazu müssen Bewerber Sport- und Rettungsschwimmabzeichen ablegen. Die folgenden Praktika sind normale Einsatzdienste bei der Darmstädter Berufsfeuerwehr. In dieser Zeit machen die Anwärter auch ihren Führerschein in der Klasse CE. Im Abschlusslehrgang stehen spezielle einsatztaktische Kenntnisse auf dem Lehrplan. Zur Prüfung am Ende wird nur zugelassen, wer eine Rettungssanitäterausbildung hat.

Gehalt

Wer seine Ausbildung bei der Feuerwehr beginnt, steht in einem „Beamtenverhältnis auf Probe“. Sie müssen sich dann privat krankenversichern. Die Besoldungsstufen sind klar geordnet. Je nach Stufe, Berufsjahren, Familienstand und Schicht gibt es mehr Geld.

2210
Einstiegsgehalt (ohne Zulagen)

Und wie war Tims Ausbildung damals?

Als er damals zum Einstellungstest kam, war er schwer bepackt mit mehreren Taschen. Neben ihm stand ein Bewerber, dessen Laufschuhe an seinem kleinen Rucksack baumelten. „Da war schon vorher klar, dass das nichts wird.“ Tim packte es. Dann kamen zwei Jahre Ausbildung.

Pause!

Festes Ritual am Freitag: Fahrzeugpflege. Dann schrubben die Feuerwehrleute ihre Wagen auf Hochglanz – auch wenn’s eigentlich gar nicht nötig ist. Aber der Dienstplan hat Recht. „Das ist unsere Lieblingsaufgabe“, sagt einer und lacht. Tim sagt: „Es gibt Schlimmeres.“

Und manchmal kommt ja sowieso alles anders.

Einsatz!

Foto: Torsten Boor

Der Gong schlägt. Man hört ihn überall auf der Wache. Die Kollegen der Leitstelle geben die Infos direkt durch: „Rauch auf einer Grünanlage.“ Mehr Details spuckt der Drucker aus. Der Waldbrandzug rückt aus.

Unterwegs sind ein Einsatzleitwagen, ein Hilfeleistungstanklöschfahrzeug und ein Waldbrand-Tanklöschfahrzeug mit extra großem Wassertank. Die Navis in den Fahrzeugen werden direkt aktiviert und lotsen die Einsatzkräfte zu dem Grundstück, auf dem ein Verkehrsteilnehmer den vermeintlichen Brand gesehen hat.

Vor Ort wird schnell klar: keine Gefahr. Hier macht nur jemand ein kleines Lagerfeuer.

Foto: Torsten Boor

Ganz Darmstadt immer im Blick

4
Mitarbeiter in der Leitstelle am Tag
28600
Rettungsdiensteinsätze im Jahr 2018 (ohne Einsätze der Feuerwehr!)
40000
Anrufe in der Leitstelle im Jahr (circa)

„Wer hier arbeitet“, sagt Peter, „hat tagtäglich mit dem Geschäft Tod zu tun.“ 40 Jahre ist er jetzt „hier oben“, wie er sagt. Peter leitet die Schicht. Tagsüber sind sie zu viert, nachts zu dritt. Sie alle sind ausgebildete Feuerwehrleute. Peter sagt: „Hier ist allergrößte Teamarbeit gefragt. Man muss sich aufeinander verlassen können. Diesen Job hier kann nicht jeder.“

Auch deshalb nicht, weil man immer ganz Darmstadt im Blick haben muss. Auf den Bildschirmen sehen die Beamten parallel den City-Tunnel, diverse Ampelschaltungen, die Belegung der Betten der Darmstädter Krankenhäuser und das Wetter. Zwei Bildschirme sind am Nachmittag schwarz. Wenn nachts nichts los ist, darf auf denen auch schon mal das normale Fernsehprogramm laufen.

Foto: Torsten Boor

Mit wenigen Klicks erkennt das System sofort den genauen Einsatzort. Mit ganz bestimmten Codes wird direkt die richtige Einsatzeinheit alarmiert. Auf ihrem Bildschirm sehen die Mitarbeiter der Leitstelle auch, welches Einsatzfahrzeug, welcher Rettungswagen gerade wo in der Stadt unterwegs ist.

