Das Landgericht Wiesbaden sieht sich zum Prozessauftakt am 12. März 2019 einem Ansturm der Prozesszuschauer und der Medien gegenüber. Für Zuschauer gelten verschärfte Sicherheitsvorkehrungen, um Zwischenfälle zu vermeiden. Gleichwohl kann an einem der Prozesstage die aufgebrachte Mutter einer minderjährigen Zeugin zur Anklagebank stürmen. Die Frau wirft aus nächster Nähe einen Taschenschirm in Richtung des Angeklagten, verfehlt ihn aber. Nach 16 Verhandlungstagen verkündet die Schwurgerichtskammer ihr Urteil, das nach der aufwendigen Beweisaufnahme keine Überraschung ist – lebenslange Freiheitsstrafe, besondere Schwere der Schuld und Vorbehalt der Sicherungsverwahrung.  

Begleitet von einem riesigen Medien- und Zuschauerinteresse startete am Dienstagmorgen um 9.30 Uhr der Prozess gegen Ali Bashar. Bereits kurz vor 7 Uhr standen die ersten Zuschauer vor dem noch verschlossen Eingang des Wiesbadener Landgerichts. Im Saal stehen lediglich 56 Zuschauerplätze zur Verfügung. Diese Plätze sind, betrachtet man die Schlange der Wartenden später im Foyer vor der obligatorischen Kontrolle an der Sicherheitsschleuse, schon früh vergeben. Dessen ungeachtet reihen sich weitere Leute ein. Es wird diskutiert. Früh laufen auch die ersten Filmteams ein. Die Polizei ist in und um das Justizzentrum sehr präsent.

Parallel zum Prozessbeginn ist eine Kundgebung geplant, das sei der ausdrückliche Wunsch von Susannas Mutter, sagen die Initiatoren. An der Kundgebung werden später nach Angaben der Polizei rund 30 Personen teilnehmen. Die Kundgebung steht unter dem Motto „Kein Vergessen, kein Vertuschen, kein Kniefall vor importierter Gewalt“. Die Kundgebung findet kaum öffentliche Beachtung, da sie weit vom Justizzentrum entfernt über die Bühne geht.

Das Gericht hatte die Sicherheitsvorkehrungen zum Prozess verschärft, die Polizei war mit mehreren Einsatzwagen vor Ort. Vor dem Gebäude versammelten sich rund ein Dutzend Menschen zu einer Mahnwache.

Demonstrationen und hohe Sicherheitsvorkehrungen vor dem Gericht:
Fotos: Sascha Kopp

Drinnen im Schwurgerichtssaal warten sie auf den Moment, dass dieser Ali Bashar die schmale Treppe vom Zellentrakt hinauf in den Saal geführt wird. Für die Angehörigen der getöteten Susanna ist es ein schwerer Gang, denn sie sehen kurz darauf den Mann vor sich, der Täter ist. Laut Anklage ein Mörder. Es sind erste grausame Details, die Staatsanwältin Sabine Kolb-Schlotter wenig später mit dem Verlesen der Anklageschrift vorträgt. Heimtückisch und zur Verdeckung der Vergewaltigung habe Ali Bashar gehandelt. Dann folgen die Beschreibungen, wie er seinen Arm um das Mädchen gelegt und zugedrückt haben soll. Ein erstes Mal, dann ein kurzes Innehalten, so dass Susanna wieder heftig hatte nach Luft ringen können. Dann ein zweites Mal. Fest und lange. Mehrere Minuten.

Und man versteht in Anbetracht gerade auch dieser Beschreibungen, warum der Vorsitzende Richter Jürgen Bonk die Zuschauer nachdrücklich ermahnt, sich „angemessen“ zu verhalten. Jede Missfallens- oder Wutbekundung sei zu unterlassen. Und Wut ist vielfach vorhanden. „Was der mit dem Kind gemacht, einfach furchtbar“, hatte eine Zuschauerin draußen gesagt. „Ich darf gar nicht sagen, was mir durch den Kopf geht“. Zuschauer, die im Tatort-Format denken und mit dieser Erwartungshaltung zum Prozess gekommen sind, werden enttäuscht.
Hauptverhandlungen können schon mal ein sehr zähes Geschäft sein. Zumal die Akustik über längere Zeit eine Zumutung ist. Wird zu leise gesprochen, bleiben die Zuschauer außen vor. Die fest installierte Mikrofonanlage gehört längst aussortiert. Die Verhandlung folgt einem Ablauf, und die Angaben zur Person gehören dazu.

