Zwei Frauen sind gestorben. Niemand möchte sie beerdigen, deshalb übernimmt das die Stadt. Die eine bekommt in Darmstadt ein Wiesengrab ohne Kreuz oder Tafel. Um die andere kümmert sich in Mainz ein Rentner. Zu Besuch bei Amtsbestattungen. 

Eine Reportage von Constantin Lummitsch

Drei Kilo wiegt der Menschenrest in der Urne, eher zweieinhalb, schätzt Alexander Alves Limbado, 48, Aufseher am Darmstädter Waldfriedhof. Er trägt zwei Urnen aus dem Verwaltungshaus, schwarze Behälter aus Maisstärke. Er teilt sich heute die Arbeit mit seinem Kollegen Horst Röpling. Alves Limbado trägt Schwarz und Schirmmütze, Röpling grüne Gärtnerhose. Röpling wird heute das Loch graben, Alves Limbado wird beerdigen. Sie tauschen regelmäßig die Rollen.
Beides ist gleich anstrengend, sagt Alves Limbado. Röpling nickt. Er ist 59 und seit 16 Jahren bei den Darmstädter Friedhöfen. Alves Limbado seit drei Jahren, vorher war er Bestatter. Sie arbeiten gerne auf dem Waldfriedhof, 33 Hektar groß, alte Bäume, Efeu, Rosenbüsche. Wenn es nur nicht so traurig wäre, sagt Röpling. Die toten Kinder, die kleinen Särge, das macht ihm manchmal zu schaffen. Zuhause, beim Bier, redet er darüber oft mit seinem Schwiegersohn. Der arbeitet auch beim Friedhof. Die Familie ist manchmal von unseren Friedhofsgesprächen genervt, sagt Röpling. Kann er verstehen. Der Tod ist ja nicht so leicht.

Alves Limbado bringt die Urnen zum Wagen. Ein offener Elektro-Caddy in Blau, vier Sitze und eine Ladefläche mit Plastikwanne. Da kommen Urnen, Spaten, Harke und Erdbohrer rein. Alves Limbado schaut auf die Uhr. Jetzt kommt keiner mehr, sagt Röpling.

Das ist ein Mensch gestorben
und niemand erscheint bei der Beerdigung.

Alexander Alves Limbado

Die beiden steigen in den Elektro-Caddy. Der Motor summt leise, mit 15 Stundenkilometern rollen sie über die Wege des Waldfriedhofs. Vorbei an dicken Eichen, Grüften, Prunkgräbern. Hier liegen die Reichen und Berühmten. Für die beiden Urnen in der Plastikwanne gibt es keinen Grabstein, nicht mal ein Kreuz. Ihr Platz ist 60 Zentimeter unter der Friedhofswiese.
Wenn ein Verstorbener keine Angehörigen hat oder niemand die Kosten tragen will, muss die Kommune die Beisetzung ausrichten. Ordnungsbehördliche Bestattung oder Amtsbestattung nennt man das.

Jedes Jahr werden es mehr Amtsbestattungen, sagt Röpling. Vor fünf Jahren waren es zehn, heute ist es die Siebzehnte in diesem Jahr. Der Caddy stoppt auf einer Wiese. Hier sind die Urnenreihengräber, sagt Alves Limbado. Es riecht nach feuchter Erde und Kiefernnadeln.

Sie steigen aus, suchen eine Metallplatte im Gras. Jede Platte trägt eine Nummer und steht für eine Grabstelle. Gefunden. Röpling streift sich Handschuhe über, greift sich den Spaten. Viermal sticht er in den Rasen, dann hebt er ein Viereck aus Gras und Erde heraus, legt es vorsichtig ab.

Jetzt ist der Erdbohrer dran. Wie einen meterlangen Korkenzieher dreht ihn Röpling in die Erde, drückt auf den Bohrer, kurbelt, doch der kreist auf der Stelle.
Das geht in den Rücken, sagt er.
Röpling schwitzt, wird blass: Irgendwas blockiert da unten. Er zieht den Bohrer nach oben. In der Stahlspirale steckt ockerfarbene, sandige Erde. Röpling kippt sie aus dem Gerät, beugt sich über das Loch, wühlt mit den Händen. Dann ein Grinsen: Er hält einen Stein im Handschuh. Der war schuld, sagt er und bohrt weiter. Mindestens 80 Zentimeter tief muss das Loch sein, damit über der Urne 60 Zentimeter Erde liegen.
Das ist die Vorschrift, sagt Röpling.
Endlich ist das Loch ausgehoben.