„Wir sind kein Taxi-Dienst“, sagt Peter und meint damit viele unnötige Anrufe. Was aber bei jedem der rund 40.000 Anrufe im Jahr mitentscheidet: die soziale Komponente. Wenn eine verzweifelte Oma anruft, die ihren gestürzten Mann nicht mehr alleine ins Bett kriegt, dann kann auch mal der Rettungsdienst helfen. Und wenn alle fünf Minuten die immer gleiche Frau anruft, nur um die Rettungskräfte zu beleidigen, dann muss man auch das irgendwie aushalten. Peter sagt: „Es ist gut, dass wir den Leuten helfen.“

Einsatz!

Wieder ertönt der Gong. Diesmal sind alle gefragt. Eine Brandmeldeanlage hat ausgelöst. Die gibt es in Einkaufscentern, in Heimen, Krankenhäusern, an der Uni. Erkennen diese Systeme, dass etwas nicht stimmt, schlägt das sofort bei Peter und seinen Kollegen in der Leitstelle auf. Die alarmieren dann automatisch einen Einsatzleitwagen und den gesamten Löschzug.

Auch diesmal: Fehlalarm. Mal qualmt es in der Küche zu stark, mal ist es ein Systemfehler. Das ist dann ärgerlich für die Einsatzkräfte, aber das große Glück für Bewohner oder Besucher.

Was passiert, wenn die Einsatzkräfte auf der Wache alarmiert werden? Erleben Sie den Weg aus den Ruheräumen über die Rutschstange bis ins Einsatzfahrzeug mit der Besetzung des HLF in einem 360-Grad-Video.

Einsatz!

Direkt der nächste Alarm. Und doch ist keiner wie der andere.

Foto: Torsten Boor

Offiziell ist noch immer Fahrzeugpflege angesagt. Deshalb war die Besatzung des HLF beim Alarm um 15:03 Uhr mit dem „Hilfeleistungslöschfahrzeug“ beim Tanken. Von dort rückten sie zum Brandmelderalarm aus, der sich als Fehlalarm entpuppte. Auf dem Rückweg zur Wache stürzt ein Radfahrer. Er bricht sich die Nase.

Die Einsatzkräfte auf dem HLF sind dann „First Responder“: Weil die Kollegen in der Leitstelle sehen, dass die Feuerwehrleute viel schneller am Unfallort sind als ein Rettungswagen, übernehmen sie die Erste Hilfe. Schließlich hat hier jeder auch eine Rettungssanitäterausbildung.

Die Sache mit der Wache

Die Darmstädter Feuerwehrleute mögen ihre Wache an der Bismarckstraße. Sie hat Charme, eine gute Lage, aber auch ein Problem: Sie ist ziemlich in die Jahre gekommen. 1954 entstand das Hauptgebäude. Angebaut wurde immer wieder: 1974, 1999, 2006 und 2011. In diesen Gebäuden arbeiten und schlafen die Beamten heute noch immer.

Die Duschen sind im Keller, der eher aussieht wie ein Bunker. Die Umkleiden aber ganz oben unterm Dach. In den Ruheräumen stehen große Ventilatoren, denn eine Klimaanlage fehlt. Für manche Fahrzeuge gibt es feste Parkplätze auf dem Hof, denn die Stellplätze in den Hallen reichen schon lange nicht mehr. Die Schlaglöcher auf dem Hof wurden neulich erst geflickt.

176
feste Mitarbeiter hat die Darmstädter Berufsfeuerwehr
49
Fahrzeuge gehören zum Fuhrpark der Darmstädter Berufsfeuerwehr

„Der Standort ist nicht der schlechteste, aber er ist an seine Grenzen gestoßen“, sagt Jens Rönnfeldt. Die Stadt gab bereits eine Machbarkeitsstudie in Auftrag. Es gab die Überlegung, während des laufenden Betriebs neu zu bauen. Passiert ist bisher nichts.

Pause!

