Bei Narzissten dreht sich alles um eines: Sie selbst. Wie ist es, mit so jemandem zusammen zu sein? Die wichtigsten Fragen und Antworten zum Thema Narzissmus in Beziehungen.

Eine Multimedia-Story von Johanna Tischler

Im Dezember 2019 trafen sie sich zum ersten Mal: Sieben unterschiedliche Menschen, die das Gleiche erlebt haben – eine Beziehung, die sie vollkommen auslaugte. Die Selbsthilfegruppe „Narzissmus und toxische Beziehungen“ in Darmstadt hat inzwischen eine lange Warteliste. 90 Leute sind es insgesamt. „Es kommen wöchentlich neue Anfragen“, sagt Simone Haese-Reitz, die Gründerin der Gruppe. Was bewegt diese Menschen?

Foto: Photographee.eu - stock.adobe.com

Simone ist 49 Jahre alt. Lange Zeit geriet sie von einer toxischen Beziehung in die nächste. Erst als sie sich mit 40 von dem Vater ihrer Tochter trennte, entschloss sie sich bewusst dazu, allein zu bleiben.  „Ich habe mir gesagt: Das kann doch nicht sein, dass dir immer wieder so etwas passiert“, erzählt sie. Sie setzte sich an ihren Schreibtisch, fing an zu googeln und stieß auf Blogeinträge über Narzissmus und emotionalen Missbrauch. Für sie erklärte das alles. „Ich wusste, wenn es nochmal einen Mann in meinem Leben geben sollte, wird es ein psychisch sehr gesunder Mensch sein“. Simone blieb sechs Jahre Single. Sie ging zu einem Psychotherapeuten, arbeitete ihre Kindheit und ihre Männer auf. Seit drei Jahren ist sie nun verheiratet – glücklich. Heute möchte sie ihre Erfahrungen und ihr Wissen mit anderen teilen.

Foto: Simone-Haese-Reitz

Wenn du jemandem die Situation erklären möchtest, der sie selbst nicht erlebt hat – das ist fast schon eine Lebensaufgabe."

Simone Haese-Reitz, Gründerin der Selbsthilfegruppe "Narzissmus und toxische Beziehungen" in Darmstadt

Der Begriff „toxische Beziehung“ meint eine Beziehung, die auf Dauer seelisch und körperlich krank macht. Beziehungen mit Narzissten sind in aller Regel toxisch. Simone würde zwei ihrer Partner im Nachhinein als Narzissten einstufen. Sie mag es aber nicht, voreilig mit dem Begriff um sich zu werfen. „Heutzutage sagt man schnell, das ist ein Narzisst“. Dabei stecke Narzissmus zunächst einmal in uns allen. Schließlich schaue jeder gerne mal in den Spiegel und mache sich zurecht.

Was ist eigentlich ein Narzisst?

So leicht ist das gar nicht zu beantworten. Vermutlich denken viele an Donald Trump oder an diesen einen Kollegen, der sich selbst für den Größten hält. Narzissmus lässt sich jedoch nicht einfach mit Selbstverliebtheit gleichsetzen. Im Gegenteil: Hinter der großspurigen Fassade von Narzissten steckt oft ein sehr fragiles Selbstwertgefühl. Außerdem ist Narzisst nicht gleich Narzisst. Im Forschungsüberblick „Narzissmus und die narzisstische Persönlichkeitsstörung“ von 2018 sehen Claas-Hinrich Lammers und Stephan Doering Narzissmus als ein Kontinuum, das sich spannt von:

Menschen mit leicht ausgeprägten narzisstischen Persönlichkeitsmerkmalen

Eine moderate Ausprägung narzisstischer Persönlichkeitsmerkmale kann durchaus positiv sein. Diese Personen haben ein stabiles Selbstwertgefühl und einen gesunden Stolz auf ihre erbrachten Leistungen. Den Grund für Misserfolge sehen sie meistens in externen Ursachen, während sie Erfolge sich selbst zuschreiben. Sie besitzen ausreichend Empathie und soziale Kompetenz. Insgesamt sind sie sehr zufrieden und weniger anfällig für Depression oder Einsamkeit.