Alves Limbado setzt die Schirmmütze auf, streift Lederhandschuhe über. Er holt die Urne aus der Plastikwanne, geht langsam zum Grab. Die Urne steckt in einem schwarzen Netz. Er kniet, lässt die Urne am Faden des Netzes hinab in die Erde. Er steht auf, nimmt die Mütze ab, senkt den Kopf. Ein paar Sekunden bleibt er stehen, dann wendet er sich ab.

Röpling füllt das Grabloch auf, verteilt die überschüssige Erde mit einer Harke im Gras. Das war’s.
Knien und Mützeabnehmen: Das machen die beiden, weil es ihnen wichtig ist. Sie müssten es nicht tun. Abschiedsgesten sind bei Amtsbestattungen nicht vorgesehen: Die Friedhofsangestellten haben nur die Urne oder den Sarg unter die Erde zu bringen.
Alves Limbado steht neben dem Caddy, er möchte rauchen. Doch das verbietet die Friedhofsordnung. Röpling setzt sich auf eine Bank. Sein Gesicht ist weiß, er schwitzt. Der Rücken schmerzt, sagt er, aber es geht gleich wieder.
Die Asche unter der Erde war mal eine Frau, geboren im Jahr 1930, gestorben und verbrannt im August 2019, beerdigt an einem Montagmorgen im Oktober. Wo wuchs sie auf, wie starb sie? Die Männer wissen es nicht.

In Portugal kenne er keine Amtsbestattungen, sagt Alves Limbado. Seine Eltern stammen von dort. Wenn jemand stirbt, kümmert sich die Familie, sagt er. Aber in Portugal gibt es ein Sterbegeld von rund 1300 Euro für die Ausrichtung einer Trauerfeier. In Deutschland hatte das Sterbegeld eine lange Tradition. Seit dem Jahr 1911 verlangte die Reichsversicherungsordnung von den Krankenkassen Zahlungen an die Hinterbliebenen. 1989 waren es 2100 DM. Die rot-grüne Regierung unter Gerhard Schröder strich das Sterbegeld im Jahr 2004. Begründung: Krankenkassen und Arbeitgeber sollen entlastet werden. 800 Millionen Euro Sterbegeld mussten die gesetzlichen Krankenkassen bis dahin pro Jahr zahlen. Aktuell haben sie laut Bundesgesundheitsministerium mehr als 21 Milliarden Euro als Rücklage angehäuft.

Heute muss man selbst vorsorgen. Eine schlichte Erdbestattung kostet mit Grabstelle, Miete der Trauerhalle, Bestatter und Verwaltungsgebühren etwa 5000 Euro. Kommen Grabstein und Leichenschmaus dazu, wird es teurer. Aber es geht auch viel günstiger.

Alles, was die Verwaltung bei einer Amtsbestattung für überflüssig hält, wird eingespart. In Darmstadt auch ein Kreuz oder eine Grabplatte. Die Stadt gibt für eine Feuerbestattung durchschnittlich 2500 Euro aus.

758

Abholung, Einsargung, Bestattung

393

Einäscherung

300

Urnenbeisetzung

665

Wiesenurnenreihengrab

Nachdem die Männer die zweite Urne vergraben haben, packen sie das Werkzeug in die Plastikwanne. Aufsitzen, es geht weiter.
Röplings Rücken tut nicht mehr weh, sein Gesicht bekommt wieder Farbe.
Wenn Leute Röpling fragen, was er beruflich mache, sagt er: Mein Job bei der Stadt ist ziemlich wichtig. Ich habe 20.000 Menschen unter mir.
Die Leute gucken dann erstaunt, bis er beschreibt, was er genau macht. Dann schmunzeln sie, sagt Röpling.
Manchmal braucht man für den Beruf Humor, sagt Alves Limbado.
Sie rollen an den Kindergräbern vorbei, biegen auf den Hauptweg Richtung Verwaltung ab.