Der Angeklagte Ali Bashar:

Fotos: dpa

Eher bruchstückhaft schildert Ali Bashar seine Jugend im Norden des Irak. „Mit der Schule hatte ich keine Probleme“, sagt er. Keine Probleme? Er hat nur fünf Klassen besucht, zwei wiederholt. Den Unterricht geschwänzt, lieber mit Freunden unterwegs gewesen. Keine Ausbildung. Kein Beruf. Er habe für die Beamten der nahen Zollstation zur Türkei Kaffee und Tee zubereitet, viel mehr hat er nicht zu berichten. Und zum Asylgrund könne er selbst nicht viel sagen, das wisse seine Mutter besser. Statt nach Deutschland wäre er lieber nach Frankreich gegangen. Und ungeachtet der richterlichen Ermahnung gibt es dann doch ein lautes verbales Reagieren im Zuschauerraum – als dieser Ali Bashar erzählt, dass er in seiner Heimat „drei Jahre bei der Polizei gearbeitet“ habe. Mit der Religion habe er nichts am Hut. Und interessant ist das, was er sich unter einer „guten Frau“ vorstellt, zumindest hat er das gegenüber der Psychiatrischen Sachverständigen im Vorfeld des Prozesses so gesagt: Sie dürfe nicht arbeiten, aber daheim kochen und putzen, nicht auf die Straße gehen, keinen Kontakt mit anderen Männern haben, und sie müsse Jungfrau sein. Als dieses Wort zitiert wird, reagiert Ali Bashar sofort. „Das habe ich nicht gesagt.“ Jungfrauen hätten ihn besonders interessiert, das zumindest sollen Zeugen gesagt haben. Man wird sie an den kommenden Prozesstagen hören.

Nach der Mittagspause hat sich Ali Bashar an die Angehörigen der von ihm getöteten Susanna gewandt. Es tue ihm leid, was er getan habe. Er bereue, wisse aber, dass keine Entschuldigung das Geschehene wiedergutmachen könne. Susannas Mutter kann ihre Tränen nicht mehr zurückhalten. Denn sie weiß – auch kein Urteil dieser Welt bringt ihr Kind zurück. Ali Bashar wirbt, dass er nun ein „anderer Mensch“ sei. Damals bei der Tat sei sein Kopf „leer“ gewesen. Kurz darauf sagt er, dass er nicht mehr könne. Ihr Mandant sei psychisch belastet, er könne weitere Fragen des Gerichts im Augenblick nicht mehr beantworten.

Einschätzung zum ersten Prozesstag:

Die aktuelle, detaillierte Berichterstattung zum Prozess im Fall Susanna finden Sie auf unseren Nachrichtenportalen.

Die weiteren Kapitel:


Impressum:

Autor: Wolfgang Degen
Co-Autor: Nicholas Steinberg
Redaktionelle Mitarbeit: Alexandra Maus
Grafik & Layout: Miriam Völlmecke
Chefredaktion: Stefan Schröder (verantwortlich)


Namensnennung und Fotos

Im konkreten Fall hat sich die Redaktion nach dem Abwägen zwischen dem öffentlichen Interesse und den Persönlichkeitsrechten des Angeklagten für eine identifizierende Berichterstattung entschieden: Der Name des Angeklagten wird genannt, sein Foto unverfremdet gezeigt. Dieses Vorgehen soll bis zu einer rechtskräftigen Verurteilung des jungen Mannes beibehalten werden. Die Voraussetzungen für eine zulässige identifizierende Berichterstattung sind in seinem Fall gegeben. Beim Opfer Susanna zeigen wir das Foto, so lange der Fall noch so präsent ist, nennen aber nur den Vornamen des Mädchens.