Menschen mit stark ausgeprägten narzisstischen Persönlichkeitsmerkmalen

Menschen mit stark ausgeprägten narzisstischen Persönlichkeitsmerkmalen haben ein instabiles Selbstwertgefühl. Das kompensieren sie, indem sie ihre Fähigkeiten und Erfolge überbewerten. Um ihr eigenes Selbstwertgefühl zu bestätigen, brauchen sie ständig Aufmerksamkeit und Bewunderung.  Sie haben kaum das Bedürfnis nach Nähe oder Intimität, dafür aber nach Kontrolle, Dominanz und Ausbeutung anderer Menschen. Auf Nichterfüllung ihrer Wünsche, Kritik oder Misserfolge reagieren sie mir Ärger, Aggression und Abwertung. Sie interessieren sich nur für Menschen, wenn diese ihnen bei der Erreichung ihrer Ziele helfen oder sie dadurch ihren Selbstwert erhöhen können. Sie leiden in der Regel nicht selbst unter ihrer Persönlichkeit. Vielmehr ist es das nahe Umfeld, das leidet.

Narzissmus als klinisch diagnostizierbare Persönlichkeitsstörung

Eine narzisstische Persönlichkeitsstörung (NPS) wird dann diagnostiziert, wenn mindestens fünf der Kriterien der NPS des klinischen Handbuchs DSM-5 erfüllt sind:

  1. übertriebenes, unbegründetes Gefühl der eigenen Bedeutung und Talente
  2. Fantasien von Erfolg, Macht, Schönheit oder perfekter Liebe
  3. Glaube, besonders zu sein und nur mit besonderen Menschen auf Augenhöhe zu sein
  4. Verlangen nach übermäßiger Bewunderung
  5. Anspruchshaltung und Erwartung, bevorzugt behandelt zu werden
  6. Ausnutzen anderer, um eigene Ziele zu erreichen
  7. Mangel an Empathie
  8. Neid oder Glaube, andere seien neidisch auf ihn/sie
  9. Überheblichkeit

Es muss zudem ein persönlicher Leidensdruck vorherrschen und die Symptome müssen seit dem frühem Erwachsenenalter bestehen. Die narzisstische Persönlichkeitsstörung geht häufig einher mit anderen psychischen Erkrankungen. Menschen mit einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung haben ein höheres Suizidrisiko, da sie häufiger depressiv und ängstlich sind und negative Emotionen erleben.

Kann man sich in einen Narzissten überhaupt verlieben?

Ja. Denn im ersten Kontakt mit einem Narzissten sind dessen negative Eigenschaften kaum sichtbar. Eine Beziehung mit einem Narzissten ist am Anfang vor allem eines: Überwältigend schön. Narzissten seien sehr charismatisch, so Psychologe Andreas Rexroth. „Zu Beginn einer Beziehung zeigen sie sich fürsorglich, nehmen einen ernst und hören einem zu.“ In Blogs und Internetforen nennen Betroffene diese Phase der Beziehung „Love Bombing“. Der Partner überschüttet einen mit Liebe und Komplimenten und betont immer wieder die Einzigartigkeit der Beziehung. „Man wird umgarnt und bekommt schöne Dinge versprochen“, weiß Simone aus eigener Erfahrung. Gleichzeitig spürt der Narzisst genau, wo die Schwäche des anderen liegt – und baut das Selbstwertgefühl des Partners in diesem Punkt auf. Simone dachte sich: „Endlich mal jemand, der mich wirklich versteht und weiß, wie es in mir aussieht“.

Emotionale Abhängigkeit und Isolation

In dieser Zeit entstehe nach Rexroth eine starke Abhängigkeit vom narzisstischen Partner. Je höher das Podest sei, auf das man gehoben werde, desto größer sei auch die Angst vor dem Absturz: „Das Hoch fühlt sich so toll an, dass die Drohung, fallen gelassen zu werden, unerträglich scheint.“ Man habe schließlich seinen vermeintlichen Seelenverwandten gefunden. Der Narzisst isoliert den Partner am Anfang der Beziehung zudem von Familie und Freunden, indem er zum Beispiel abwertend über sie redet.