Noch sind Amtsbestattungen selten. Auch Sozialbestattungen, bei denen Angehörige die Beerdigung ausrichten, aber Unterstützung von der Kommune bekommen, sind in der Minderheit. Doch die Häufigkeit von Amtsbestattungen wird zunehmen. Im Jahr 2036 soll laut einer Bertelsmann-Studie rund ein Drittel aller alten Menschen von Armut bedroht sein. Zur Armut kommt die Einsamkeit: Heute lebt die Mehrheit der über 85-Jährigen isoliert oder in Heimen. Wer will mit seinen Eltern oder Großeltern unter einem Dach leben? Wer möchte sie pflegen und in den Tod begleiten? Das übernehmen immer häufiger Pflegedienste, das Heim und später der Hospizverein.  Das Sterben lässt sich outsourcen

In 15 Jahren wird jeder fünfte Westdeutsche und jeder zehnte Ostdeutsche im Alter kinderlos sein, schätzt die Bundeszentrale für politische Bildung. Wer wird dann um diese Menschen trauern? Schon jetzt nimmt in Großstädten wie Frankfurt die Anzahl der Amtsbestattungen zu. 106 waren es im Jahr 2009. Die Stadt Frankfurt bleibt jedoch nicht auf den gesamten Kosten sitzen. In rund 40 Prozent der Fälle findet die Behörde zahlungspflichtige Verwandte oder erhält Geld aus dem Nachlass der Verstorbenen.

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Mannheim

Dies sind die von der Behörde angeordneten Bestattungen. Wie viele Fälle nachträglich von Angehörigen bezahlt oder aus dem Nachlass der Verstorbenen finanziert werden, kann die Stadt Mannheim nicht präzise beziffern.

Die Fälle sind in den vergangenen Jahren angestiegen. Statistisch kann die Stadt Mannheim die Daten nur bis 2014 zurückverfolgen, schreibt die Verwaltung.

Frankfurt

Die Auswertung der Zahlen durch die Stadt Frankfurt ergab, dass in rund 60 Prozent der gemeldeten Fälle eine Kostenübernahme durch das Ordnungsamt erfolgt. Die restlichen 40 Prozent werden von sorgepflichtigen Angehörigen gezahlt. In einigen Fällen wurden nur Restkosten fällig, da ein Teil der Gesamtkosten aus dem Nachlass gezahlt werden konnte.

Auch in der hessischen Landeshauptstadt Wiesbaden werden es mehr Amtsbestattungen, sagt Alfred-Erich Unkelbach. Er leitet hier die Ordnungsbehörde für das Leichenwesen. Seit 1974 arbeitet er für die Stadt. Ein großer stämmiger Mann mit weißem Schnauzer. Er unterscheidet drei Varianten:

Die Gewichtung ist etwa 20-40-40, Armut ist oft das Problem, sagt Unkelbach.

Am schwierigsten sind die Fälle ohne Angehörige. Das ist dann wie bei einem Puzzle, sagt er. Der Sachbearbeiter muss dann Detektiv spielen, nach Einträgen in Melderegistern und Familienbüchern suchen, um mögliche Verwandte zu finden. „Pittelarbeit“ sagt er dazu.

Gibt es keine Angehörigen, muss die Stadt die Beerdigung ausrichten. Ein Bestatter arbeitet für diese Fälle mit der Behörde zum Festpreis zusammen. Im Gegensatz zu anderen Städten zahlt Wiesbaden ein Holzkreuz mit Namen und Lebensdaten.

Ein bisschen Würde wollen wir trotzdem noch, sagt Unkelbach.

Etwa 260 Fälle prüfen die Sachbearbeiter pro Jahr, 110 davon übernimmt die Behörde. Bei den restlichen kümmern sich Angehörige oder Freunde um die Bestattung. Er erzählt von Billigst-Gräbern im Hunsrück. Dort bietet ein Bestattungsunternehmen Wiesengräber für 200 Euro an, Rasenpflege für 15 Jahre inbegriffen. Manche senden die Urne per UPS an günstige, aber weit entfernte Friedhöfe, um Geld zu sparen.

Früher war die Bestattung eines nahestehenden Menschen Ehrensache. Das ist heute nicht mehr so, sagt Unkelbach.

