Bund und Länder wollen im KI-Wettkampf mitmischen. Aber was bedeutet das für die Bürger? Das sagt die rheinland-pfälzische Ministerpräsidentin Malu Dreyer (SPD).

Eine Multimedia-Story von Felicitas Dreizehnter, Sebastian Haßlinger und Simon Röhricht

Künstliche Intelligenz (KI) umfassend zu definieren ist nicht leicht. Laut dem Bundesministerium für Bildung und Forschung ist KI ein „Teilgebiet der Informatik und gilt als die nächste wichtige Entwicklungsstufe der Digitalisierung.“ Dabei geht es darum, technische Systeme so zu konzipieren, dass sie Probleme eigenständig bearbeiten und sich dabei selbst auf veränderte Bedingungen einstellen können.

Solche KI-Systeme nehmen einen immer größeren Platz im Lebender Deutschen ein. Laut der „Postbank Digitalstudie“ 2020 verwendeten letztes Jahr bereits 45 Prozent der —vor allem jüngeren — Deutschen Sprachassistenten wie Siri, Alexa und Co.

Doch der internationale KI-Wettkampf dreht sich weniger um Sprachassistenten, sondern vielmehr darum, Künstliche Intelligenz für andere Bereiche, etwa in der Medizin und Industrie nutzbar zu machen.

Foto: pixarbay

Die Lage in Deutschland

Deutschland liegt in der KI-Entwicklung aktuell noch hinter Nationen wie China und den USA. Laut dem Frankfurter KI-Unternehmer und Mitglied des Digitalrates Chris Boos sei Deutschland zwar in der Forschung gut aufgestellt, es mangele jedoch im Vergleich mit China und den USA an der konkreten Umsetzung von Projekten. Gezielte Maßnahmen sollen verhindern, dass Deutschland international den Anschluss verliert.

Im Folgenden finden Sie einige relevante Zahlen zum Thema:

Was sagen die Bürger zum Thema KI?

Um herauszufinden, wie die Menschen im Rhein-Main-Gebiet dem Thema KI gegenüberstehen, haben wir einige Bürger befragt. 

Die Chancen von Künstlicher Intelligenz liegen in der Perfektionierung und Vereinfachung von Arbeit, Steigerung von Produktivität und eventuell auch unserer Weltansicht. Sie könnte uns nämlich aufzeigen, inwiefern unsere Ansichten und Denkweisen limitiert sind. Desweiteren könnte KI uns eine objektivere Leitung für Firmen, Gesellschaft und Ressourcenverteilung geben, da sie nicht nach Eigenmotivation handelt.

Marc Wöhrle26, Lehramtsstudent aus Mainz

Nein, ich fühle mich zum Thema KI nicht ausreichend informiert, und ein Großteil von dem, was ich dazu weiß, stammt aus Eigenrecherche. Deshalb würde ich mir wünschen, dass das Thema z.B. in der Schule mehr behandelt wird, damit sich mehr Menschen ein Bild dazu machen und eine mündige Meinung bilden können. Derzeit habe ich das Gefühl, dass Entscheidungen über unseren Kopf hinweg von Regierung und Unternehmen getroffen werden.

Timo Mayer19, Geschichtsstudent aus Dieburg

Der Unterschied zwischen Mensch und Maschine sollte jedem bewusst sein und KI sollte niemals intelligenter werden als der Erfinder. Arbeitsplätze sollten nicht an KI verloren gehen, damit der Mensch nicht wegen einer Maschine arbeitslos wird.

Marie Seiler20, Aushilfe aus Mainz

Wie ist Ihre Meinung zum Thema?

Malu Dreyer im Interview

Foto: Staatskanzlei RLP/Elisa Biscotti

 

Rheinland-Pfalz will die Künstliche Intelligenz stärken und hat daher im September 2020 die Forschungsmittel verdoppelt. Wir sprachen mit der rheinland-pfälzischen Ministerpräsidentin Malu Dreyer (SPD) über Künstliche Intelligenz und die Agenda für das Bundesland. 

KI und Politik: Wie passt das zusammen?

KI ist eine Schlüsseltechnologie, die bereits heute unser Miteinander zentral beeinflusst. Diese Bedeutung wird in der Zukunft noch zunehmen. Wir müssen uns daher auch als Politik mit dieser Technologie auseinandersetzen. Wir sind in Rheinland-Pfalz in der Erforschung der KI ganz vorne. Mein Ziel ist es, dass wir dies auch in Zukunft bleiben. Unsere KI-Agenda setzt hier die richtigen Rahmenbedingungen. Mir ist es besonders wichtig, dass die KI zum Wohle der Menschen eingesetzt wird. Daher müssen wir die Prozesse der Nutzung prägen, ihre Auswirkungen diskutieren und die notwendigen Konsequenzen daraus ziehen. Ich meine hierbei beispielsweise die Abwägung der Fragen „Was kann KI?“ und „Was darf KI?“. KI kann sicherlich sehr Vieles, aber es liegt an uns, diesen grundsätzlich sehr vielfältigen und zum Teil weitreichenden theoretischen Einsatzmöglichkeiten einen rechtlich-ethischen Rahmen vorzugeben, der unseren Werte- und Moralvorstellungen entspricht.