Foto: WavebreakmediaMicro - stock.adobe.com

Narzissmus und Empathie

„Ein besonderer Zug von Narzissten ist, dass sie es nicht schaffen, ihre Aufmerksamkeit über eine andere Person zu stülpen“, sagt Rexroth. Die Fähigkeit zur Empathie – also zu spüren, wie sich der andere gerade fühlt und daran teilzuhaben – sei sehr eingeschränkt. Dadurch fühlt sich die Beziehung für den Partner an wie eine Einbahnstraße. Während er versucht mit dem anderen in Resonanz zu treten, hält der Narzisst sich von Gefühlen fern.

Info: Der Mangel an Empathie bezieht sich bei Narzissten auf die emotionale Empathie. Die kognitive Empathie, d.h. die Fähigkeit, sich in andere Menschen hineinzudenken, funktioniert bei Narzissten dagegen sehr gut. 

 

Foto: Andreas Rexroth

Andreas Rexroth

Psychologe, Heilpraktiker für Psychotherapie

Wenn die schöne Zeit vorbei ist: Abwertung und Manipulation

Die „Love Bombing“-Phase hält laut Rexroth nur so lange an, bis der Narzisst das Gefühl hat, die Beziehung sei sicher genug. „Dann ist der Kraftaufwand nicht mehr nötig.“ Sobald etwas nicht so funktioniere, wie der Narzisst es möchte, höre er auf, den Partner zu idealisieren. Er verfalle in ein Schwarz-Weiß-Denken und fühle sich, als wäre er verraten worden. Oft seien Kleinigkeiten der Auslöser für einen Streit: „Zum Beispiel, dass man von der Hochzeit eines Freundes zu spät nachhause kommt. Durch seine eigene Unsicherheit unterstellt der Narzisst dem Partner sofort eine böse Absicht. Für ihn ist das Zuspätkommen ein Zeichen, dass man eine Affäre hat, ihn nicht mehr liebt oder nicht mehr respektiert“, so Rexroth. Der Narzisst sei nicht fähig, seine eigene Wahrnehmung zu hinterfragen.

Die intensiven Glücksgefühle wechseln sich immer häufiger mit heftigen Konflikten ab. Die Beziehung fühlt sich an wie eine Achterbahnfahrt. Jegliche Form der Kritik empfindet der narzisstische Partner als Kränkung, weshalb er darauf abwertend reagiert. Zudem verhält sich der Narzisst gezielt manipulativ. Nach Simone fängt das bei kleinen Dingen an. „Er verlegt den Schlüssel und redet dir ein, dass du unordentlich bist. Irgendwann glaubst du es, obwohl du eigentlich weißt, der Schlüssel liegt immer da.“ Man beginnt langsam an seiner eigenen Wahrnehmung zu zweifeln. Es kann auch vorkommen, dass der Partner über Stunden oder Tage nicht mit einem spricht und man gar nicht weiß, warum.

Auf Blogs finden sich viele alltagspsychologische, meist englischsprachige Begriffe für die Beschreibung solch manipulativer Methoden. Sie basieren auf keinen wissenschaftlichen Erkenntnissen, stützen sich jedoch auf die Erfahrungen von Betroffenen und können helfen, das Erlebte einzusortieren. Auch Psychologe Rexroth findet die Begriffe deshalb hilfreich. Viele seiner Patienten würden kaum glauben, dass sie in einer toxischen Beziehung waren. Oft denken sie, dass der Partner der eigentlich Leidende ist. „Da hilft oft ein kleiner Hinweis, um zu wissen: Es geht nicht nur mir so“.

Gaslighting, Flying Monkeys & Co. - was ist das?

Warum beendet man die Beziehung nicht einfach?

Würde sich die Beziehung nur zum Schlechten entwickeln, wäre es vermutlich nicht so schwer, sie zu beenden. Doch der Narzisst spürt, wenn sich der Partner zu weit von ihm entfernt. „In kritischen Momenten sind Narzissten einsichtig und reflektiert. Sie machen ausreichend viele Zugeständnisse, sodass man wieder in die naive Hoffnung verfällt, er hätte jetzt vielleicht dazugelernt“, sagt Rexroth. Auch Simone erhielt nach negativen Momenten immer wieder Liebesbekundungen. Sie erinnerte sich auch an die schöne Anfangszeit und hoffte, dass sie wieder käme.