Ein bisschen Würde wollen wir trotzdem noch.

Auf der anderen Rheinseite liegt die Mainzer Friedhofsverwaltung. Ein Neubau neben dem Klärwerk, viel Glas, große Büros. Die zuständige Sachbearbeiterin möchte anonym bleiben. Sie recherchiert wie Unkelbachs Team nach Angehörigen von Verstorbenen. Verwandte müssen für die Beerdigungskosten aufkommen, deshalb sucht die Behörde nach ihnen. Aber auch, um mehr über den Toten und dessen Bestattungswünsche zu erfahren.

Wenn wir rausbekommen, dass jemand nicht verbrannt werden wollte, setzen wir das um, sagt die Sachbearbeiterin. Auch wenn das teurer ist. 2300 Euro kostet eine Erdbestattung, 1580 Euro eine Feuerbestattung. Damit sind Grabstelle, Leichenschau und bei einer Urnenbeisetzung die Kremation bezahlt.  Gebühren für den Bestattungsunternehmer kommen noch dazu.

Wenn die Sachbearbeiterin einen Angehörigen ausfindig gemacht hat, ruft sie ihn an. Manchmal waren Geschwister zerstritten, hatten jahrelang keinen Kontakt. Von mir erfahren sie dann vom Tod des Bruders oder der Schwester, sagt sie.

Manche sagen gar nichts, legen auf.

Manche weinen.

Manche brauchen einen Tag Zeit und melden sich dann.

Manche wollen nichts von ihren toten Vätern wissen. Einer sagte mal: Schmeißt ihn doch auf den Müll, mir ist er egal.

Man braucht Fingerspitzengefühl, sagt die Sachbearbeiterin. Dazu kommen religiöse Traditionen: Gläubige Moslems und Juden lehnen es meist ab, dass man sie nach dem Tod verbrennt.

Wenn wir die Konfession herausfinden, informieren wir die zuständige Kirche, damit auch bei Amtsbestattungen ein Geistlicher dabei ist, sagt sie.
Und was ist mit Atheisten oder Menschen mit ungeklärter Religionszugehörigkeit? Um die kümmern sich Günther Götz und Christopher Jones, zwei Seelsorger im Ruhestand, sagt die Sachbearbeiterin. Ehrenamtlich.

Christopher Jones ist 67 und Blues-Musiker. Er trägt eine weiße Mähne, Schnauzer und Kinnbärtchen zu alten Jeans. Er ist der Sohn eines amerikanischen Literaturwissenschaftlers und einer deutschen Schauspielerin, war Schulsprecher, Hippie, Musiker, Weltreisender, Tischler, Kellner, Tellerwäscher und Wohnungsloser, bevor er in einer New Yorker Bahnhofsmission bei einem Gottesdienst mitmachte und gläubig wurde. In Mainz studierte er katholische Theologie, arbeitete als Diakon, kümmerte sich um Obdachlose und Inhaftierte, unterrichtete Religion an Schulen, betreute Gemeinden, beerdigte Verstorbene.

Was man als Diakon eben so macht, sagt Jones.

Jetzt, im Ruhestand, kümmert er sich immer noch um Beerdigungen. Ihn stört es, wenn ein Mensch wie ein totgefahrenes Tier verscharrt wird, ohne Trauerfeier, ohne Zeugen, ohne Abschied.

Wir wissen ja eigentlich nichts.
Und wir wollen ihr nichts andichten.

Christopher Jones

Er sitzt gerade an einem neuen Fall. Eine Frau ist gestorben, nennen wir sie Paula: 93, Altenheimbewohnerin, keine Angehörigen. Die Sachbearbeiterin von der Friedhofsverwaltung hat Jones eine Mail mit Paulas Lebensdaten geschickt: Geboren 1926 bei Magdeburg, verstorben im Oktober in Mainz. Kinderlos. Konfession: nicht bekannt. Amtsbestattung am 4. November, 11 Uhr, Waldfriedhof Mainz-Mombach.
Aber es gibt da eine Betreuerin. Sie kümmerte sich um Paula, sagt Jones. Er hat eine Mail von der Betreuerin erhalten. Er liest, dass Paula im Jahr 2012 in der Mainzer Neustadt lebte, sich noch selbst versorgen konnte. Ihr Mann war gestorben, seine Urne steht in einer Kammer des Kolumbariums, einer Urnenwand auf dem Waldfriedhof Mainz-Mombach. In seiner Kammer ist noch ein Platz frei: Dort wird Paula beigesetzt.
Sie pflegte Rituale: Mit der Nachbarin trank sie jeden Morgen einen Piccolo. Beim Einkaufen auf dem Mainzer Wochenmarkt brauchte sie manchmal Hilfe. Paula ging immer zu denselben Ständen. Sie mochte Spargel, Handkäse, warme Brezeln. Nach dem Einkauf aß sie Stachelbeertorte vom Domcafe. Sie war eine eigenwillige Dame, schreibt die Betreuerin. Paula legte großen Wert auf die Qualität ihrer Kleidung, kaufte sie nur in Fachgeschäften. In den vergangenen Jahren lebte sie in einem Altenheim. Und da ist noch ein Foto: Paula als alte Frau bei einer Senioren-Fastnachtssitzung in der Mainzer Rheingoldhalle. Sie blickt Richtung Bühne, trägt eine rosa Kette aus Plastikblumen. Die Mundwinkel zeigen nach unten, sie wirkt mürrisch, die Hände wie zum Gebet gefaltet.
Das Foto, die Mails, das sind viel mehr Informationen als sonst, sagt Jones. Vielleicht weiß die Betreuerin noch mehr. Er wählt ihre Nummer. Sie geht ran.

Er sagt, dass er ein Gedicht für Paula schreibt. Für die Beerdigung. Er fragt, ob Paula dement gewesen war, ob sie krank war, ob sie Schmerzen hatte.

Die Betreuerin weiß es nicht. Sie leitet den Betreuungsdienst, kennt Paula nur aus der Zeit um 2012. Eine andere Betreuerin besuchte Paula in den letzten Jahren.

Kommen Sie zur Beerdigung?, fragt Jones.

Die Betreuungsdienstleiterin hat Termine, doch sie will es sich überlegen. Auf jeden Fall komme jemand vom Betreuungsdienst zur Beerdigung.

Jones bedankt sich und legt auf.

Aus dem, was ihm Friedhofsverwaltung und Betreuungsdienst berichten, schreibt er ein Gedicht. Dabei hilft ihm die Wiesbadener Schriftstellerin Gisela Winterling. Gestern Abend war die Gisela da, sagt er. Sie saßen am Küchentisch, die ausgedruckten Mails der Friedhofsverwaltung und der Betreuerin neben sich. Sie überlegten: Was war das für ein Leben? Was war Paula für ein Mensch?

Wir wissen ja eigentlich nichts. Und wir wollen ihr nichts andichten, sagt Jones.

Sie reden, dann schreiben sie gemeinsam. Immer im Wechsel notiert jeder eine Zeile. Ein Satz greift in den anderen und eine Geschichte entsteht. So machen sie es immer. Sind sie mit dem Ergebnis zufrieden, nimmt Winterling das Blatt mit nach Hause und formt aus der Rohfassung ein Gedicht. Poetry-Portrait sagen sie dazu.

Meistens geht es bei Amtsbestattungen weniger poetisch zu. Eine Pfarrerin aus Darmstadt sagt: Ich recherchiere nichts über die Verstorbenen. Ich muss nichts über den Verstorbenen wissen, Gott kennt ihn ja. Deshalb liest sie etwas aus der Bibel vor, einen Psalm oder ein Gebet. Ihr reicht das.

Für Beerdigungen sind Kirchen gut gerüstet: Die Bibel ist voller schöner, trauriger und hoffnungsvoller Geschichten. Aber Jones kann sie nicht verwenden: Seine Amtsbestattungen sind für Konfessionslose. Das Material seiner Grabrede sind die Bruchstücke eines Lebens.

Waldfriedhof Mainz-Mombach, 11 Uhr. Treffpunkt ist vor der Trauerhalle. Es nieselt, ein kühler Novembermontag. Jones kommt um die Ecke, Gitarre in der Hand. Er trägt eine schwarze Lederjacke, dunkle New Balance und einen roten Schal. Gisela begleitet ihn, auch die Betreuerin ist erschienen. Sie stellen sich unter das Dach der Trauerhalle. Die Frauen schweigen.