Es lebe der Sport! Wer Leben retten will, der muss fit sein. Deshalb steht jeden Tag mindestens eine Stunde Sport auf dem Dienstplan.

Foto: Torsten Boor

Kein Sport ohne Musik. Im Sportraum im Keller werden Gewichte gestemmt, Liegestütz gemacht. Es läuft Rock. Oben unterm Dach sitzt Tim auf dem Rad, seine Kollegen stehen auf dem Laufband. Es läuft Charts-Musik.

Auch in der Küche läuft Musik: das Beste aus den 80ern, 90ern und von heute. Stefan und Markus kümmern sich ums Abendessen. Es gibt „Nudeln mit Hascho“ und Gurkensalat. Es ist die wahrscheinlich beste Hackfleischsoße von ganz Darmstadt.

Foto: Frederik Voss

Es wird Nacht auf der Wache. Zeit zu reden.

Die Feuerwehr ist noch immer ein Mythos. Für viele sind die Männer und Frauen in den roten Autos die Helden. Es ist der Kindheitstraum: mit Blaulicht durch die Straßen rasen und Leben retten.

Dabei bringen sich die Retter selbst jeden Tag in Gefahr: im Fahrzeug, wenn sie auf Aufzüge steigen, in brennende Häuser rennen – und manchmal sogar, wenn sie Opfern nur helfen wollen.

Was treibt diese Menschen an?

Warum Tims Kollegen bei der Feuerwehr sind, erfahren Sie nach einem Klick auf das jeweilige Bild.

Foto: Frederik Voss

Alex

32 - Oberbrandmeister

„Das ist mein Traumjob. Mein Vater arbeitet hier und ich wollte von klein auf nichts anderes machen. Auch nicht nach meiner handwerklichen Ausbildung.“
Foto: Frederik Voss

Leigh

26 - Brandmeisterin

„Ich sehe den Job als Herausforderung, als Test für mich. Man muss hier körperlich viel leisten und kann viel lernen. Ich will gucken, ob ich's schaffe.“
Foto: Frederik Voss

Tobias

29 - Brandmeister

„Mir macht der Job einfach Spaß. Ich war vorher schon jahrelang bei der Freiwilligen Feuerwehr.“
Foto: Frederik Voss

Stefan

59 - Hauptbrandmeister

„Als ich angefangen haben, gab es noch keine rettungsdienstliche Ausbildung, keine Fachgruppen. Heute ist der Druck größer, aber was zählt, sind immer noch Teamgeist, Zusammenhalt und dass man im Einsatz füreinander da ist. Feuerwehr ist schon etwas Besonderes. Es ist eine Berufung.“
Foto: Frederik Voss

Nico

31 - Oberbrandmeister

„Ich habe ganz einfach mein Hobby zum Beruf gemacht.“

Darmstadt wird dunkel und die Wache an der Bismarckstraße ruhig. Es wird gelesen, telefoniert, der Fernseher läuft. Einige schauen im Internet, welche Fahrzeuge in anderen Wachen so unterwegs sind. Ein paar Kollegen setzen sich nochmal kurz an den Schreibtisch – die letzten Verwaltungsaufgaben des Tages.

Ins Bett kann jeder gehen, wann er oder sie möchte.

Es ist eine ruhige Nacht: kein Einsatz. Tim sagt: „Für einen Freitag waren es ein paar Einsätze zu wenig. Aber das ist auch mal nicht schlimm.“ Der Kaffeeautomat brummt um kurz nach 5 Uhr zum ersten Mal. Um kurz vor 7 Uhr gibt’s für alle zusammen einen letzten Kaffee. Die Wachabteilung C trudelt nach und nach ein. Sie alle haben sieben Dienste in drei Wochen. Tim und „die B“ sind schon am nächsten Morgen, am Sonntag, wieder dran. Um 7 Uhr beginnen die nächsten 24 Stunden.

Mitwirkende:


Text, Fotos, Videos: Frederik Voss
Fotos: Torsten Boor
Grafik, Layout: Miriam Völlmecke

 


Vielen Dank an die Wachabteilung B und alle Mitarbeiter der Berufsfeuerwehr Darmstadt