Oft kommt zudem eine strukturelle Abhängigkeit vom Partner hinzu. Simone wohnte mit ihrem Freund zusammen, die Wohnung gehörte ihm. Folglich musste sie im Fall einer Trennung ausziehen. Sie kämpfte mit Existenzängsten und der Sorge, ob sie es finanziell schaffen würde. Ihr Selbstwertgefühl war an diesem Punkt zudem völlig zerstört.

Er hat mir ganz klar vermittelt, dass ich nichts wert bin und niemals wieder jemanden finden werde in meinem Leben.“

Simone Haese-Reitz

Sie wusste nicht, ob sie es überhaupt allein schaffen kann, oder ob sie einfach bei ihrem Freund bleiben sollte. „Was Besseres kann ja nicht mehr kommen, das hat er mir oft genug eingebläut.“ Man verharre oft einfach in der Situation, weil man nicht die Kraft habe, über einen Ausweg nachzudenken.

Es sei zudem schwer, sich einzugestehen, dass die Freunde Recht hatten. Manche haben Simone vor der Beziehung gewarnt. Statt von ihrem Partner nahm sie jedoch eher Abstand von ihren Freunden. Sie erzählte ihnen nichts mehr von der Beziehung oder sagte, es sei alles gut – auch wenn gar nichts gut war. „Ich habe mich geschämt. Was denken die jetzt von mir? Die müssen glauben, ich sei völlig bekloppt.“

Simones Beziehung nahm ein böses Ende. Nur eine Freundin von ihr wusste, wie schlimm ihre Situation wirklich ist. Sie schrieb Simone eine SMS, als diese gerade auf der Arbeit war: „Warum verlässt du ihn nicht einfach?“. Diesmal antwortete Simone: „Du hast Recht. Ich muss ihn verlassen.“ Im Auto bemerkte Simone ihren Fehler. Sie hatte die SMS nicht ihrer Freundin, sondern ihrem Freund geschickt. „Ich bekam einen halben Herzinfarkt. Ich war ein Wrack, hatte noch 30 Kilometer zu fahren und habe mir alle Ausreden der Welt überlegt.“ Doch als Simone zuhause ankam, fand sie ihren Freund bereits angetrunken und in Rage vor. Er glaubte ihr kein Wort, prügelte sie durch die Wohnung. Irgendwann hörte sie die Tür, hoffte, dass er weg ist. Sie schrieb ihrer Freundin, die rief die Polizei. Als sie eintraf, durchsuchte sie die Wohnung und fand Waffen hinter Schränken. Im Nachhinein sagt Simone deshalb, es war gut, dass es auf diese Weise endete.

Mit Unterstützung ihrer Freunde, von denen doch noch viele für sie da waren, klagte sie ihren Ex-Partner an. Allein hätte sie es nicht geschafft, sagt sie. „Ich bin durch diese Zeit wie ein Geist. Ich hatte so viel Angst.“ Ihr Ex-Freund erhielt eine Bewährungsstrafe und eine Geldstrafe. Simone wollte das Geld nicht. Stattdessen spendete sie es an das Frauenhaus.

Ich bin durch diese Zeit wie ein Geist. Ich hatte so viel Angst.“ - Simone

Simone Haese-Reitz
Hilfetelefon bei häuslicher Gewalt: 08000 116 016 (kostenlos)

Wie löst man sich aus der Beziehung?

Diese Punkte können laut Psychologe Andreas Rexroth helfen, sich aus der Beziehung zu lösen.

Klicken Sie auf das Bild

Isolation aufbrechen

Mit Freunden über die Beziehung sprechen.

Auf die eigenen Bedürfnisse hören

Daran arbeiten, die eigenen Gefühle und Wünsche zu verstehen und ihnen zu folgen – auch, wenn es vielleicht egoistisch wirkt. Man müsse lernen, sich selbst wieder in das Zentrum des eigenen Universums zu rücken.

Verantwortung übernehmen

Den eigenen Anteil an der Situation hinterfragen. Das heißt nicht, die Schuld für Taten des Partners bei sich zu suchen. Die eigene Verantwortung kann auch nur darin liegen, dass man in der Beziehung bleibt.

Psychologische Beratung/Therapie

Die Zusammenarbeit mit einem Psychotherapeuten kann hilfreich sein, um zu erkennen, was in der Beziehung normal ist und was nicht.