Genau dies machen wir in Rheinland-Pfalz, der Einsatz von KI und die Forschung an KI stehen für uns immer unter der Prämisse „KI für den Menschen“. Nicht zuletzt vor diesem Hintergrund war ich gerne bereit, die Schirmherrschaft über eine im November letzten Jahres vom Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz (DFKI) und dem Fraunhofer-Institut für Techno- und Wirtschaftsmathematik (ITWM) sowie dem Fraunhofer-Institut für Experimentelles Software Engineering (IESE) ausgerichtete internationale digitale Fachkonferenz zu dem Thema „Trust in AI“ zu übernehmen. In der Veranstaltung mit über 700 Teilnehmerinnen und Teilnehmern aus aller Welt ging es darum, das enormen KI-Know-How und die besonderen KI-Kompetenzen am Standort Kaiserslautern zu demonstrieren und dabei klar zu machen, dass eine Vertrauenswürdige KI zentrale Elemente von KI aus Rheinland-Pfalz sind. Nur so können wir letztlich auch das Vertrauen der Menschen in diese Schlüsseltechnologie gewinnen.

Foto: Andreas Arnold/dpa

Drängt der wirtschaftliche Wettbewerb mit anderen Ländern uns in KI-Bereiche, in die wir gar nicht möchten?

Ich denke nicht, dass unsere europäische Position so schwach ist, dass wir in eine solche Richtung gedrängt werden könnten. Europa ist an dieser Stelle geschlossen und wir haben uns sowohl in der Erforschung als auch in der Anwendung klare Regeln auferlegt. Das muss auch für den Umgang mit Produkten oder Anwendungen gelten, die auf dem europäischen Markt eingesetzt werden. Auch sind wir selbstverständlich sehr sensibel, was beispielsweise Forschungskooperationen angeht. Uns ist bewusst, dass KI-Technologie zum Teil auch als Dual Use-Technologien durch nichtdemokratische Regime eingesetzt werden könnten.

Bis 2025 wird der Bundeshaushalt für Künstliche Intelligenz auf fünf Milliarden Euro erhöht. Gibt es schon konkrete Projekte, die mit diesem Geld finanziert werden, vielleicht auch aus Rheinland-Pfalz?

In Rheinland-Pfalz verfolgen wir verschiedene Überlegungen, um an den in jüngster Zeit durch den Bund angekündigten Mittelerhöhungen zu partizipieren. Konkrete Ansätze werden durch unsere rheinland-pfälzischen Forscherinnen und Forscher beispielsweise im Bereich „KI-Supercomputer“ sowie „Quantencomputing“ verfolgt. Noch vergangene Woche habe ich die Universität Mainz besucht, die sich erfolgreich um Fördermittel im Bereich des „Quantencomputing“ bemüht hat. Das Forschungsprojekt lässt näher an die Realität rücken, was früher nur Science-Fiction war: Ein Quantencomputer wird mit einem Hochleistungsrechner verbunden und für die wissenschaftliche Arbeit nutzbar gemacht. Das wird ein Meilenstein in der Entwicklung dieser innovativen Technologie sein. Die rheinland-pfälzische Wissenschaft ist gut aufgestellt, wenn weitere Anträge für die in Aussicht stehenden Mittel anstehen.

KI-Agenda Rheinland-Pfalz: Was unterscheidet Rheinland-Pfalz in der Entwicklung und Förderung von KI zu anderen Bundesländern?

In Rheinland-Pfalz ist KI bereits seit rund 30 Jahren als Thema von großem strategischen Interesse gesetzt. KI wird seitdem kontinuierlich unterstützt, gepflegt und ausgebaut. Das DFKI in Kaiserslautern und die flankierenden, sich ergänzenden Strukturen an der Technischen Universität Kaiserslautern werden durch verschiedene Instrumente des Landes seither unterstützt. Heute zählt das DFKI mit seinen mehr als 1100 Beschäftigten an den Standorten Kaiserslautern, Bremen und Saarbrücken zu einem der weltweit führenden Forschungsinstitute in diesem Bereich. Weitere international renommierte Einrichtungen, wie die beiden Fraunhofer-Institute ITWM und IESE, aber auch verschiedenste Bereiche unserer Hochschullandschaft haben sich sukzessive mit Unterstützung des Landes in Wissenschaft und Wirtschaft geschätzte Kompetenzen im KI-Bereich aufbauen können. Die aktuelle rheinland-pfälzische KI-Landschaft ist somit das Ergebnis einer Wissenschaftspolitik mit langem Atem. Dass sich eine solche Wissenschaftspolitik mittel- bis langfristig im wahrsten Sinne auszahlt, sehen wir heute am Beispiel der enormen Leistungen am Biotechnologie-Standort Mainz mit seinem Vorzeige-Unternehmen BioNTech, dessen Wurzeln letztlich in wissenschaftlichen Arbeitsgruppen der Mainzer Universitätsmedizin bzw. der Johannes Gutenberg-Universität liegen und das durch ein eng abgestimmtes Translationskonzept für Biotechnologie-Unternehmen optimale Rahmenbedingungen für seine Entwicklung nutzen konnte.