Noch müssen wir nicht andachtsvoll dastehen, sagt Jones, schnallt sich seinen Mundharmonikahalter um, streicht mit den Fingern über seine Gitarre. Er wirkt, als wolle er gleich auf eine Bühne steigen. Beerdigungen machen ihn nicht mehr traurig. Bei seiner Ersten, in Darmstadt war das, hatte er Muffensausen. Doch das ist wie bei einer Hebamme, für die ist eine Geburt nach dem hundertsten Mal auch was ganz Normales, sagt er.

Die Chefin konnte leider nicht kommen, wegen Terminen, sagt die Betreuerin. Sie selbst kannte Paula seit drei Jahren.

War Paula ein Pflegefall?, fragt Jones.
Nein, aber sie brauchte einen Rollator, sagt die Betreuerin. Am Ende wollte Paula nicht mehr spazierengehen, nicht mehr essen, nicht mehr reden.
Ich kam kaum noch an sie ran, sagt die Betreuerin, ich glaube, sie wollte nicht mehr.
Nur ganz selten blühte Paula nochmal auf: Spielte Mainz 05, rollte sie rüber in den Fernsehraum des Altenheims, fieberte mit, fluchte. Wenn sie sprach, dann vom Urlaub im Allgäu, damals, als ihr Mann noch lebte. Oder von ihrer alten Heimat Magdeburg, sie wechselte dann in den Dialekt und sagte immer Machdeburch.

Wann zog sie nach Mainz? Nach dem Krieg, vorm Mauerbau?

Die Betreuerin weiß es nicht.

Es hat aufgehört zu regnen. Der Friedhofsverwalter kommt aus der Trauerhalle, stellt die Urne auf ein mit rotem Samt verhülltes Podest. Jones geht zur Urne. Die Betreuerin, der Friedhofsverwalter und Gisela Winterling blicken ihn an. Jones spricht mit klarer lauter Stimme, mit einer Fröhlichkeit, die wohl nur Menschen verspüren, die an ein Leben nach dem Tod glauben. Er liest ihr Geburtsdatum und ihr Todesdatum ab, nennt ihren Namen, ihre Herkunft.

Wir sind zusammenkommen, um Abschied zu nehmen, sagt Jones.

Das Gedicht trägt Gisela Winterling vor.
Für Paula, die wir nicht kannten, beginnt es. Das Gedicht erzählt von Paulas Mann, vom gemeinsamen Tanzen, vom Urlaub im Allgäu, vom Piccolo mit der Nachbarin, vom Brezelstand. 138 Wörter, wenig Adjektive, 45 Zeilen. Die ersten lauten so:

Du gehst Deinen Weg
In einer Zeit
Irgendwann, irgendwie
Ohne Kind und Kegel
Von „Machedeburch“ nach Mainz

Danach trägt der Friedhofsangestellte die Urne zum Kolumbarium. Die anderen folgen ihm, Jones spielt im Gehen Gitarre, singt: ein irisches Tanzlied, die Dubliners bringen es häufig. Das Lied ist gleichzeitig eine Allegorie auf das Leben Christi. Ganz ohne Jesus kann es der alte Diakon nicht machen.

Im Kolumbarium stellt der Friedhofsverwalter Paulas Urne neben die ihres Ehemannes. Ein winziger verwitterter Plastikbär sitzt neben seiner Urne. Hat Paula ihn damals in das Wandgrab gelegt?
Winterling liest ein Gedicht von Mascha Kaleko vor: Die Zeit steht still. Wir sind es, die vorübergehen.
Wir wissen nicht, ob du gläubig warst, sagt Jones. Aber als Gläubiger möchte ich für dich beten, um von dir, die ich nicht kannte, Abschied zu nehmen.

Er spricht das Vaterunser.

Der Friedhofsangestellte verschließt das Urnengrab.

Die Feier ist vorbei. Bevor alle gehen, tritt Jones nochmal ans Grab, berührt mit der Hand die Steinplatte. Er murmelt etwas, man kann es nicht so genau verstehen, aber es klingt wie: Schön, dass du nicht alleine bist.

Mitwirkende:


Text, Informationen: Constantin Lummitsch
Fotos, Video: Sascha Kopp