Kontakt abbrechen 

Nach einer Trennung hält es Simone für wichtig, den Kontakt zum Ex-Partner vollständig abzubrechen und alle Kommunikationskanäle zu blockieren. Der Narzisst versuche einen in der Regel zurückzugewinnen, in manchen Fällen könne es auch zu Stalking kommen. Aus der Erfahrung mit der Selbsthilfegruppe weiß sie aber auch: Die meisten, die sich von ihrem narzisstischen Partner trennen, werden rückfällig. „Es fühlt sich an wie ein körperlicher Entzug nach Drogen“, sagt sie. On-Off-Beziehungen sind häufig die Folge. Es brauche Zeit, um damit abzuschließen. In der Selbsthilfegruppe begleitet Simone die Männer und Frauen dabei. Auch dann, wenn sie mehrmals zu ihrem Partner oder ihrer Partnerin zurückkehren. Sie mache ihnen keinen Vorwurf. „Es kommt der Tag, an dem sie sagen: Das wars jetzt. Von da an kann es nur noch aufwärts gehen. Aber an diesen Punkt müssen sie ganz allein kommen.“

Selbsthilfegruppe „Narzissmus und toxische Beziehungen“ in Darmstadt:

darmstadt-narzissmus@gmx.de

Anzeichen einer toxischen Beziehung - Red Flags

Das können nach Psychologe Andreas Rexroth Warnsignale dafür sein, dass die eigene Beziehung toxisch ist:

Isolation von Freunden und Familie

  • Man isoliert sich über die ersten Monate der Beziehung hinaus mehr und mehr von guten Freunden
  • Man hat das Gefühl, sich mit Freunden und Familie nicht über die Beziehung austauschen zu dürfen

Gravierende Entwertungen

  • Man hat das Gefühl, man wird bestraft, wenn man nicht so funktioniert, wie es der andere gerne hätte
  • Der Partner nutzt intime Geheimnisse oder sogar traumatische Erfahrungen, die man ihm anvertraut hat, dazu, um einem ein schlechtes Gefühl zu geben
  • Der Partner entschuldigt sich im Nachhinein nicht und zeigt keine Einsicht für Grenzüberschreitungen

Übertriebene emotionale Reaktionen

  • Der Partner explodiert völlig überraschend wegen Kleinigkeiten oder aus dem Nichts heraus
  • Man äußert sich nicht mehr kritisch, weil man Angst davor hat, wie der andere reagiert

Unnötige Bösartigkeit

  • Der Partner nutzt absichtlich immer wieder die eigenen Schwachstellen aus, obwohl es einem bereits schlecht geht

Wer ist empfänglich für Narzissten?

Manche Menschen scheinen öfter in toxische Beziehungen zu geraten als andere. Woran liegt das? „Die meisten Menschen können sich gesunde Grenzen stecken. Sie wissen oder fühlen, wenn etwas zu viel war und ein normales Ausmaß überschreitet“, sagt Rexroth. Anderen falle es schwerer, sich abzugrenzen. Simone ist gelernte Krankenschwester und sagt von sich selbst, sie habe ein Helfer-Syndrom. „Ich dachte immer: Jeder Mensch hat eine Chance verdient.“ Viele in der Selbsthilfegruppe seien sehr empathisch. Die meisten kämen zudem aus einem Elternhaus, das ebenfalls toxische Strukturen aufweise. Auch mangelndes Selbstwertgefühl spiele eine Rolle.

Foto: Ralf Geithe - stock.adobe.com

Narzissmus - Zahlen und Fakten

In der Wissenschaft wird überwiegend zwischen drei verschiedenen Typen von Narzissmus unterschieden (Quelle: Lammers & Doering 2018):

Hoch funktionaler Narzissmus

Narzissten dieses Typus sind beruflich erfolgreich und verspüren oft keinen Leidensdruck. Vielmehr verursachen sie Leid bei anderen. Sie sind arrogant, kompetitiv und stellen sich selbst gerne in den Vordergrund. Ihren Narzissmus nutzen sie als Motivation für ihren Erfolg. Sie besitzen eine hohe Anpassungsfähigkeit. Es fällt ihnen jedoch schwer, eine dauerhafte Befriedigung aus ihren beruflichen Tätigkeiten oder privaten Beziehungen zu ziehen.

Grandioser (offener) Narzissmus

Diese Form des Narzissmus entspricht den offiziellen diagnostischen Kriterien nach DSM-5. Grandiose Narzissten können sich sozial deutlich weniger anpassen. Sie haben ein hohes Selbstwertgefühl und verhalten sich egoistisch, arrogant und selbstdarstellerisch. Sie zeigen einen deutlichen Mangel an Empathie. In Beziehungen sind sie verführerisch und ausbeutend. Sie neigen zu Wutausbrüchen und Aggression, wenn ihr Wunsch nach Anerkennung nicht erfüllt wird.

Vulnerabler (verdeckter) Narzissmus

Verdeckte Narzissten verhalten sich anders, als man es zunächst erwarten würde. Sie finden sich offenbar nicht großartig, sondern wirken eher depressiv und selbstunsicher. Auf Misserfolge und Kränkungen reagieren sie sehr sensibel. Sie vermeiden soziale Kontakte, geben sich betont bescheiden und empfinden häufig Neid. Innerlich beschäftigen sie sich aber mit Fantasien über ihre Einzigartigkeit und wie diese eines Tages von anderen Menschen erkannt wird.

Es ist davon auszugehen, dass die meisten Narzissten sowohl eine grandiose als auch eine vulnerable Seite an sich haben.

1

der Bevölkerung weist eine narzisstische Persönlichkeitsstörung auf.

Die narzisstische Persönlichkeitsstörung ist sehr selten. Eine Metaanalyse verschiedener Studien zeigt, dass in westlichen Staaten nur rund 1,2 Prozent der Bevölkerung eine narzisstische Persönlichkeitsstörung aufweisen. [2]

75

aller Patienten mit diagnostizierter narzisstischer Persönlichkeitsstörung sind männlich.

Studien belegen, dass 75 Prozent aller Patienten mit diagnostizierter narzisstischer Persönlichkeitsstörung männlich sind. Allerdings wurde im klinischen Kontext bisher nur die grandiose Form des Narzissmus erfasst. Vermutet wird, dass sich Narzissmus bei Frauen eher in der  vulnerablen Form äußert und sie deshalb in Studien unterrepräsentiert sind. [3]

Projekt für mehr Aufklärung

Wie schützt man sich vor einer toxischen Beziehung? Simone Haese-Reitz und Andreas Rexroth haben sich zusammengetan, um das Thema verstärkt in die Öffentlichkeit zu bringen. Gemeinsam arbeiten sie an einem Projekt, das im Spätsommer dieses Jahres starten soll. Sie möchten an Schulen gehen und dort aufklären. Toxische Verhältnisse gibt es nicht nur in romantischen Beziehungen, sondern auch zwischen Eltern und Kindern. Ziel ist es, den Kindern zu helfen, die zuhause keine Bezugsperson haben, der sie sich anvertrauen können.

Mitwirkende:
Redaktion: Johanna Tischler
Layout: Sabine Stang
Quellen:
[1] Lammers, C.-H., & Doering, S. (2018). Narzissmus und die narzisstische Persönlichkeitsstörung. Psych up2date, 12 (4), 331-345.
[2] Volkert J., Gablonski TC. & Rabung, S. (2018). Prevalence of personality disorders in the general adult population in Western countries: systematic review and metaanalysis. The British Journal of Psychiatry, 213 (6), 709–15.
[3] Stinson FS., Dawson DA., Goldstein RB et al. (2008): Prevalence, correlates, disability, and comorbidity of DSM-IV narcissistic personality disorder: results from the wave 2 national epidemiologic survey on alcohol and related conditions. The Journal of clinical psychiatry69 (7), 1033–1045.
Fotos: Photographee.eu-stock.adobe, Prazis Images-stock.adobe, winyu-stock.adobe, nuzza11-stock.adobe, WavebreakmediaMicro-stock.adobe, FourLeafLover-stock.adobe, zinkevych-stock.adobe, Boyko.Pictures-stock.adobe, Ralf Geithe-stock.adobe, Tina Damster-stock-adobe, Andreas Rexroth, Simone Haese-Reitz, Romolo Tavani-stock.adobe, PheelingsMedia-stock.adobe, alphaspirit-stock.adobe, Prostock-studio-stock.adobe, Alextanya-stock.adobe, Nomad_Soulstock.adobe, mrmohock-stock.adobe, vectorwin–stock.adobe, Nomad_Soul-stock.adobe