Einige unserer Befragten fühlen sich nicht ausreichend über KI informiert. Welche Informationsangebote werden schon angeboten und was ist noch geplant? Halten Sie es überhaupt für die Aufgabe der Politik darüber aufzuklären?

Neue Technologien bieten große Chancen. Aber wir wissen, dass mangelndes Wissen auch Ängste verursachen kann. Daher ist die Informations- und Aufklärungspolitik hier wesentlich. Die Informationsmöglichkeiten über KI sind heute sicherlich grundsätzlich sehr vielfältig. Interessierte Personen können sich über das Internet oder beispielsweise über Berichterstattungen der öffentlich-rechtlichen Medien informieren. Aber es sind nicht nur die Bürgerinnen und Bürger, die sich über KI informieren wollen. Auch in der Wissenschaft existieren insbesondere in Disziplinen, die bislang eher geringe Berührungspunkte zur KI hatten, oftmals Fragen zu denkbaren Anwendungsmöglichkeiten und fehlende Informationen darüber, wo geeignete Ansprechpartner zu finden sind. Aus dem Grund haben wir in unserer rheinland-pfälzischen KI-Agenda das Konzept der KI-Lotsen entwickelt. Ziel dieser KI-Lotsen ist es, das Wissen bei Akteuren aus Wissenschaft und Wirtschaft über das Spektrum der Einsatzmöglichkeiten von KI-Methoden und über die im Land vorhandenen infrastrukturellen, institutionellen und personellen KI-Kompetenzen zu erhöhen und diesen als Ansprechpartner und Vermittler zur Verfügung zu stehen.

Bei unserer Befragung wurde die Sorge geäußert, dass Künstliche Intelligenzen Arbeitsplätze vernichten könnten. Ist diese Angst berechtigt und wie geht die Politik damit um?

Neue Technologien werden natürlich Auswirkungen auf die Arbeit haben. Sie verändern das Arbeiten, wie wir es heute kennen. Das bedeutet jedoch nicht, dass es zukünftig weniger Arbeit für Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter geben wird. Bisherige Arbeitsplätze werden sich wandeln, neue Arbeitsformen entstehen. Aus der Vergangenheit wissen wir, dass dies nicht dazu führen muss, dass am Ende weniger Arbeit für die Menschen bleibt.

Wichtig ist vor diesem Hintergrund, dass wir diesen Prozess aktiv gestalten. Wir haben daher im Januar letzten Jahres die Einrichtung eines Transformationsrates beschlossen. Damit wollen wir gemeinsam mit den Sozialpartnern den Beschäftigten und den Unternehmen zur Seite stehen, um gemeinsam adäquate Antworten auf die dynamischen Veränderungen in der Arbeitswelt zu finden.

Zum Abschluss eine persönliche Frage: Für welche Zwecke hätten Sie gerne eine KI?

Um zunächst nochmal zu verdeutlichen, wo wir bereits heute sind: Tagtäglich setzen Bürgerinnen und Bürger KI-Technologien im Alltag bereits bewusst oder unbewusst schon ein. Ich denke hier beispielsweise an unsere Smartphones, unsere Navigationssysteme oder wenn wir sprachgesteuerte Systeme wie Alexa oder Google Home verwenden. Viele dieser Dinge verwenden wir deshalb, weil sie unseren Alltag verbessern. Den Alltag im Einklang mit unseren Datenschutz- und Persönlichkeitsrechten und unseren ethischen Wertvorstellungen zu verbessern, unter diesen Prämissen würde ich mir noch mehr KI Einsatz beispielsweise im Bereich der Medizin, der Mobilität oder des Klimaschutzes wünschen.

Was mich natürlich in der aktuellen Zeit besonders beschäftigt ist, in welchem Umfang uns KI zukünftig bei der besseren Bekämpfung von Pandemien wie der aktuellen COVID-Pandemie unterstützen kann. Hierbei sind wir nach meinen Informationen auf vielversprechenden Wegen, wie mir aus derzeit laufenden Projekten unserer rheinland-pfälzischen Forschungsinstitute bekannt ist. In mehreren vom Land geförderten Projekten werden zurzeit verschiedene, sich ergänzende Ansätze zur besseren Bekämpfung von COVID-19 und dessen Auswirkungen erforscht. Um ein Beispiel zu geben: An der Hochschule Mainz wird mit KI erforscht, wie man die Anzahl der Menschen, die ein Gebäude – sei es ein Supermarkt, eine Behörde oder ein Konzertsaal – betritt, intelligent steuern kann. Dank solcher Anwendungen können Überfüllungen vermieden werden.

Dieses Projekt wurde von Studierenden als Abschluss der Lehrveranstaltung „Journalismus als Beruf“  im Bachelor-Studiengang Publizistik konzipiert, recherchiert und produziert. Für diese Lehrveranstaltung kooperieren die VRM und das Institut für Publizistik der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz.